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Sven B. mit dem Sankt-Georgs-Band bei einer Querdenker-Demonstration in Kassel.

© Andrea Röpke

Tagesspiegel Plus

„Wir sind im Krieg“: Sven B. – Querdenker, Russlandfreund, verhinderter Lauterbach-Entführer?

Sie wollten durch Bürgerkrieg das System stürzen. Sven B. lebte unauffällig in Brandenburg, dabei ist er eine von fünf zentralen Figuren einer militanten Zelle.

Erst war er Impfgegner: An seinem Briefkasten im brandenburgischen Falkensee (Havelland) prangte ein Aufkleber mit dem Spruch, er lasse sich nicht impfen. Dann war Sven B. bei den Querdenkern unterwegs, machte bei einer aus Russland gesteuerten Bewegung mit, und soll schließlich mit anderen den Umsturz geplant haben.

Vor zwei Wochen rückte die Polizei bei Sven B. an, seither sitzt er in Untersuchungshaft. Am Dienstag übernahm der Generalbundesanwalt das Verfahren von den Behörden in Rheinland-Pfalz – „wegen des Verdachts einer terroristischen Vereinigung“. Die Ermittler fanden bei ihm ein Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow und eine SS-Uniform.

Der 54-Jährige soll Rädelsführer der Terrorgruppe gewesen sein – gemeinsam mit Thomas O. Ermittler nahmen O. auf dem Parkplatz eines Baumarktes im pfälzischen Neustadt an der Weinstraße fest. Dort wollte er ein Geschäft abwickeln, von einem Verkäufer für 12.000 Euro Waffen und Munition abholen. Doch der war ein verdeckter Ermittler.

Sven B. soll der Finanzbeschaffer gewesen sein

Seit September 2021 sollen B. und O. über verschiedene Chatgruppen bei Telegram versucht haben, Mitstreiter zu gewinnen. Zum festen Kern sollen schließlich fünf Männer gehört haben, bei einem – in Bayern – fanden Ermittler mehrere Waffen. Ein Dutzend weitere sind im Visier der Ermittler, zum größeren Umfeld rechnen sie weitere 70 Personen. Menschen, die sich in verschiedenen Chatgruppen zusammengefunden haben.

B. soll der Finanzbeschaffer der Gruppe gewesen sein. Er lebte mit seiner Frau in einem Einfamilienhaus in Falkensee: idyllisch gelegen, mit Vorgarten und Zaun. Nachbarn beschreiben die Ehefrau als völlig ahnungslos, bei der Razzia habe sie unter Schock gestanden. Alles seriös, unauffällig, fast spießig, wie es in der Nachbarschaft heißt.

Gab sich ganz gediegen: Sven B. als Finanzexperte.

© privat

B. ist so etwas wie ein Paradebeispiel für eine Entwicklung, für die der Verfassungsschutz eine neue Extremismuskategorie eingeführt hat: „Delegitimierung des Staates“. Angefangen hat es mit Protesten gegen die staatlichen Coronamaßnahmen, die sich dann vermengten mit Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Nun reicht das Phänomen weit in die Szene der Reichsbürger, Selbstverwalter und Rechtsextremisten hinein.

Der Plan: Lauterbach-Entführung, Anschläge aufs Stromnetz

B. und seine Gruppe sollen beabsichtigt haben, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu entführen und notfalls dessen Personenschützer zu töten. Zudem wollten sie Anschläge auf das Stromnetz verüben. Der Plan dahinter: Es kommt zum Blackout, sie könnten bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen und damit „letztlich den Sturz der Bundesregierung und der parlamentarischen Demokratie“ herbeiführen, wie der Generalbundesanwalt erklärte.

B. war als Finanzbuchhalter tätig. Mit O. verbindet ihn die militärische Erfahrung in der DDR. Nach eigenen Angaben diente B. zwischen 1986 und 1990 an der NVA-Offiziershochschule im sächsischen Zittau im Bereich Raketentruppen und Artillerie, absolvierte dabei auch ein Diplom als Mathematiker.

Sven B. als Offiziersschüler bei der Nationalen Volksarmee der DDR.

© privat

Nach der Wiedervereinigung war er bis 1992 für eine Leipziger Firma zeitweise in Russland tätig. O. diente nach eigenen Angaben bis 1989 als Stabsmatrose auf einem Küstenschutzschiff der Marine. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt beide, dass sie auch Sprengstoff besorgen wollten, um ihre Pläne umzusetzen.

Im „Veteranen Pool“ sinnieren Ex-Soldaten über den Umsturz

Ins Visier der Sicherheitsbehörden geriet B. im Frühjahr 2021. Der Verfassungsschutz des Landes Brandenburg beobachtete Sven B. bei Telegram, etwa als einer der Chefs der Chatgruppe „Veteranen Pool“, wo sich frühere Soldaten von NVA und Bundeswehr tummeln und über den Umsturz sinnieren. Sein Nutzername dort: „Georg_im_Widerstand“. Ende April 2021 schrieb er: „Wir ziehen nicht in den Krieg. Wir sind im Krieg. Es gilt, den Bann zu brechen. Geduld und Verlässlichkeit zeichnen einen guten Soldaten aus.“

Im März 2021 war B. in Kassel bei einer Demonstration der Querdenker gegen die Corona-Maßnahmen. Er trug eine Fahne und ein Band an der Jacke, schwarz-orange gestreift. Es ist das Sankt-Georgs-Band, Symbol der Nationalen Befreiungsbewegung Russlands, die auch in Deutschland Anhänger hat und ideologisch eng verbunden ist mit Wladimir Putins Kurs. Es ist ein Puzzleteil der prorussischen Propaganda in Deutschland und Europa – gegen die USA und den Westen. Die Journalistin und Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke interviewte B. in Kassel. Offen sagte er: „Wir wollen nur dieses System weghaben. Das ist keine wirkliche Demokratie.“ Welches System er sich wünscht, sagte er nicht.

Sven B. bei einem Treffen des „Veteranen Pools“ in Thüringen.

© Andrea Röpke/Tim Mönich

Die Veteranen wollten im Frühjahr 2021 auch bei den Coronaprotesten eingreifen, sich schützend zwischen Demonstranten und Polizei stellen. Sven B. war maßgeblich beteiligt, wurde sogar von der Polizei gestoppt. Auch nach dem Hochwasser an der Ahr in Rheinland-Pfalz versuchten die Veteranen, Anschluss zu finden. Im September traf sich die Gruppe im Grünen, mit Wohnwagen, Zelten – und in Uniform. Fotos und Videos belegen, dass auch B. an dem Treffen in Thüringen teilnahm.

Als es im Spätherbst in deutschen Städten mit den Spaziergängen gegen die Coronaregeln losging, als Politiker an ihren Privatwohnungen bedroht wurden, hoffte Sven B. auf einen neuen Anlauf. Immer wieder schrieb er über die „Masse“, die es brauche für einen Umsturz.

Einige Wochen vor dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine postete B. in dem Veteranenchat: „Lasst uns endlich diese neue Normalität beenden.“ Im Februar stellte er dann fest: „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.“ Dass die Spaziergänge etwas bewirken könnten, glaubte er nicht mehr. Und er warnte die anderen im Chat davor, „Strategien herauszuposaunen. Da kannste gleich Dein Säckchen packen und Dich selbst beim LKA abliefern.“ Das Zauberwort sei Vernetzung: „Widerstand findet vermutlich im Untergrund statt.“

Zwei Tage vor seiner Festnahme postete B. noch einmal in die Veteranen-Gruppe bei Telegram: „Kameraden, Achtung! Ich hoffe ihr seid vorbereitet und bereit.“ Wer mitmachen wolle, solle sich zeitnah bei den Gruppenchefs melden. „Es wird ab sofort keine öffentlichen Aufrufe mehr geben.“

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