zum Hauptinhalt
Die 1964 abgerissene Petrikirche, fotografiert um 1920. Rechts die noch gekrümmte Gertraudenstraße.
© akg-images

Grundsteinlegung des House of One: Wo alles begann

Am Donnerstag wird der Grundstein zum House of One gelegt. Ein Rundgang um den Petriplatz, der Keimzelle Berlins - die ihr Aussehen radikal verändert hat.

Von Udo Badelt

Wer Berlins Mitte erkundet, braucht starke Nerven. Kaum eine andere Stadt von Rang hat sich in einem Akt masochistischer Selbstverstümmelung ihr Herz so bereitwillig ausgerissen, ihren Ursprungsort so vollständig ausgelöscht. Am Petriplatz, wo das House of One entsteht, ist nichts mehr zu spüren von dem, was hier einmal existiert hat und bis 1945 im Straßenbild sehr gut ablesbar war: die Keimzelle Cöllns und damit der ganzen Stadt. Sie wurde ausradiert wie Buchstaben aus einem Blatt Papier.

Wir befinden uns auf einer Insel in der Spree. Während der nördliche Teil lange sumpfig war und erst spät bebaut wurde, ist der Südteil, die so genannte Fischerinsel, geologisch aus trockenerem, sandigen Boden zusammengesetzt, weshalb die Besiedelung hier zuerst begann. Und an der höchstgelegenen Stelle der Insel wurde die erste Petrikirche errichtet, geweiht dem Schutzpatron der Fischer. Die urkundliche Erwähnung eines dort tätigen Pfarrers Symeon („Symeon plebanus de Colonia“) 1237 dient bis heute als Grundlage aller Jubiläumsfeiern Berlins, auch der anstehenden 800-Jahr-Feier. Dabei ist längst klar, dass die Siedlung älter ist, mittels Radiokarbonmethode wurden Balken im Erdreich auf 1150 datiert. Die Archäologin Claudia Melisch hat hier mit ihrem Team mehrere Jahre gegraben und dabei exakt 3210 Gräber mit Gebeinen von 3778 Menschen freigelegt. Im Mittelalter wurden Verstorbene noch nicht außerhalb der Stadtmauern bestattet, sondern mittendrin. „Im Umfeld der Petrikirche gab es eine Riesenwolke aus Gräbern, die sich bis unter die heutige Gertraudenstraße zieht“, erklärt Melisch.

Noch ist unklar, was mit der Gertraudenstraße geschieht

Diese von der DDR in den 60er Jahren durch die kriegsruinierte Stadtlandschaft gebrochene maßlos breite Magistrale – einst regional bedeutsamer Handelsweg von Halle und Wittenberg zur Oder, der hier, an einer schmalen und flachen Stelle des Urstromtals, die Spree quert – ist heute das größte Problem des Viertels. Noch ist unklar, was mit ihr geschieht, ob sie zurückgebaut wird wie ihre Verlängerung, die Grunerstraße auf der anderen Seite des Mühlendamms. Dort, im Rücken des Berliner Rathauses, wird ein ganzes Stadtviertel um den Molkenmarkt auf historischem Grundriss neu entstehen.

Am Petriplatz ist dergleichen nicht abzusehen. Doch auch hier tut sich etwas. Direkt neben dem künftigen House of One, auf dem Gelände der einstigen Lateinschule (in der nicht Latein, sondern auf Latein unterrichtet wurde), ist das Archäologische Haus im Bau, östlich davon steht bereits das Hotel Capri by Fraser, dessen Kubatur das frühere Köllnische Rathaus zumindest zitieren soll – Fundamente davon sind im Untergeschoss zugänglich.

Dies könnte Berlins Île de la Cité sein 

Ansonsten aber ist die Gegend mit dem Adjektiv „grauenvoll“ recht angemessen beschrieben. Als wolle sie es dem Friedhof, auf dem sie liegt, gleichtun, begräbt die monströse Gertraudenstraße alle Geschichte unter sich. Dasselbe tun die gleichförmigen Scheibenhochhäuser, denen in den 1960er Jahren der noch recht gut erhaltene Fischerkietz zum Opfer fiel. Dies könnte das pulsierende Herz einer Metropole, Berlins Île de la Cité sein – doch frühere Städtebaugenerationen haben anders entschieden und einer austauschbaren Schlafstadtbesiedlung den Vorzug gegeben. Und das, was an interessanter, erhaltenswerter Architektur vorhanden war, vor allem die legendäre Gaststätte Ahornblatt, ist 2000 auch noch abgerissen worden. Auf der Fischerinsel hat die Stadtentwicklung der Moderne eine schlimme Wendung genommen.

Auf historischen Fotos wird eindrucksvoll deutlich, dass die vierte und letzte Petrikirche von 1853 mit ihrem himmelsstürmenden 111 Meter hohen Turm lange Zeit das höchste Bauwerk Berlins war. Erbauer Heinrich Strack wusste noch um die Bedeutung des Ortes. „Er hatte auf der Akropolis in Griechenland gelernt und wollte einen klaren Pin im Stadtbild setzen: Hier ist Berlins Geburtsstätte“, erklärt Claudia Melisch. Das House of One könnte den abgerissenen Faden dieser Geschichte wieder aufgreifen.

Zur Startseite