Workshop für linke Hände : Betreutes Bohren

Die „Driller Queens“ vermitteln Heimwerkerwissen für Laien. Ein Selbstversuch an der Altbauwand.

Keine Angst vor Altbauwänden. Wenn es ein bisschen bröselt, macht das nichts, sagt Charlie Machin. Mit ihrem Unternehmen will die gelernte Grafikdesignerin die Handwerkerbranche diverser machen.
Keine Angst vor Altbauwänden. Wenn es ein bisschen bröselt, macht das nichts, sagt Charlie Machin. Mit ihrem Unternehmen will die...Foto: Sven Darmer

Ich habe noch nie gebohrt. Ich war 27 Jahre lang in der bequemen Situation, dass es jemanden gab, der für mich Haken in Decken und Dübel in Wänden befestigen konnte. Dieser Jemand war immer ein Mann, erst mein Papa, irgendwann mein Freund. Und ich stand staunend daneben, halb froh, mich nicht selbst kümmern zu müssen, halb beschämt, es nicht zu können.

Deshalb sitze ich an einem Nachmittag Ende Februar zusammen mit vier Leidensgenossinnen in einem Raum in Friedrichshain und nehme an dem Workshop „Skills with Drills“ teil. Das bedeutet ungefähr „geschickter Umgang mit dem Bohrer“ heißt. Geleitet wird der Workshop von Charly Machin. Machin ist 35, hat Sommersprossen auf den Armen, rosa gefärbte Haare und kommt aus Wales. Ihre Kurse hält sie bisher nur auf Englisch, ein Angebot auf Deutsch soll bald folgen. Sie habe lange als Grafikdesignerin gearbeitet, erzählt sie, und nebenher handwerkliche Arbeiten übernommen, um sich etwas dazuzuverdienen. 2019 gründete sie die Driller Queens, eine Gruppe von Heim- und HandwerkerInnen, die Kunden zu Hause helfen. Mittlerweile ist das Machins Vollzeitbeschäftigung. „Ich war noch nie so glücklich mit meiner Arbeit wie jetzt“, sagt sie. Und: Die Driller Queens wollten ihr Wissen weitergeben. Deshalb gibt sie Workshops, aktuell zwei bis drei pro Monat. „Ich möchte die Branche diverser machen. Und zeigen: So schwierig ist das alles nicht.“

Vor allem Frauen trauen sich das Handwerken oft nicht zu

Ihre Kurse, sagt Machin, richteten sich nicht nur an Frauen. Sie glaube aber, dass sich Frauen das Hand- und Heimwerken aus einer gesamtgesellschaftlichen Haltung heraus seltener zutrauten. „Ihnen wird gesagt, das macht dein Vater, das macht dein Bruder – dabei haben die Männer das auch nicht immer gelernt. Die Möglichkeit, neue Dinge zu probieren, sollte nicht geschlechtsabhängig sein.“

In der Mitte des Metalltischs, um den wir sitzen, stehen Salzstangen, ein Teller Waffelgebäck und zwei Tuben Moltofill. Vor jeder Teilnehmerin liegt ein Spachtel und ein Stück Schleifpapier. „Ihr sollt heute lernen, mit Selbstbewusstsein in einen Baumarkt zu gehen und nicht überfordert zu sein“, sagt Machin zur Begrüßung. Ich gehe eigentlich nie in einen Baumarkt. Weil es mir immer etwas peinlich ist, mein Unwissen zu offenbaren.

„Altbau oder Neubau?“, fragt Machin in die Runde: einmal Neubau, viermal Altbau. „Ha, Altbau“, sagt sie lachend, „voll mit Staub und Geheimnissen.“ Wenn es aus der Wand bröselt, sei das aber nicht weiter schlimm: Es gibt ja Spachtelmasse. Bevor wir also lernen, wie man Löcher bohrt, lernen wir, wie man Löcher füllt.

„Bevor wir lernen, Löcher zu bohren, lernen wir, sie zu füllen“

Mit Schleifpapier und Spachteln in der Hand stellen wir uns um die beiden Übungsgipswände auf, die an der Seite des Raumes aufgebaut sind. In die Testwände hat Charly Machin Löcher vorgebohrt. Sie gibt Anweisungen: den Rand des Lochs mit feinem Schleifpapier glätten, eine erbsengroße Portion Spachtelmasse auf den Spachtel quetschen – „eine alte Kreditkarte tut’s auch“ – und diagonal im Kreuz über das Loch streichen, fertig. Lobend inspiziert die Kursleiterin die verspachtelten Löcher.

Nach etwas Wandkunde holt Manchin schließlich den Bohrer heraus: eine SDS Schlagbohrmaschine. Andächtig reichen wir sie herum. Sie ist groß und schwer und staubig, und meine Gefühle bewegen sich zwischen ängstlich und Rambo. Auf jeden Fall habe ich richtig Lust, irgendwas kaputt zu machen. Vielleicht brauche ich einen Schlagbohrer!, denke ich. „Ihr braucht keinen Schlagbohrer“, beendet Machin meine Tagträume. Nur für Betonwände in Neubauwohnungen sei so ein Bohrer nötig, für alle anderen Wände reiche ein Bohrhammer.

Fortgeschrittene tragen den ledernen Werkzeuggürtel

Weiter geht es mit der nächsten Lektion: Wie vermeide ich es, in Rohre und Leitungen zu bohren? Es sei, sagt Machin, gar nicht so dramatisch, wenn man in eine Stromleitung bohrt. Die Sicherung fliegt halt raus. Ungünstiger sei es, ein Rohr zu treffen. Dann, rät sie, solle man die Bohrerspitze wie einen Stöpsel stecken lassen und Fachleute rufen. Zu viel Angst brauche man davor aber nicht zu haben, sagt Machin. Wer sichergehen will, kann ein Ortungsgerät benutzen. In der Übungswand hat Machin Metallstreben versteckt, die wir finden sollen. „Wenn es so ein Alien-Geräusch macht, ist an der Stelle Metall“, sagt sie. Ich fahre mit dem grünen Kästchen langsam über die Wandfläche, das Licht wechselt von Grün auf Gelb auf Rot und das Gerät macht ein hohes Geräusch. Uuuuiiiiii. Hier bitte nicht bohren.

„Wer am Dübel spart, spart am falschen Ende“, leitet Machin zum nächsten Thema über. Vier Dübelarten stellt sie vor: Universaldübel, Hohlwanddübel, Federklappdübel – und Schrottdübel. „Dübel, die mit Möbeln mitgeliefert werden, sollten in der Regel direkt in den Müll wandern.“

Gerade Typen vertrauen nicht dem Gebäude, sondern der Wasserwaage

Dann sprechen wir über Bohreraufsätze und Schraubenköpfe und nach der Pause geht es richtig los: Auf dem Tisch liegen nun Akkuschlagschrauber, Hammer, Maßband, Kreppband, Wasserwaage, Zange, Schraubenzieher, Bohrerspitze und ein kleiner Bleistift bereit. Wir legen jede einen ledernen Werkzeuggürtel an. Auf einem Tisch hat Machin Dinge platziert, die wir an die Übungswände anschrauben dürfen: Garderobenhaken, Bilder, Schilder, Plastikvasen und sogenannte schwimmende Regale, die nur aus einem in der Wand zu montierenden Brett bestehen. Ich habe mich immer gefragt, wie die eigentlich halten. Charly Machin legt uns die Nutzung der Wasserwaage ans Herz: „Vertraut nicht dem Gebäude, vertraut der Wasserwaage. Nothing is straight!“

Ich bin ein bisschen nervös. Für das Regalbrettchen markiere ich zwei Punkte an der Wand, versuche, Bleistift, Regalgestell und Wasserwaage gleichzeitig in der Hand zu halten. Dann setze ich die Bohrerspitze an. Der Bohrer vibriert in meinen Händen, dann dringt die Spitze durch die Gipswand, ungefähr da, wo sie sollte. Ich haue mit dem Hammer zwei Dübel in die Löcher – „mehr Schwung!“, ruft Machin – und schraube den Aufsatz fest, auf den ich das Regalbrett stecke.

Auch auf die richtige Haltung kommt es an.
Auch auf die richtige Haltung kommt es an.Foto: Sven Darmer

Tadaaah! Ein Regal! In der Wand! Von mir ganz allein dort angebracht!

Die Luftblase in der Wasserwaage dämpft meine Begeisterung: Gerade ist das Brett nicht. Charly nimmt den Hammer, klopft auf das Gestänge der Regalhalterung, und sagt: „Was Ihr jetzt könnt, reicht vielleicht nicht für ein ,perfekt‘, aber es reicht allemal für ein ,gut‘.“

Eine Teilnehmerin steht mit verschränkten Armen vor der Wand: Sie hat eine Plastikvase und ein Regalbrett montiert. „Kannst Du Dir vorstellen, wie stolz ich hierauf bin?“, fragt sie ihre Freundin.

Und auch ich bin stolz. In drei Stunden hat Charly Machin viel praktisches Wissen vermittelt, vor allem aber Gelassenheit: Bohren, dübeln, schrauben – das ist gar nicht so schwer. Und fast alle möglichen Fehler lassen sich wieder beheben.

Der Workshop geht drei Stunden und kostet 60, für Menschen mit wenig Geld 40 Euro. Die nächsten Termine sind am 14. und 28. März von 14 bis 17 Uhr, Tickets unter drillerqueens.com.

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