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Die Preisträger:innen des Berliner Wissenschaftspreises 2021, Michael Zürn und Mira Sievers.

© WZB/HU Berlin / David Ausserhofer; P. Plum

Tagesspiegel Plus

Berliner Wissenschaftspreise 2021: Den Koran neu lesen und die Welt retten

Der Politikwissenschaftler Michael Zürn und die Islam-Theologin Mira Sievers erhalten die diesjährigen Wissenschaftspreise des Regierenden Bürgermeisters. Beide sind Pionier:innen in ihren Fächern.

„Autoritäre Populisten in der westlichen Welt befinden sich in einer Phase der Schwächung, was viel mit dem Scheitern von Trump und Bolsonaro im Umgang mit Corona zu tun hat.“ Wer den Berliner Politikwissenschaftler Michael Zürn um eine Gegenwartsanalyse in einem Satz bittet, bekommt auf den Punkt Druckreifes zu hören.

„Hohe fachliche Exzellenz, aber auch eine Originalität, die es ermöglicht habe, neue Aspekte der Politik- und Sozialforschung auf die Agenda zu bringen“, bescheinigt die Jury des Berliner Wissenschaftspreises dem 62-jährigen Direktor der Abteilung „Global Governance“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Hervorgehoben werden auch Zürns Pionierleistungen in der Berliner Wissenschaftslandschaft, etwa als Gründungsdekan der Hertie School of Governance von 2004 bis 2009.

Zu den Begriffen, die Zürn geprägt hat, gehört die Global Governance

Michael Zürn ist der diesjährige Hauptpreisträger des Berliner Wissenschaftspreises des Regierenden Bürgermeisters und erhält ein Preisgeld von 40 000 Euro für Forschungszwecke. Den Nachwuchspreis, dotiert mit 10 000 Euro, erhält die Islam-Theologin Mira Sievers von der Humboldt-Universität. Beide Preise wurden am Freitagabend bei einem Festakt in der Urania Berlin verliehen. In den Vorjahren gingen die Hauptpreise an den Charité-Virologen Christian Drosten, die FU-Arabistin Beatrice Gründler, die Genetikerin Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, und den Mathematiker und Präsidenten der FU, Günter M. Ziegler.

Den Begriff der Global Governance für den Umgang mit den großen, chronischen und grenzüberschreitenden Problemen der Weltgemeinschaft hat Michael Zürn mitgeprägt. Kern seiner Arbeit am WZB sei es, zu untersuchen, „unter welchen Bedingungen globale Regeln so funktionieren, dass sie uns helfen, globale Probleme wie die fehlende Besteuerung der Finanzmärkte oder den Klimawandel mithilfe internationaler Institutionen zu lösen“, sagt Zürn im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Einer der Leuchttürme der Berliner Wissenschaftslandschaft ist das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, an dem Michael Zürn Direktor ist.

© WZB / Bernhard Ludewig

Damit verbinde sich die Infragestellung der liberalen Ordnungen, „die das ganze Weltgefüge aus dem Gleichgewicht geraten lässt“. Doch nicht nur Regierungschefs wie Viktor Orbán in Ungarn, Wladimir Putin in Russland oder einst Donald Trump in den USA stellen sich dem Siegeszug des seit 1989/90 zunächst so erfolgreichen demokratischen Modells entgegen. Widerstände gibt es auch von der technokratischen Diktatur in China – und aus dem globalen Süden, der das „Liberal Script“ als einen Deckmantel für westliche Hegemonie sieht.

Hoffen lasse die Bewältigung der Coronakrise, die in gefestigten Demokratien trotz aller Rückschläge bei der Pandemie-Bekämpfung letztlich besser gelinge, sagt Zürn. Andererseits wachse „diese Entfremdung von der Demokratie“ angesichts der – wiederum durch Corona beschleunigten – sozialen Ungleichheit und des Gefühls, von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen zu sein.

Die Zukunft der Berliner Exzellenz ohne Müller und Krach? Man sollte das Ganze mehr von unten, aus der Perspektive der Forschung denken als von der politisch-administrativen Ebene.

Michael Zürn, Politikwissenschaftler

Hier sind die Übergänge von Zürns Global Governance-Projekten zum Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script“ (Herausforderungen liberaler Ordnungen) an der Freien Universität und der Humboldt-Universität sowie am WZB und anderen akademischen Partnerinnen fließend. Mit sieben solcher Cluster-Programme sei es der Berliner Wissenschaftscommunity „durch die vielfältige Qualität der Forschenden und ihrer Institutionen“ gelungen, in der Berlin University Alliance (BUA) als Exzellenz-Verbund dauerhaft gefördert zu werden, sagt Zürn. Er ist sichtlich gerne und überaus aktiv Teil dieser Entwicklungen.

Wie viel davon war der „Good Governance“ des Regierenden Bürgermeisters und Wissenschaftssenators Michael Müller und seinem Staatssekretär Steffen Krach (beide SPD) zu verdanken? Und was endet mit dem Abschied der Beiden aus der Berliner Politik? Zumal derzeit unklar ist, wie es an den drei großen Universitäten weitergeht, deren Leitungen sich gerade aufgrund überraschender Gegenkandidaturen (TU), eines weniger überraschenden Führungsstreits (FU) und eines plötzlichen Rücktritts (HU) neu sortieren müssen.

„Das sollte uns nicht hindern, auf der Ebene der Cluster und Graduiertenschulen weiter konzentriert zu arbeiten“, sagt Zürn. Bei aller Liebe zu Governance-Konzepten: „Man sollte das Ganze mehr von unten, aus der Perspektive der Forschung, denken als von der politisch-administrativen Ebene.“

Mira Sievers steht für eine Theologie der Vielfalt – auch durch ihre Transidentität

Auch Nachwuchspreisträgerin Mira Sievers ist in ihrem Fach, der Islamischen Theologie, eine Pionierin. Mit 15 konvertierte die in Neuwied am Rhein geborene und getaufte Katholikin zum Islam, mit 19 gehörte sie zu den bundesweit ersten Studierenden der Islamischen Theologie an der Universität Frankfurt am Main – und 2015 zu den ersten Masterabsolventen.

Die Mehrheit der Studierenden der Islamischen Theologie an der Humboldt-Universität ist weiblich - hier beim Semesterstart 2019.

© Tsp / Amory Burchard

Heute, zwei Jahre nach ihrer Promotion über eine „koranische Theologie“, ist Sievers 29 Jahre alt und Juniorprofessorin für Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik an der Humboldt-Universität. „Es gibt eine unglaubliche Aufbruchstimmung“, sagt sie über das Berliner Institut, der jüngsten Gründung in der Islamischen Theologie, die zum Wintersemester 2019/20 startete. „Und das erstmals mit Professor:innen, die das Fach in Deutschland studiert haben oder darin promoviert wurden.“ Berlin könne Schwierigkeiten früher gegründeter Institute umschiffen.

Tatsächlich gab es überall Streit mit den konservativen Islam-Verbänden, die die Arbeit der Theologien als potenzielle Abnehmer der Absolvent:innen begleiten. An der Humboldt-Uni gelang es zwar ebenso wenig wie anderswo, die liberale Strömung einzubeziehen, aber eine „Theologie der Vielfalt“ als Gründungsmotto wurde durchgesetzt – nicht zuletzt mit der Berufung von Sievers.

Dass eine Person mit meiner Biografie in der Islamischen Theologie so eine Chance bekommt – das ist vielleicht nur in Berlin möglich.

Mira Sievers, Juniorprofessorin für Islamische Theologie

Denn Pionierin ist sie auch als trans Frau, die den Prozess der Geschlechtsangleichung und Erneuerung sämtlicher Personaldokumente parallel zur Promotion und für ihr gesamtes privates und universitäres Umfeld transparent durchgezogen hat. Trotz umfassender theologischer Expertise und profunder Sprachkenntnisse in den Herkunftsregionen muslimischer Gelehrter vom 7. Jahrhundert bis heute drohte die Berufung der Juniorprofessorin an Vorbehalten der Verbände zu scheitern.

Doch die HU und der Senat wollten nur Sievers auf der Juniorprofessur und der Beirat blockierte nicht. „Dass eine Person mit meiner Biografie in der Islamischen Theologie so eine Chance bekommt – das ist vielleicht nur in Berlin möglich“, sagt Sievers. „Das ist mir sehr bewusst.“

Ein Wissenschaftspreis für eine Theologin bedeutet Anerkennung

„Keine Diskriminierung zu erfahren“, weder am Institut, noch vom Beirat, noch von den Studierenden, empfindet sie als „großes Glück“. Nun kommt die Auszeichnung mit dem Nachwuchspreis des Berliner Wissenschaftspreises hinzu. Für Sievers ist das insofern eine besondere Freude, als dass ja die Wissenschaftsfähigkeit von Theologien allgemein immer wieder infrage gestellt wird.

Die junge Professorin steht für eine gegenwartsbezogene islamische Theologie, die sich ebenso kritisch wie positiv mit der islamischen Tradition auseinandersetzt. Welches Gottes- und Menschenbild entwirft der Koran des 21. Jahrhunderts im Gegensatz zu seit dem 10./11. Jahrhundert überlieferten Auffassungen? Welche Traditionslinien aus der Spätantike verbinden den Islam mit Judentum und Christentum?

Was dies auch für eine islamische Ethik bedeutet, beschäftigt Sievers aktuell in einer Forschungsgruppe mit Berliner und Frankfurter Kolleg:innen. Dabei entsteht ein Online-Wörterbuch mit Begriffen, die bislang von Anstand (Haya) bis Züchtigkeit (’iffa) reichen.

Würdigung durch Michael Müller

Der Beitrag der Islamischen Theologie für die Gesellschaft insgesamt liegt für Sievers auf der Hand: „Sie hat Angebote zu machen, die weit über die oft mit dem Islam verbundene Problemorientierung – etwa zur Rolle der Frau, dem Kopftuch oder der Frage von Islam und Gewalt – hinausgehen.“ Insofern wird auch von der islamischen Theologin Mira Sievers nicht nur in Berlin noch viel zu hören sein.

Michael Müller, der scheidende Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator, würdigte, dass die Preisträger:innen zeigten, „wie stark die Berliner Wissenschaft ist“: „Auch wenn sie sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Forschungskarriere befinden, stehen beide für eine Wissenschaft, die hohe gesellschaftliche Relevanz hat, wichtige Impulse setzt, und unsere Stadt im wahrsten Sinne bewegt.“

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