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Weihnachten mit der Familie? Auch in diesem vielleicht nur unter Voraussetzungen.

© Mauritius/Roman Samborskyi

Tagesspiegel Plus

Die wichtigsten Fragen zu Impfung und Schnelltests: Wie der Weihnachtsbesuch bei Oma und Opa sicherer wird

Weihnachten wird wohl auch dieses Jahr wieder von hohen Corona-Zahlen überschattet. Eine Altersgruppe sehen Experten dabei als besonders gefährdet an.

In wenigen Wochen ist Weihnachten – das zweite Mal während der Corona-Pandemie. Nur unter gänzlich neuen Voraussetzungen: 2020 gab es noch keine Schutzimpfungen gegen das Virus, Maßnahmen wie Lockdowns und drastische Kontakteinschränkungen waren unausweichlich. Weil die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen geimpft ist, hießen die Maßnahmen zuletzt vorwiegend 3G, 2G oder 2G+. Die Lage in Deutschland wird allerdings immer schlimmer.

Die Fallzahlen wie auch die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen sind deutlich höher als vor einem Jahr. Intensivmediziner rechnen damit, dass die Zahl bis Weihnachten auf mehr als 6000 steigt – eine bisher nie erreichte Zahl. Und jetzt sorgt auch noch die Omikron-Variante des Virus für Sorgen. Da stellt sich die Frage: Sind zu Weihnachten deshalb ähnliche Maßnahmen wie 2020 nötig – bei einem Fest, das vom Zusammenkommen vieler Menschen lebt?

„Die meisten Infektionen finden in Innenräumen mit hoher Personendichte statt“, sagte Kai Nagel, Modellierer der Technischen Universität Berlin, dem Tagesspiegel kürzlich. „Dies schließt auch private Besuche ein, zum Beispiel bei Freunden oder Familienangehörigen.“

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer sieht in den Aussagen allerdings keinen Grund, Weihnachten mit der Familie in Frage zu stellen. „Grundsätzlich denke ich, dass Familienfeiern, auf denen alle Leute korrekt geimpft sind – also alle, die für eine Booster-Impfung vorgesehen sind, diese auch erhalten haben – völlig vertretbar sind.“ Das Risiko für Menschen, die eine dritte Impfung erhalten haben, sieht er sogar als unbedenklich an.

Das eigentliche Problem seien Menschen, bei denen die letzte Impfung mehr als fünf, sechs Monate zurückliege. „Die würde ich nicht als völlig ungefährdet betrachten“, sagt Stürmer. Zu den meisten dieser Menschen zählen solche über 60 Jahre.

Ich bin nicht so hoffnungsfroh, dass diese selbst durchgeführten Schnelltests bei geimpften Personen so sehr wirksam sind.

Epidemiologe Gérard Krause

Wie schnell der Schutz vor einer symptomatischen Corona-Infektion und schweren Erkrankung durch eine Infektion nachlässt, zeigt eine Studie der schwedischen Universität in Umea, die im renommierten Wissenschaftsjournal „The Lancet“ veröffentlicht werden soll. Der Tagesspiegel hat die Zahlen der Studie an dieser Stelle aufbereitet.

Liegt der Schutz vor einer schweren Erkrankung, die eine Hospitalisierung nötig macht, bis zu vier Monate nach der zweiten Impfung durchschnittlich noch bei 90 Prozent, sinkt er ein halbes Jahr danach schon auf unter 50 Prozent – und das gilt für die untersuchten Impfstoffe von Biontech, Moderna und Astrazeneca gleichermaßen.

Die Studie zeigt allerdings, dass nicht alle Kombination von Impfstoffen gleich lange vor einer symptomatischen Infektion schützen. Es wird deutlich, dass der Impfstoff von Moderna etwas länger schützt als die von Biontech/Pfizer und Astrazeneca.

  • Der Biontech-Impfstoff schützt ein halbes Jahr nach der vollständigen Impfung nur noch zu 47 Prozent vor einer Infektion, nach dem siebten Monat ist er fast gänzlich aufgebraucht.
  • Das Moderna-Vakzin schützt auch nach einem halben Jahr noch in 59 Prozent der Fälle vor einer Infektion.
  • Der Impfstoff von Astrazeneca hingegen schützt der Studie zufolge schon vier Monate nach der vollständigen Impfung so gut wie gar nicht mehr.
  • Anders bei einer Kreuzimpfung von des Vakzins von Astrazeneca mit einem der mRNA-Impfstoffe: Dabei liegt der Schutz nach vier Monaten bei noch rund 66 Prozent.
  • Besonders stark ließ der Impfschutz über alle Vakzine hinweg bei älteren Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen ab – und zudem bei Männern schneller als bei Frauen.

Sollten die Menschen über 60 Jahre daher also sogar am besten gleich ganz auf Treffen im Familienkreis verzichten? „Ich denke, wir sollten da mal die Kirche im Dorf lassen“, sagt Stürmer. „Es ist klar, dass immer ein Restrisiko besteht bei den hohen Infektionszahlen, die wir gerade haben. Aber im familiären Kreis ist das sicher vertretbar.“

Ähnlich sieht das auch Gérard Krause, Abteilungsleiter Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig. „Wenn die dritte Impfung bei Menschen über 60 Jahre beispielsweise länger als drei Wochen zurückliegt und auch alle anderen dreimal geimpft sind“, dann seien „kleinere und mittlere Familientreffen vertretbar“, so Krause. Doch wenn jemand unter den Familienangehörigen über 60 Jahre alt und nur zweimal geimpft sei, dann bestehe für diese Person ein vergleichsweise hohes Risiko, auch einer Erkrankung – insbesondere dann, wenn unter den anderen Familienmitgliedern zum Beispiel ungeimpfte Kinder seien.

Neben den Menschen, deren Zweitimpfung bereits mehr als ein halbes Jahr zurückliegt, sind Kinder nämlich der potenziell häufigste Krankheitsüberträger. Zwar hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) den Impfstoff von Biontech/Pfizer nun auch für Fünf- bis Elfjährige zugelassen – allerdings werden die ersten Dosen erst Mitte Dezember in die Europäische Union geliefert. Somit kommen sie fürs Weihnachtsfest zu spät.

Wie gefährlich ist der Kontakt von Großeltern mit ihren Enkeln?
Wie gefährlich ist der Kontakt von Großeltern mit ihren Enkeln?

© Mauritius/Image Source

Große Sorgen machen sollten sich die Großeltern allerdings auch hier nicht, so Stürmer: „Ich gehe davon aus, dass das Risiko, wenn ich eine Booster-Impfung erhalten haben, deutlich geringer sein dürfte. In den Arm nehmen und Drücken sollte meiner Meinung nach vertretbar sein.“ Denn: Entscheidend sei nicht nur Alter und Erkrankungsrisiko, sondern auch „wie viele Kontakte man hatte und wie eng diese waren“, betont Epidemiologe Krause.

Um Infektionen zu verhindern, sollten sich gerade auch die Menschen, die älter als 60 Jahre alt und noch nicht ein drittes Mal geimpft sind, vorher selbsttesten oder testen lassen. Je mehr Familienmitglieder sich testen lassen, desto sicherer.

Dass Testen vor Privatbesuchen oder eine Reduktion privater Besuche helfen könnten, die Zeit bis zur Wirkung von Boostern und dem Schließen von Impflücken zu überbrücken, sagte auch Corona-Modellierer Nagel dem Tagesspiegel zuletzt.

Wobei allerdings gerade Selbsttests keine vollständige Sicherheit bringen, wie Krause erklärt: „Ich bezweifle, dass diese selbst durchgeführten Schnelltests bei geimpften Personen sehr wirksam sind. Es gibt glaubhafte Hinweise, dass diese bei Geimpften nicht ausreichend gut anschlagen.“

Uns stehen höchstwahrscheinlich zehn verlorene Tage bevor.

Virologe Martin Stürmer

Das habe zum Teil damit zu tun, dass die Geimpften kürzere Zeit als die Ungeimpften positiv seien und die Viruslast geringer sei. „Das ist ja eigentlich gut, da die Infektiosität geringer ist. Andererseits sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Test die Infektion anzeigt.“

Am besten sei, es wenn sich alle Familienmitglieder vorher einem PCR-Test unterziehen. Allerdings sei das nicht für alle praktikabel, weiß auch Krause: „Der Vorteil der PCR ist, dass die Entnahme durch geschulte Personen erfolgt und dass das Nachweisverfahren sensitiver ist. Nachteile sind die Kosten und die Tatsache, dass ein zeitlicher Vorlauf nötig ist.“

Allerdings gibt es auch Möglichkeiten, die Aussagekraft von Selbsttests zu erhöhen. „Wenn ich sage, ich mache den Test eine Stunde bevor ich da bin, sollte der Test es erkennen, wenn ich trotz Impfung positiv bin. Das ist natürlich eine andere Dimension, als wenn ich ihn 24 Stunden vorher mache“, sagt Virologe Stürmer.

Noch sicherer sei es, wenn man sich innerhalb der 24 Stunden vor dem größeren Treffen zweimal testet, um das Zeitfenster, in dem es trotz Infektion nicht anschlägt, zu verkleinern.

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Ein Restrisiko bleibt also, vor allem wegen der hohen Zahlen. Aber wie wahrscheinlich ist es, die Infektionszahlen bis Weihnachten noch deutlich zu senken? Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will das unter anderem mit 30 Millionen Impfungen, strengen Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte und der Reduzierung von Großveranstaltungen erreichen. Das sieht sein am Dienstag vorgestellter Plan vor.

Aus Stürmers Sicht gibt es zwei weitere Optionen: Erstens, indem die Impfzentren wieder hochgefahren werden, und zweitens, indem schnellstmöglich ein bundesweiter Lockdown in Kraft tritt. „Die Intensivstationen ächzen ja jetzt schon. Und das spiegelt das Infektionsgeschehen von vor einigen Wochen wieder – da hatten die Rekordzahlen erst ihren Anfang genommen. Wir haben also keine Zeit zu warten und zu beobachten, ob die Maßnahmen reichen“, so Stürmer.

„Jeder Tag, den wir verstreichen lassen, ist ein verlorener Tag für die Menschen, die in zwei Wochen auf der Intensivstation liegen werden“, warnt Stürmer. „Wir haben ja im Vorfeld schon gewusst, was auf uns zukommt, aber es wurde offensichtlich auf die leichte Schulter genommen“, so der Virologe. Die Bundesregierung müsse nun feststellen, dass sie zum Lockdown zurückkehren muss, um die Kehrtwende bis Weihnachten zu schaffen – das könne auch sehr kurzzeitig sein. „Wir brauchen diese radikale Maßnahme. Danach können wir anfangen, wieder über 2G und 3G zu diskutieren, um damit zu deeskalieren“, sagt Stürmer.

Epidemiologe Krause sieht das anders. Er hält eine 2G-Regelung für geeigneter als einen Lockdown. „Wenn man die 2G-Regelung sehr konsequent umsetzt, dann führt das – selbst wenn die Impfquote nicht so schnell ansteigt – dazu, dass die kritischen Bereiche, wo die Kontakte stattfinden, geschützter sind“, sagt Krause. Allerdings müsse man bedenken, dass ein Großteil der Übertragungen im Haushalt stattfinden, wo staatliche Regulierungen kaum greifen würden.

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