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Bettenmachen gehört eigentlich nicht zu Bea Skiadopoulos Aufgabengebieten.

© Kitty Kleist-Heinrich

Tagesspiegel Plus

Allein auf weitem Flur: Wie eine Berliner Auszubildende Corona erlebt

Wasserhähne aufdrehen, Testforellen essen, ein Fake-Bankett planen: Bea Skiadopoulos ist Azubi im Hotel „Berlin, Berlin“ – mitten in der Pandemie. Wohin mit ihrer Gastfreundschaft?

Der Gast ist der beste Lehrer, sagen sie hier. So wie in jedem Hotel. Auszubildende lernen ihr Handwerk „am Gast“. Doch die Gäste, die sind bekanntlich schon eine Weile nicht mehr da.

Im „Berlin, Berlin“, dem viertgrößten Hotel der Stadt, fluten in normalen Zeiten morgens schon mal 1000 Leute frisch geduscht zum Frühstück. Derart groß ist das 701-Zimmer-Haus am Lützowplatz, dass sie für den Mitarbeiter, der zwei Mal am Tag das gesamte Gebäude kontrolliert, über Flure, die zusammen fünf Kilometer ergeben, einen Elektroroller angeschafft haben. Der Roller surrt noch. Die Gänge aber, die sind totenstill.

Ein Drittel ihrer Ausbildungszeit war „Corona“

Doch es ist an diesem Mai-Dienstag in der verwaisten Lobby, als hätte die 26-jährige Beatrice „Bea“ Skiadopoulos, wippendes Haar, Azubi auf den allerletzten Metern, die gesamte Restenergie des darbenden Gewerbes auf sich vereint. Wegen ihrer schriftlichen Abschlussprüfung am Morgen konnte sie heute schon um vier Uhr nicht mehr schlafen. Und wenn sie in ein paar Tagen auch die mündliche Prüfung zur Veranstaltungskauffrau bestanden haben wird, dann hat sie die Pandemiezeit voll mitgenommen: Ein Drittel ihrer drei Jahre dauernden Ausbildungszeit wird dann „Corona“ gewesen sein.

Es ist die Zeit, in der in ganz Berlin die Zahlen der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 17 Prozent zurückgehen. Um weit über 40 Prozent sinkt sie bei den Veranstaltungs- und Tourismuskaufleuten und den Hotel- und Restaurantfachleuten.

Die Auszubildende Beatrice Skiadopoulos und der General Manager Frank Rücker.
Die Auszubildende Beatrice Skiadopoulos und der General Manager Frank Rücker.

© Kitty Kleist-Heinrich

„Hotel“ fand ja so gut wie nicht mehr statt. Gäste in homöopathischen Dosen: Im „Berlin, Berlin“ durchschnittlich 20 bis 30 die Nacht, Auslastung 2,5 Prozent, die Verluste im Monat sechsstellig, sagt der General Manager Frank Rücker, der auf flinken Turnschuhen neben Bea Skiadopoulos steht. Es ließe sich darüber streiten, ob es nicht günstiger wäre, ganz zu schließen, als die opulente Infrastruktur für wenige Gäste bereitzuhalten. Ganz sicher aber ist es kein Umfeld, in dem die 16 Auszubildenden des Hauses zur Veranstaltungskauffrau, zum Hotelkaufmann und zur Köchin ihr Handwerk einfach im laufenden Betrieb von selber lernen. Und: Ist ein Koch, der nur noch Frühstück zubereitet, überhaupt noch Koch?

Ist ein Koch, der nur noch Frühstück macht, überhaupt ein Koch?

Die Azubis, sagt Rücker und piept sich mit seiner Schlüsselkarte in das perfekt geputzte Zimmer 1333, mussten in der Corona-Zeit einiges übernehmen, das eigentlich nicht zum Lehrplan gehörte. Auch die Zimmer sauber machen, so wie hier zum Beispiel. Normalerweise, erzählt Rücker, haben sie die Reinigung der Zimmer an eine Fremdfirma vergeben. Doch was lag nun näher, als sich diese Kosten zu sparen? Und wer sollte stattdessen ran? Die Azubis. Also ziehen sie Laken stramm, putzen Duschen und zupfen vergessene Ladekabel aus Steckdosen. Im Fundlager werden sie ein halbes Jahr aufbewahrt.

Aufbewahrt sind auch sie selbst. Wartend darauf, dass es endlich wieder losgeht. Ein Teil der Arbeit besteht gerade darin, die Bereitschaft des Hauses zu erhalten. So, wie am unfertigen Flughafen BER jahrelang unbesetzte S-Bahnen durch einen Tunnel fahren mussten, damit die Luft in Bewegung blieb und der Bau nicht schimmelte, so muss hier das Wasser in den Leitungen laufen. Also durchkämmen die Azubis regelmäßig nach einem festgelegten Plan das Gebäude und drehen in den Zimmern die Wasserhähne auf, damit keine Legionellen entstehen. Rastende Hotels sind auch rostende Hotels.

Der Wunsch des Gastes ist Befehl. Aber ohne Gäste? Keine Befehle!

Für viele ist das Corona-Jahr eine bedrohliche wirtschaftliche Delle – für einen Azubi aber ist es ein Drittel der gesamten Ausbildung. Der Wunsch des Gastes ist ihm Befehl. Aber ohne Gäste? Keine Befehle! Wem jetzt etwas von den Augen ablesen? Wen beschwichtigen, zufriedenstellen, beruhigen, informieren? Theoretisches Wissen ist relativ leicht zu digitalisieren. Aber praktisches? Wie brät man eine Forelle unter Zeitdruck? Was tun, wenn der Gast zu spät kommt, aber das Essen schon fertig ist? Und wie lernt man ein Bankett zu organisieren – ohne Bankett?

Bea Skiadopoulos ist in Berlin-Frohnau aufgewachsen, hat in Potsdam angefangen, Politik und Geschichte zu studieren, nebenbei in Kreuzberg im „Max und Moritz“ Tabletts geschleppt. Sie hat ein Kind bekommen und gemerkt: Sie will mit Leuten arbeiten. Mittendrin sein. „Ich will mich bewegen bei der Arbeit.“ Es muss wuseln um sie herum. Bea unter Leuten ist eine glückliche Bea. „Ob man eine Sales-Person ist, erkennt man etwa daran, ob man im Aufzug gleich immer mit jedem quatscht.“ So eine ist sie nämlich: Sie will Netzwerke schaffen, ihrer Neugier nachgehen, mag viele Kontakte.

Deshalb entschied sie sich vor drei Jahren für dieses Hotel mit den vielen Zimmern und dem brummenden Veranstaltungsbetrieb, wo sich alle Mitarbeitenden duzen und Berlinern als erwünschte Fremdsprachenkompetenz gilt.

Das Hotel Berlin besitzt Dutzende Konferenzsäle, in einige kann man mit dem Auto hineinfahren. Im verwaisten Frühstücksraum entsteht gerade eine „Müslistrecke“.
Das Hotel Berlin besitzt Dutzende Konferenzsäle, in einige kann man mit dem Auto hineinfahren. Im verwaisten Frühstücksraum entsteht gerade eine „Müslistrecke“.

© Kitty Kleist-Heinrich

Das ganze Hotel ist auf Größe, Dichte und Umsatz ausgelegt. Es besitzt Dutzende Konferenzsäle, in einige kann man mit dem Auto hineinfahren. 20 Millionen Euro investieren sie gerade in einen groß angelegten Umbau, darunter bombastische Konferenztechnik, die „alles“ kann. Im Frühstücksraum entsteht im Augenblick die „Müslistrecke“. Die neuen Gebäudeteile riechen nach frisch verlegtem Teppich. Geradezu niedlich darin verstreut lagern einige Zweiertische, an denen die wenigen Gäste morgens frühstücken. Hier nehmen jetzt die Auszubildende und der Manager Platz.

Köche wollen schnippeln, sich anschreien, Hitze und Tempo erleben.

Beatrice Skiadopoulos

Schlimmer noch als für Bea Skiadopoulos mit ihren fehlenden Banketten, sagt Frank Rücker, sei es für die angehenden Köche. Er weiß das, er hat selbst einst den Beruf erlernt. An diesem Dienstagnachmittag ist niemand mehr in der Küche, denn das Team dort macht zurzeit nur das Frühstück. Köche, sagt Skiadopoulos, „wollen schnippeln, sich anschreien, Hitze und Tempo erleben“. Und jetzt? Können sie eigentlich gar nicht lernen, was in Wahrheit der Kern ihrer Arbeit ist: unter Druck zu funktionieren.

Alles, was sonst einfach stattfindet, muss inszeniert werden.

Frank Rücker

Neulich, sagt Frank Rücker, haben sie mal einen Fischtag gemacht. Damit die angehenden Köche Übung kriegen. Nicht im laufenden Betrieb – es hatte ja niemand Fisch bestellt –, sondern fürs Personal. Alles, was sonst einfach stattfindet in so einem Hotel, sagt Rücker, muss nun inszeniert werden: der Wareneinkauf, die Menüplanung, sogar das Essen. Die Lehrenden haben sie tageweise aus der Kurzarbeit geholt. Die Zutaten kauften sie eigens ein, und am Ende haben sie die Gerichte auch selbst gegessen. Plötzlich koste es 2000 bis 3000 Euro, dass Lehrlinge lernen, was sie sonst nebenbei von ihren Kollegen aufsaugen, sagt Rücker. Aber sie machen das trotzdem. Sie wollen ja, dass ihre Azubis etwas können, wenn sie fertig sind. Pandemie hin oder her.

Das „Berlin, Berlin“ gehört zur Pandox-Gruppe, die 156 Hotel-Immobilien in 15 europäischen Ländern betreibt. Klar, sie sind gebeutelt, aber womöglich haben sie trotzdem mehr Puffer als ein kleines Eigentümerhotel.

Das „Berlin, Berlin“ gehört zur Pandox-Gruppe, die 156 Hotel-Immobilien in 15 europäischen Ländern betreibt.
Das „Berlin, Berlin“ gehört zur Pandox-Gruppe, die 156 Hotel-Immobilien in 15 europäischen Ländern betreibt.

© Kitty Kleist-Heinrich

Skiadopoulos startete ihre Ausbildung mit sechs Wochen als Spülerin, dann war die Küche dran, die Technik, später die Rezeption. Buchungssystem, Verkaufsgespräche für die Veranstaltungen und die Personalabteilung sollten folgen. Sie muss ja alle kennen in dem riesigen Haus, „damit ich weiß, wen ich im Ernstfall um den Finger wickeln und wen ich gar nicht erst anrufen muss“.

Ein paar Monate, sagt Bea Skiadopoulos, deren Herz für die Dramatik der großen Events schlägt, habe sie das hingenommen, diese Stille. Dann begann sie, sich Sorgen zu machen: Ihr fiel auf, dass da noch so viel im Lehrplan stand, was unter Corona-Bedingungen in diesem Hotel gar nicht mehr stattfinden würde. Darunter das, was für ihre zukünftige Arbeit das Wichtigste sein würde: die Verhandlung mit Kunden für große Veranstaltungen und Konferenzen. Wo sollte sie das nun lernen?

Wir haben ja eine Hol- und Bringschuld als Auszubildende.

Beatrice Skiadopoulos

Also schrieb sie, es waren nur noch wenige Monate bis zum Ende ihrer Ausbildung, einen Brief an die Personalabteilung: Es klaffe eine große Lücke in ihrem Stoff. Das Hotel erkannte das Problem. Es reagierte mit Schulungen und Rollenspielen. Skiadopoulos lernte, wie man im Verkaufsgespräch das „mirroring“ betreibt, wie man sich in Redeweise und Art den Kunden anpasst, sie zu zwei Dritteln reden lässt, während man selbst nur ein Drittel der Zeit spricht.

„Wir haben ja eine Hol- und Bringschuld als Auszubildende“, sagt Skiadopoulos. Man bekomme eben nicht alles serviert. Das sei schon immer so gewesen. Einiges wird angeboten, aber um vieles muss man sich auch selber kümmern. Und genau das kann man in dieser Krise besonders gut lernen.

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Das Hotelleben werde bald zurückkehren, sagt Manager Rücker, vielleicht sogar mit größerer Wucht. Er antizipiert schon jetzt, was kommen wird: Dass die Leutewieder Wert legen werden auf jene „instagramable moments“, die die Leute dann in den sozialen Medien teilen werden. Weshalb sie für diesen Fall schon einmal zwei Pfauenthrone angeschafft haben, in denen man sich fotografieren lassen kann.

Rücker sieht voraus, wie die Leute um den nagelneuen Stehtisch stehen, aus dessen Mitte ein Olivenbaum wachsen wird. Er sieht vor seinem inneren Auge die Konferenzteilnehmer, die nach ermüdenden Vorträgen in die Lounges mit den kreativen Sitzmöbeln strömen: Kaffee! Und vor der Abreise werden die Leute den neuen „Berlin, Berlin“-Lobby-Duft im Flakon kaufen und mit nach Hause nehmen, den soeben ein Parfüm-Designer in ihrem Auftrag entwickelte. Nein, der rieche nicht nach der Arbeiterstadt Berlin, sondern frisch und belebend.

Nach der Pandemie können Gäste den neuen „Berlin, Berlin“-Lobby-Duft im Flakon kaufen und mit nach Hause nehmen.
Nach der Pandemie können Gäste den neuen „Berlin, Berlin“-Lobby-Duft im Flakon kaufen und mit nach Hause nehmen.

© Kitty Kleist-Heinrich

Und wenn diese lange aufgestaute Nachfrage nach Reisen sich Bahn breche, werde das Problem mit dem Personal, den guten Fachkräften, wie ein Bumerang zurückkommen. Denn einerseits seien viele gute Leute aus der Hotellerie über die lange Corona-Durststrecke hinweg abgewandert.

Aus Lehrstellen sind Leerstellen geworden

Andererseits werde sich die Situation mit den Azubis schlagartig verschärfen: wenn sich alle wieder um die Fähigen schlagen. „Es war schon immer schwierig, gute Azubis zu bekommen,“ sagt er. „Und wir alle haben ja in der Corona-Zeit weniger ausgebildet.“ Aus Lehrstellen sind Leerstellen geworden, der Nachschub ist unterbrochen.

Genau das jedoch verbessert die Möglichkeiten derer, die jetzt noch da sind. Und so überschneidet sich Rückers Sorge mit Skiadopoulos Hoffnung. Denn an diesem Punkt kommen ihre „Aufstiegschancen“ ins Spiel, sagt Bea Skiadopoulos unternehmungslustig. Für die Begehrten öffnen sich nun alle Optionen. Es sei ein toller Zeitpunkt, mit einer Ausbildung abzuschließen. Sie könne das nur jedem empfehlen.

Dass Bea Skiadopoulos von ihrer Mutter noch heute quasi täglich gefragt wird, warum sie denn nicht etwa zur Rentenversicherung gehe, etwas Sicheres mache, verunsichert sie gar nicht. Ihr fehlt nur noch der Termin für die letzte mündliche Prüfung. Mit dem Tag ihrer bestandenen Prüfung wird sie nahtlos in die Festanstellung gleiten.

Sie könne doch jetzt schon mal veranlassen, schlägt Frank Rücker vor, dass ihre Visitenkarte gedruckt wird. „Event Coordinator“ wird draufstehen.

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