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Robert Habeck am Strand von Westerland - immer irgendwie dabei: Annalena Baerbock.

© Gregor Fischer/AFP

Tagesspiegel Plus

Auf Küstentour mit Robert Habeck: Was wird aus dem Schattenkandidaten?

Von Annalenas Baerbocks Patzern könnte am Ende einer profitieren: Grünen-Chef Robert Habeck. Unterwegs auf den Nordseeinseln mit einem Krisengewinner.

Robert Habeck will nicht Kapitän sein. Auf der Fähre zwischen den Nordseeinseln Amrum und Föhr steht er auf der Brücke und spricht mit dem Geschäftsführer der Flotte, Axel Meynköhn, über Co2-neutrale Schiffe, Brennstoffzellen und das Fahrgastaufkommen im zweiten Pandemie-Sommer. Da hält ihm ein Fotograf der Grünen ein Fernglas hin. „Nee, hör auf“, wehrt Habeck ab. Er will nicht posieren. Dann wenigstens mal das Steuer halten, fragt der Fotograf. „Nee, echt nicht.“ Der Mann lässt seine Kamera etwas enttäuscht sinken. „Ich hab’s versucht“, murmelt er.

Es ist Tag zwei der sogenannten „Küstentour“ des Grünen-Chefs, zwei Wochen bereist er die Nord- und Ostseeküste Schleswig-Holsteins, besucht Firmen, hält Reden, erfüllt der Presse fast jeden Wunsch. Er posiert im Roggenfeld, mit braunen Anzugschuhen im feinen weißen Sand von Sylt, spricht in jedes Mikrofon. Doch Bilder von der Brücke auf der Fähre zwischen Amrum und Föhr sollen nicht veröffentlicht werden, mahnt sein Pressesprecher. Die Botschaft, dass Robert Habeck das Steuer übernimmt, soll auf jeden Fall vermieden werden.

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Als kurz nach der Auseinandersetzung auf der Kapitänsbrücke ein paar Schweinswale vor der Fähre auftauchen, schraubt der Fotograf begeistert sein Objektiv auf. Habeck nutzt die Gelegenheit für einen schnellen Themenwechsel und spricht ungefragt mehrere Minuten lang über den Konflikt zwischen dem geschützten Tier und den Fischern, die immer wieder Schweinswale als Beifang in ihren Netzen haben.

Die Tour zum Wahlkampfauftakt hat Habeck bereits im Winter konzipiert. Dass nicht er, sondern die 40-jährige Annalena Baerbock erste Kanzlerkandidatin der Partei werden würde, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Von Insel zu Insel, Wattwanderung, Eröffnung eines Solarparks – es hätte eine Reise in die Heimat des Grünen-Kanzlerkandidaten werden können. Mit begeisterten Menschen am Strand, den Nordseeinseln als Kulisse und den Schweinswalen als Statisten. Es ist alles anders gekommen. Die Schweinswale dienen zur Ablenkung, die Reise von Habeck in gewisser Weise auch.

Seit Wochen rutschen die Grünen immer tiefer in die Krise. In Umfragen ist die Partei von zwischenzeitlich 28 auf teils 17 Prozent abgestürzt. Erstmals seit mehr als zwei Jahren liegt die SPD in manchen Umfragen wieder gleichauf, die Union festigt ihren Vorsprung. Das Kanzleramt rückt in weite Ferne.

Alles Tüddelkram

Robert Habeck zu den Spekulationen, ob er doch noch Kanzlerkandidat wird

Maßgeblich verantwortlich dafür sind die Querelen um Baerbock, die von einer Panne zur nächsten stolpert. Verspätet gemeldete Nebeneinkünfte, Ungenauigkeiten im Lebenslauf, kopierte Passagen in ihrem Buch und dazu heftige Anfeindungen im Netz. Der einzige Grüne, der von der Situation profitiert, scheint Habeck.

Seine Umfragewerte steigen, schon wird ein Tausch der Kandidaten diskutiert. Habeck selbst hat dazu lange geschwiegen. Wittert er noch seine Chance?

„Alles Tüddelkram“, sagt der 51-Jährige zu den Gerüchten beim Auftakt seiner Sommerreise. Er besucht eine Flugwindkraftanlage in Klixbüll im nordfriesischen Marschland, gleich neben Klanxbüll, Niebüll und Bosbüll. Das Land ist flach und dünn besiedelt, ein paar Kuh-Weiden, hunderte Windkrafträder und Roggenfelder, in denen Habeck später posieren wird.

Der Fänger im Roggen: Robert Habeck bei seiner Küstentour in Klixbüll.

© Gregor Fischer / AFP

Ein großer rot-weißer Drache, der an einem grauen Container befestigt ist, flattert in rund 400 Meter Höhe. Der Wind bläst dort deutlich stärker als auf der Höhe der Windräder. Die Firma „Skysails“ will die Energie nutzen und hat dafür eine Anlage entwickelt, die Strom für rund 200 Haushalte erzeugt, jedoch nur zehn Prozent der Ressourcen eines Windkraftrades verbraucht. Die ersten fünf Anlagen sind bereits verkauft, unter anderem nach Mauritius und Singapur. Doch um wirklich serienreif zu produzieren, brauche man Unterstützung, erklärt CEO Stephan Wrage. In Deutschland gebe es zudem rechtliche Lücken im Luftverkehrsgesetz.

Für Habeck ist es ein Heimspiel - und das weiß er

Habeck hört zu, stellt detaillierte Nachfragen und hält eine kleine Begrüßungsansprache. Für ihn ist es ein Heimspiel. Es gibt regionale Limonade, Butterkuchen und Apfel-Muffins.

Der Kontakt ist über einen Vertriebspartner der Firma zustande gekommen. Er hat einen der vier Söhne von Habeck im Handball trainiert, seine Söhne trinken mit Habecks Jungs Bier, man kennt sich hier eben. Geschäftsführer Wrage bedankt sich für die frühe Unterstützung, die Habeck noch als Umweltminister Schleswig-Holsteins geleistet hat.

Der Bürgermeister, der einer lokalen Wählergruppe angehört, hebt Habecks Verantwortungsbewusstsein hervor und nutzt die Gelegenheit, der Union wegen ihrer Energiepolitik einen mitzugeben.

Dann soll Habeck den Drachen manuell lenken. Mit zusammengekniffenen Augen und einer Schalt-Konsole lässt er ihn kreisen. Die Bewegung erzeugt Energie. Irgendwann setzt ihm ein Mitarbeiter eine lächerlich große Sonnenbrille auf. Nach ein paar Minuten haben alle genug.

Den Drachen im Blick. Aber was noch?

© Frank Molter/dpa

„Wir haben nichts kaputt gemacht“, sagt ein Techniker im Hintergrund erleichtert. „Mit ein paar Stunden Übung können Sie blieben“, sagt Gastgeber Wrage. Habeck lehnt dankend ab. „Ich hab noch was vor, ich muss noch ein paar Prozente holen heute Abend.“

Doch ehe es für Habeck mit dem Autozug nach Westerland geht, dürfen Pressevertreter Fragen stellen. Es haben sich mehr angemeldet, als auf dem Firmengelände auf der mit Bauzaun abgesperrten Wiese Platz finden. Alle interessiert nur Habecks Einschätzungen zu Baerbock. „Die Fehler haben natürlich wir gemacht. Da gibt es jetzt keinen Grund rumzuheulen“, sagt er in eine Kamera. „Großmut und Langatmigkeit“ müsse man sich nun für den Wahlkampf bewahren, in eine andere.

„Rufmord“ heißt es von Baerbocks Team, Habeck wählt einen anderen Ton

„Rufmord“ hatten Baerbocks Strategen dem österreichischen Plagiatsjäger nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe vorgehalten und einen bekannten Medienrechtler hinzugezogen. Führende Grüne waren teils aggressiv auf Twitter und in den Talkshows für Baerbock in die Bresche gesprungen. Nicht so Habeck. Die Partei ist mit jeder weiteren bekannt gewordenen, abgeschriebenen Passage kleinlauter geworden, Baerbock gibt sich inzwischen selbstkritisch, will ein Quellenverzeichnis für ihr Buch nachliefern. Doch der Schaden ist längst da.

Habeck scheint die Verteidigungslinie seiner Parteifreunde missfallen zu haben. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Der wahre Angriff auf diejenigen, die hart zuschlagen, ist ja nicht, genauso hart zurückzuschlagen, sondern ihre Schläge ins Leere laufen zu lassen, den Kampfplatz zu ändern, eine andere Debatte zu führen.“

Habecks Rolle scheint es nun, seine Partei wieder aus dem Tief zu führen. Ausgerechnet er, den die Grünen eben erst ins Abseits gestellt haben. Einen alles überstrahlenden Mann an der Spitze, wie es einst Joschka Fischer war, hatten viele in der Partei nicht gewollt. Die Frage der Emanzipation habe eine Rolle bei der Entscheidung gespielt, heißt es offiziell. Am Ende fehlte Habeck aber auch das Netzwerk.

Doch sein Verzicht könnte sich noch als Gewinn herausstellen. Scheitert Baerbock als Kanzlerkandidatin, führt die Grünen jedoch in eine Koalition, könnte Habeck für sich den ersten Zugriff auf ein Ministerium in Anspruch nehmen. Anders als Baerbock hat er Regierungserfahrung.

Seine Beliebtheit stellt Habeck, der nicht den Ruf eines Taktikers hat, auf der Küstentour zur Schau. Baerbocks Namen dagegen nimmt er bei seinen Reden nur ein einziges Mal in einem Nebensatz in den Mund. Prompt stöhnen drei ältere Männer theatralisch auf. Habeck übergeht sie. Am nächsten Tag erwähnt er Baerbock in seiner Rede nicht mehr.

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Insgesamt agiert er bei seinen Auftritten in den Fußgängerzonen, Markplätzen und Strandmuscheln der Küstentour leidenschaftlich, aber wenig angriffslustig, ganz im Stil des promovierten Philosophen und früheren Schriftstellers. Kleine Geschichten, große Gedanken. Er spricht frei. Auf Amrum erzählt er, wie er einst 13 gestrandete, sterbende Wale habe beobachten müssen. Sie hätten sich wegen einer Veränderung des Meeresströmung verirrt gehabt und seien verhungert, obwohl die Mägen voll waren – mit Fischernetzen, der Motorenabdeckung eines Autos, Eimern und sonstigen Plastikteilen. Auf Föhr beginnt er seine Rede mit der nordfriesischen Stadt Rungholt, deren Bewohner im Mittelalter so viel Torf abgebaut hätten, bis sie versunken sei.

In Westerland erinnert er an die früheren Kämpfe zwischen Fischern und Naturschützern, Seehundjagd, Muschel- und Krabbenüberfischung. „Es hat gebrannt an der Küste“, sagt Habeck und erzählt dann, wie er als Minister die Konflikte befriedet habe. Heute gebe es separate Muschelaufzuchtbänke, Robbenjäger seien „Robbenbabyschützer“ geworden und selbst die Krabbenfischer stolz darauf, die Natur, in der sie arbeiteten, zu bewahren.

Habeck ist der erste Spitzenpolitiker, der Amrum besucht

Sein Publikum hört dem Geschichtenerzähler gebannt zu. Jeweils 400 bis 500 Menschen, darunter viele Touristen. Dicht an dicht stehen sie, die Ordner ermahnen immer wieder Maske zu tragen.

Habeck sei der erste Spitzenpolitiker aus Berlin, der jemals eine Rede auf der Insel halte, sagt eine Helferin bei der Veranstaltung auf Amrum.

Wenn sich die Herausforderungen ändern, müssen sich die Regeln ändern

Robert Habeck

Doch Habeck will nicht nur Touristen erreichen, sondern auch die eigenen Mitglieder motivieren und mobilisieren. Der Grünen- Ortsverband auf Amrum hat zehn Mitglieder, vor drei Jahren bestand er noch aus nur einer Person.

So, wie er als Landwirtschaftsminister die Konflikte gelöst hat, will er sie auch im Bund angehen. Der Ausbau der Erneuerbaren Energie, die Transformation der Wirtschaft und der Klimaschutz müssten Aufgabe von Politik und Gesellschaft werden und dürften nicht Privatsache bleiben. „Wenn sich die Herausforderungen ändern, müssen sich die Regeln ändern“, sagt er. Nur so könne man auch in Zukunft Wohlstand und damit auch die Freiheit schützen.

Vom Publikum bekommt er dafür lang anhaltenden Applaus. Nach einer halben Stunde ist Habeck durchgeschwitzt.

Sind sie noch ein Team?

© Ina Fassbender/AFP

Seinen Schatten wird er auch auf den Inseln nicht los. „Ich hätte mir gewünscht, dass er etwas zur Kanzlerkandidatin sagt. Ihre Glaubwürdigkeit ist stark beschädigt“, sagt ein Urlauber aus Hamburg nach der Rede in Westerland.

Einmal wird er auf der Bühne gefragt, ob Baerbock nun Kandidatin bleibe. Habeck sagt nur ein Wort. „Ja.“ Nicht mehr, keine Verteidigung, kein Lob. Nichts. Es ist ein Moment, in dem deutlich wird, dass er nicht nur seine Partei aus dem Umfragetief bringen will. Habeck ist auch auf eigene Rechnung da.

„Der Sinn von Politik ist Gestalten“, antwortet er auf Föhr auf die Frage nach seinen eigenen Ambitionen. Es wäre ein persönliches Privileg, „konkret Verantwortung“ zu übernehmen, sagt Habeck, bleibt dann aber unkonkret, welches Ministerium er meint.

Wer genau zugehört hat, dem kann auffallen, dass er neben Klima- vor allem über Finanzpolitik gesprochen hat.

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