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Eine Begegnung mit dem Stachelschwein kann böse enden, wenn das Tier sich bedroht fühlt.
© imago/imagebroker

Berliner Schnauzen: Ausweichen ist die beste Alternative

Eine tödliche Waffe steckt in ihrem Hinterteil. Doch die drei Stachelschweine im Berliner Zoo ahnen nichts von ihrer Macht.

Drehen sie sich um und strecken ihrem Gegenüber ihr Hinterteil entgegen, ist das seine letzte Chance. Das letzte Warnsignal! Noch ein paar Sekunden hat der Feind jetzt, um die Gefahr zu checken, um sich endlich einzugestehen, dass er der Unterlegene ist. Dann zucken die Muskeln, und die braun-weißen Stacheln – manchmal mehr als einen halben Meter lang – fliegen los. Bohren ihre mit kleinen Widerhaken versehenen Spitzen in das Fleisch. Tief. Rein. Der Dreck reibt sich in die Wunde. Womöglich ein paar Tage hat der Angreifer noch. Bis er infolge der Entzündung sterben wird.

So viel zur freien Wildbahn.

Im Zoo sieht das alles ein bisschen anders aus. Hier ahnen die drei Südafrikanischen Stachelschweine mit ihren kurzen stämmigen Beinen und ihrem borstigen Iro, der sie ein bisschen nach Punk aussehen lässt, nichts von ihrer Macht, von der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Gerade liegen sie in ihrem Stall rum, fernab der Besucher und fernab aller wilden Tiere sowieso, und schlafen und kuscheln und lecken sich gegenseitig ab. „Grooming“ ist die offizielle Bezeichnung für das gegenseitige Umsorgen der Tiere, zu Deutsch „Pflege“. Üblich unter Stachelschweinen, um die Bindung in der Gruppe zu stärken. Und weil sie nachts aktiv sind, spielen und durch ihr Gehege spazieren, draußen an der frischen Luft, groomen die drei ohne Namen hier hinten im Häuschen vor allem tagsüber. Zu sehen sind sie dann nicht. Blicken lassen sie sich in den Besuchszeiten allein, wenn es Futter gibt.

Demnächst bei Disney: Der König der Stachelschweine

Sie fressen eine Menge. Nüsse, Mohrrüben, Äpfel, Bananen, Brokkoli, auch Weidenäste mögen sie ganz gerne. Merken sie, dass der Pfleger was zu naschen hat, kommen sie, der Blick unschuldig, die Stacheln gesenkt und die Füße tapsig nach vorne setzend, um zu betteln. Mit der Nase stupsen sie ihn an, ihr Pfötchen heben sie hoch, ein bisschen erinnern sie in diesem Moment an einen treudoofen Golden Retriever, der sein Herrchen, aber vor allem das Essen liebt.

Weil sie keine Feinde haben, sind sie hier im Zoo zahm. Allein ein Besen hat sie mal stocksauer werden lassen. Da haben sie ihr Stachelkleid aufgestellt, haben sich aufgeplustert und groß gemacht. Haben gedroht und ihm schon fast den Rücken zugewandt. Ein Glück für den Besen, dass der Pfleger ihn schnell wieder mitgenommen hat. Ausweichen ist bei wütenden Stachelschweinen die beste Alternative.

Mittlerweile, so scheint es, hat sich das auch im südlichen Afrika rumgesprochen. Viele Tiere sind klug genug, erst gar nicht mehr anzugreifen. Es gibt da dieses Video aus dem Londolozi Reservat in Südafrika. Gedreht in der Nacht, veröffentlicht auf Youtube. Darin zu sehen sind acht Löwen, wie sie ein Stachelschwein umzingeln. Wie sie es neugierig betrachten und wie das Stachelschwein völlig unbeeindruckt in ihrer Mitte stehen bleibt, allein die Stacheln aufstellt. Bis die Löwen weiterziehen.

Kein Gebrüll, nur ein leises Grunzen. Kein Kampf, keine Attacke, nur Show. Trotzdem behauptet das Stachelschwein in diesem Moment seine Macht gegenüber den vermeintlichen Königen der Tiere. Krönt sich dadurch selbst. Und vielleicht muss die Geschichte, müssen deshalb Märchen und Fabeln umgeschrieben werden. Demnächst dann bei Disney: Der König der Stachelschweine.

Stachelschein im Zoo

Lebenserwartung:  17 bis 19 Jahre

Natürlicher Feind: Mensch

Interessanter Nachbar: Flamingo

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