
© Anja Zurbrügg Photography
Bestsellerautor Stephan Schäfer im Gespräch: „Warum musste ich 50 werden, bevor ich das merke?“
Den eigenen Eltern Fragen zu stellen, ist schwierig. Stephan Schäfer will mit seinen Büchern einen Weg aus der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen weisen. Doch wie ehrlich können Mütter und Väter sein?
Stand:
Herr Schäfer, Ihr „Das Buch, das bleibt“ sammelt 100 Fragen an Ihre Mutter beziehungsweise Ihren Vater. Es will Menschen ermutigen, ihre eigenen Eltern besser kennenzulernen. Kennt man die nicht schon sein Leben lang?
In einem Gespräch mit meiner Schwester fiel mir auf: Ich habe das Gefühl, wir wissen so viel über Mama. Wohin sie in den Urlaub fährt, was sie gerne kocht. Aber so richtig kennen, das tun wir sie nicht. Wir haben keine Ahnung, was sie sich wünscht und wovon sie träumt.
Haben Sie sich schuldig gefühlt?
Ich fragte mich: Warum musste ich 50 werden, bevor ich das merke? Ich habe mich eigentlich immer als sehr offen und interessiert wahrgenommen. Und ich war auch mit meiner Mutter sehr verbunden und fühlte mich immer geliebt.
Ich habe dann angefangen, mit Freunden darüber zu reden: Wie gut kennst du deine Eltern? Vielen ging es so wie mir. Bei anderen waren die Eltern bereits verstorben. Dann war da auch ein Betroffenheitsgefühl: dass man die Eltern zu Lebzeiten gar nicht so richtig kennengelernt hatte. Ich begann, Fragen zu sammeln. Damit bin ich auf meine Mutter zugegangen.
Wie hat sie reagiert?
Ich hatte das Glück, dass meine Mutter die Idee schön fand. Ich habe ihr damals den ersten Entwurf gegeben: 450 Fragen, auf losen Papierzetteln. Sie meinte: „Ich wusste gar nicht, dass du dich so für mich interessierst.“ 100 davon hat sie ausgewählt. Die wurden zu dem Buch.
Die Fragen in dem Buch sind teils sehr existenziell: Bist du der Mensch geworden, der du eigentlich werden wolltest? Was hättest du gerne von deinen Eltern gehört? Wie wolltest du sein, wenn du mal wirklich erwachsen bist?
Meine Mutter hat sich ein Dreivierteljahr Zeit genommen, das Buch auszufüllen. Zu erkennen, dass es da Leerstellen gibt zwischen uns beiden, aber dass wir auch Lust haben, sie zu füllen – das war ein sehr schönes Gefühl. Und auch ein bisschen wie eine Offenbarung.
Das Buch steht jetzt bei uns im Bücherregal. Wenn ich morgen meine Wohnung verlassen müsste, dann würde ich zwei Bücher mitnehmen: das Fotoalbum meiner Familie und das Buch, das meine Mutter ausgefüllt hat.
Seitdem meine Mutter und ich dieses Projekt angegangen sind, sprechen wir ganz anders miteinander. Ich habe das Gefühl, ich kann sie jetzt alles fragen. Und sie mich auch.
Stephan Schäfer über „Das Buch, das bleibt“
Hätten Sie sich gewünscht, dass Ihre Mutter vielleicht den ersten Schritt geht?
Nein, die Erwartung hatte ich nie.
Sie haben mal gesagt: „Es geht bei dem Buch nicht darum, die Leichen aus dem Keller zu holen. Sondern gemeinsam Stockwerke aufzusteigen.“ Was meinen Sie damit?
Die Fragen sollen nicht bedrängen. Es geht nicht um eine Aufarbeitung von Geschichte oder darum, etwas auszugraben. Ich wollte, dass sich Menschen eingeladen und gesehen fühlen. Seitdem meine Mutter und ich dieses Projekt angegangen sind, sprechen wir ganz anders miteinander. Ich habe das Gefühl, ich kann sie jetzt alles fragen. Und sie mich auch.
Eltern sind auch Autoritäten. Ihr Fragebogen setzt eine Verletzlichkeit voraus. Wie überzeugt man die eigenen Eltern, sich dem hinzugeben?
Ich glaube, jeder sollte für sich entscheiden, wie er den ersten Schritt geht. Für mich war ein Buch mit Fragen eine liebevolle, sanfte und zugewandte Annäherung.
„Was ist die größte Lüge, die Sie je erzählt haben – sich selbst oder anderen?“ Das ist eine von rund 200 Fragen, die Max Frisch in seinem 1987 erschienenen „Fragebogen“ zusammenträgt. Und auch Marcel Proust hat eine Sammlung an Fragen veröffentlicht.
Der Fragebogen von Max Frisch ist, seit ich 18 bin, eines meiner Lieblingsgeschenke. Ich habe schon damals statt Rotwein oder Olivenöl zum Abendessen den Fragebogen als Mitbringsel verschenkt.
Haben Sie eine Lieblingsfrage?
Was ich mit am schönsten fand, waren die Fragen über die Zukunft. Was können wir noch gemeinsam anstellen? Ich habe meine Mutter gefragt: Was kann ich dir noch schenken? Und sie meinte: Zeit. Schenk uns gemeinsame Zeit.

© park x ullstein
Was erwartet sie sich von dieser Zeit?
Einfach zusammen zu sein. Gemeinsam ins Café gehen, reden, lachen, was man so macht, wenn man gerne Zeit miteinander verbringt.
Im Vorwort des Buches schreiben Sie, dass Sie mit Ihrem Vater nie aus der Sprachlosigkeit gefunden haben.
Ich habe einen sehr liebevollen Umgang mit meiner Mutter. Mit meinem Vater habe ich leider seit Jahren keinen Kontakt mehr. Die Gründe sind hier nicht wichtig, ich bin da auch ohne jeglichen Vorwurf.
Aber manchmal passieren einem im Leben Dinge, die man sich so nie gewünscht hat. Deswegen wollte ich das auch ins Vorwort schreiben. Weil ich niemandem das Gefühl geben wollte, dass bei mir alles perfekt ist.
Und wenn der Vater dann doch präsent wurde, änderte sich die Stimmung. Alles wurde ein bisschen strenger, distanzierter.
Stephan Schäfer
Hat Ihr Vater auf die Publikation reagiert?
Nein.
Sie sind mit Ihrem Vater aufgewachsen. War das Verhältnis auch damals schon kompliziert?
Ich glaube, man kann das fast schon pauschal sagen in meiner Generation. Die Väter waren immer weniger präsent. Wenn ich bei Freunden war, dann war da immer die Mutter, mit der man in Kontakt war. Die einem Brote geschmiert hat, mit der man in der Küche saß. Und wenn der Vater dann doch präsent wurde, änderte sich die Stimmung. Alles wurde ein bisschen strenger, distanzierter.
Das Buch ist ja in zwei Editionen erschienen: einmal für Mütter, einmal für Väter. Mit denselben Fragen. Aber das Buch für Mütter stößt auf breiteres Interesse. Männer und Gefühle, das ist immer noch ein schwieriges Thema. Und das merke ich auch bei ganz vielen Freunden, die sagen: Meine Mama, die hat das Buch sofort ausgefüllt, und die war eigentlich total offen. Und der Papa, der war immer etwas skeptischer, da war die Reaktion eher: Warum will der das denn jetzt alles wissen? Dabei hätten doch auch die Väter so viel zu erzählen.
Können Sie eine Frage empfehlen, die beim Weihnachtsfest dabei helfen kann, ein Gespräch zu beginnen?
Wie geht es dir?
Sie haben zwei Kinder im Teenageralter. Wie gibt man als Vater eine Sprachlosigkeit nicht an seine Kinder weiter?
Ich glaube, dass in meiner Generation das alles zum Glück ein bisschen aufgeweicht wird. In meiner Familie verbringen wir Zeit miteinander, zum Beispiel essen wir oft gemeinsam.
Und ich versuche auch, von mir zu erzählen. Wie es mir geht, was ich so unternommen habe. Wann es mir mal gut geht und wann nicht so. Ich frage meine Kinder: Was denkt ihr dazu? Mich interessiert ihre Sicht auf die Dinge. Und nicht immer nur zu fragen, wie es in der Schule war.
Bin ich zufrieden damit, wie ich meine Zeit verbringe? Fühle ich mich frei?
Stephan Schäfer
Wie haben Ihre Kinder auf das Buch reagiert?
Ich glaube, sie merken, dass für meine Frau und mich Familie alles ist. Sie wollten natürlich auch, dass wir das Buch für sie ausfüllen.
Gab es eine Frage, auf die Sie verzichtet haben, weil Sie dachten, dass Ihre Kinder sie Ihnen stellen werden?
Nein, die Frage habe ich mir nie gestellt.
Sie waren Chefredakteur und Vorstand großer Medienkonzerne. Gruner und Jahr, RTL. 2022 haben Sie dieses Leben hinter sich gelassen und haben angefangen, Bücher zu schreiben.
Ich wollte schon immer Bücher schreiben. Aber wenn man 18 ist, wird man ja nicht einfach so Schriftsteller. Also wurde ich Journalist. Und das hat mir immer unglaublich viel Freude gemacht.
Ich glaube, vielen von uns fällt das Verweilen schwer, weil wir oft ungemein streng mit uns selbst sind.
Stephan Schäfer
Ihr erster Roman erschien 2024 und hieß „25 letzte Sommer“. Es geht um einen gestressten Manager, der sich seiner Sterblichkeit besinnt.
Der Umstieg hat bestimmt auch was mit dem Älterwerden zu tun und der Frage: Wie verbringe ich meine Zeit? Mit 30, 40 habe ich mir andere Fragen gestellt. Und ich finde es schön, dass man sich verändert. Auch, dass man seinen Kindern vorlebt: Ein Lebensweg kann sich ändern.
Viele Menschen würden sich wahrscheinlich gerne mehr Zeit für ihre Familie nehmen, aber müssen arbeiten.
Ich bin, glaube ich, in einer sehr privilegierten Position, dass ich nach so vielen Jahren des Arbeitens noch mal Schriftsteller werden konnte. Aber ich glaube, dass sich viele Menschen diese Frage stellen: Bin ich zufrieden damit, wie ich meine Zeit verbringe? Fühle ich mich frei? Oder habe ich den Eindruck, mich in einer Art Hamsterrad zu befinden, zu viel zu arbeiten, mich unter Druck zu fühlen.
Sie haben sich vergangenes Jahr beim Brotschneiden einen Schnitt zugezogen, der zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung wurde. Den Vorfall verarbeiten Sie in Ihrem gerade erschienenen Buch „Jetzt ist alles gut“. Wie erholt man sich von so einem Moment?
Im Kreis der Familie, mit Freunden, beim Schreiben und Verstehen.

© park x ullstein
Warum fällt uns Entschleunigung so schwer?
Ich glaube, vielen von uns fällt das Verweilen schwer, weil wir oft ungemein streng mit uns selbst sind. Das kenne ich auch von mir. Wir wissen oft sehr genau, welche Ratschläge wir anderen geben würden – aber sie bei uns selbst anzuwenden, ist meist der schwierigere Teil. Mit uns selbst sind wir selten so liebevoll und nachsichtig, wie wir es mit anderen sind. Dieses innere Anspruchsdenken treibt uns natürlich auch immer weiter.
Wie ändert man das?
Also, wenn ich das wüsste, dann würde ich einen Ratgeber schreiben. Zehn Wege zur Gelassenheit, innerer Ruhe und Glück. Ich glaube, das muss jeder für sich erkennen. Jede Person hat einen anderen Ansatz. Manche treiben Sport oder machen Musik. Ich weiß nur, dass mir das Schreiben Ruhe gibt.
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