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Kai Wegner und Hund

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Tagesspiegel Plus

CDU-Spitzenkandidat in der Image-Falle: Kai Wegner – optimistisch, fröhlich, unbekannt

In der Politik kennen sie ihn vom Bezirk bis zum Bundestag. Den Berlinern ist Kai Wegner meist kein Begriff. Der Ruf der CDU macht ihm den Wahlkampf schwer.

Er wirkt, als fühle er reine Freude. Kai Wegner lächelt, als habe er gerade die Begegnung des Tages. Die Stipendiatin, die ihn in seinem Bundestagsbüro an diesem Freitagnachmittag besucht, freut sich sichtlich über die Zugewandtheit des Politikers. Wegner saß in der Jury, die sie ausgewählt hat. Er hat sie eingeladen, sagte er, wie er das immer mache mit den Stipendiaten. Nun erzählt er von seinen Reisen nach Florida und dass er eigentlich auch mal länger in die Staaten wollte. Woraus nichts wurde – zur Freude seiner Mutter, sagt er. Die junge Frau steht kurz vor einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, per Stipendium des Bundestags und des US-Kongresses finanziert. Parlamentarisches Patenschafts-Programm nennt sich das.

Es ist einer der seltenen „Präsenztage“ in Wegners Wahlkampf. Präsenztag bedeutet: wirkliche Treffen mit echten Menschen. Über jeden einzelnen freue er sich, sagt Wegner. Nach einem Tag voller Videokonferenzen fühle er sich bloß „kaputt“. Die Stipendiatin aus Staaken besucht den Bundestagsabgeordneten in seinem Büro in einem Altbau Unter den Linden. Hinter Wegner an der Wand hängen zwei Gemälde mit Berliner Motiven, die Gedächtniskirche und der Reichstag, gemalt im Stil der Jungen Wilden. In den Regalen ein paar Buddy-Bären-Modelle in unterschiedlicher Bemalung – und Devotionalien, die Wegner als Hertha-Fan ausweisen. Zwei großformatige Fotobände, Thema: Helmut Kohl. Klein, rot und vielsagend: ein Modell des Roten Rathauses.

Die Berliner CDU-Wahlkämpfer sind in Sorge

Wegners Zuversicht wird kaum ausreichen, um das zwei Kilometer in Richtung Osten entfernte Berliner Rathaus zu erobern und Regierender Bürgermeister zu werden. Ein halbes Jahr vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus geht es dem CDU-Mann wie seiner Konkurrentin von den Grünen, Bettina Jarasch: In den Umfragen wechseln sich ihre Parteien auf dem ersten Platz ab – mal liegt die CDU mit 22 Prozent vorn, mal sind es die Grünen mit 23. Wie sich der aktuelle Abwärtstrend der Bundes-Union auswirkt, ist offen.

Die Berliner CDU-Wahlkämpfer sind durchaus in Sorge. Zugleich bescheinigen die Meinungsforscher Wegner und Jarasch eine Bekanntheit unter den Berlinern, die nicht ansatzweise mit der von Franziska Giffey konkurrieren kann. Einer Infratest-Umfrage zufolge kannten 80 Prozent der Befragten ein gutes halbes Jahr vor der Wahl Franziska Giffey; Kai Wegner war 31 Prozent der Befragten ein politischer Begriff, Bettina Jarasch folgte mit einem Bekanntheitsgrad von 24 Prozent.

So sieht er aus: Kai Wegner, Landesvorsitzender und Spitzenkandidat der Berliner CDU.
So sieht er aus: Kai Wegner, Landesvorsitzender und Spitzenkandidat der Berliner CDU.

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Die Sache mit der Bekanntheit ist nicht Wegners größtes Problem. Er muss den Leuten vermitteln, was so gut ist an ihm, dass sie ihn für den besten Kandidaten halten. Nur so kann sich eine Wechselstimmung aufbauen. Und: Zum Regieren bräuchte er noch einen Partner.

Mit der Stipendiatin, sie ist gelernte Gastronomin, redet Wegner über ihre Ausbildung. Wenn sie irgendwelche Probleme habe, gibt er der Frau zum Abschied noch mit, solle sie anrufen. Er werde sich kümmern.

Es ist der dritte Termin an diesem Tag. Morgens hat Wegner den Euref-Campus in Schöneberg besucht, wo 150 Unternehmen rund um die Energiewende und die Mobilität der Zukunft forschen und arbeiten. Danach saß der Wahlkämpfer anderthalb Stunden mit vier Vertretern der Berliner Gebäudereiniger zusammen. Es ging um die Berliner Vergabepraxis, die Reinigung der Schulen, die Schwierigkeiten, jenen Anbietern Aufträge zu entziehen, die nicht sauber arbeiten. Ein typischer Wahlkampftermin, Interessenabgleich, von Wegners Seite Werbung für die CDU als Wirtschaftspartei.

Ich mag vor allem den Kontakt mit Menschen. Das brauche ich – und das fehlt mir auch

Kai Wegner, CDU Spitzenkandidat in Berlin

Mit den Leuten vom Reinigungsgewerbe hatte er es nicht schwer. „Da Berlin an einigen Stellen immer stärker verdreckt, zum Teil sogar verwahrlost, wird Sauberkeit für mich ein sehr wichtiges Thema auch im Zusammenhang mit Sicherheit und Ordnung“, verspricht er. Und legt nach: Er wolle, dass „alles, was wirtschaftshemmend ist, für vier, fünf Jahre auf den Prüfstand“ gestellt werde. Ein Beispiel? Ein paar Tische mehr auf dem Gehweg, um den Restaurants das Geldverdienen etwas leichter zu machen. Alles Weitere soll dem CDU-Wahlprogramm, das im Juni vorgestellt werden soll, zu entnehmen sein.

Wegner hat offenbar die gute Laune zum Wahlkampfmotto erkoren. Dennoch ist an seiner fröhlichen Offenheit nichts Aufgesetztes. Und man glaubt ihm, dass es ihm jedes Mal wieder schwerfällt, Leuten nicht einfach die Hand zu geben oder sie sogar in den Arm zu nehmen. „Ich mag vor allem den Kontakt mit Menschen. Das brauche ich – und das fehlt mir auch“, sagt Wegner über sich selbst. Wegner sei, sagt ein Bundestagskollege einer anderen Fraktion, „sehr nahbar“. Theoretisch.

Kollegen aus anderen Parteien sehen in Wegner zuerst den freundlich lächelnden Berufspolitiker – „aus Spandau“, darauf weisen alle hin. Und einer, der Wegner seit vielen Jahren kennt, bestätigt ganz von sich aus, was Wegner erstaunlicherweise über sich selbst sagt: dass ihn auch jetzt, im Bundestag, die Berliner Politik immer am meisten interessiert habe.

Die Berliner CDU sei jünger geworden

Erstaunlich, weil vom „CDU-Großstadtbeauftragten“ Wegner wenig zu hören war. Das Parteiamt – ein Signal, dass die CDU ihre Schwäche in den großen Städten erkannt hatte und dagegen vorgehen wollte – übernahm er 2014, als Erster.

Wegner weist darauf hin, die CDU sei „jünger“ geworden, um zu zeigen, dass sie jetzt besser zum städtischen Publikum passe. Unter den CDU-Kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl sind zwei junge Kommunalpolitiker. Unter den Bundestagskandidaten finden sich mit Ottilie Klein, 36 und Abteilungsdirektorin beim Bundesverband öffentlicher Banken, und mit Musikmanager Joe Chialo, 49, zwei Quereinsteiger.

Zum Großstadtbeauftragten passt, dass er sich im Bundestag um Baupolitik kümmerte. Dass er eine Konferenz mit Unions-Kollegen aus zwanzig Städten zum Thema Lebensqualität organisierte. Dass er in einer Veranstaltung der Adenauer-Stiftung zur Stadtpolitik vor Jahren schon Kopenhagen als verkehrspolitisches Vorbild sah und empfahl. Er gab ein paar Interviews in seiner Funktion.

Immerhin: Wegner lebt dort, wo die rot-rot-grüne Koalition selten hinsieht: am Stadtrand. Er wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern im Spandauer Ortsteil Kladow. Weit außerhalb des S-Bahn-Rings, wo die Elektroroller in Serie abfahrbereit auf dem Fußweg stehen und Sharing-Autos nur im Sommer zu sehen sind, wenn die Innenstadtbewohner damit zum Baden an den See fahren. Eins der Fotos auf seiner Internetseite zeigt ihn mit seinem Hund auf einer Wiese; im Hintergrund ist der ehemalige britische Flughafen mit seinen Radar-Antennen.

Damit ließe sich im Wahlkampf wohl arbeiten.

Nur fehlt diesem aktuell so ziemlich alles, was Wahlkämpfer unternehmen, um in der Wählerschaft herumzukommen: Frühstücksrunden, Betriebsbesichtigungen, Besuche in Oberstufenzentren, Kneipentouren, größere PR-Termine mit Aktionen, um politische Akzente zu setzen. Wegners Auftritt mit dem Neuköllner CDU-Kreisverbandschef und Stadtrat Falko Liecke und einem fotowirksam abgeschleppten Lamborghini war ein eher mäßig gelungener PR-Termin gegen die Clankriminalität.

Mäßig erfolgreich: Die CDU mietete selber einen Lamborghini an, um ihn dann abschleppen zu lassen.
Mäßig erfolgreich: Die CDU mietete selber einen Lamborghini an, um ihn dann abschleppen zu lassen.

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Eine Gelegenheit allerdings, mit dem neu gestalteten Auftritt der CDU zu werben. Das Parteikürzel ist seit einiger Zeit in Orange auf schwarzem Untergrund zu lesen. „Wir haben eine Vision“, steht auf der Internetseite des Landesverbands.

Wegner weiß genau um das Imageproblem seiner Partei. Er weiß, dass vor allem die Grünen so wirken, als seien sie die Partei der Stadtversteher. Als CDU- Generalssekretär hatte er 2011 bis 2016, zur Zeit der rot-schwarzen Koalition, einen guten Job gemacht. Er zeigte, dass er mit Gefühl austeilen konnte, hart, aber nicht unfair – was dem damaligen CDU-Innensenator Frank Henkel zunehmend schwerfiel.

Ihm war sofort klar, dass er Spitzenkandidat werden will

Wegner trat zurück, als es mit Schwarz-Rot vorbei war. Er überließ es der Landesvorsitzenden Monika Grütters, einen neuen Anfang in der Opposition zu organisieren, mitsamt einem neuen Generalsekretär: Stefan Evers. Doch 2019 trat Wegner überraschend gegen Grütters an, nahm ihr den Landesvorsitz ab. „Ich brenne für Berlin“, sagt er. Mit seiner Wahl zum Landesvorsitzenden im Mai 2019, so sagt er heute, war für ihn klar, dass er Spitzenkandidat werden und ins Rote Rathaus einziehen will.

Und nun? Franziska Giffey wird von ihrer Partei getragen – die Mensch gewordene Hoffnung der Berliner SPD, die Regierungsmacht zu behaupten. Giffey hat oft gesagt, dass Sicherheit und Ordnung ihr wichtig sind und Innensenator Andreas Geisel liefert. Ob es sich um die Anarcho-Radikalen aus der Rigaer Straße in Friedrichshain handelt, um die Organisierte Kriminalität oder die gelegentliche Abschiebung einer Größe aus einem Clan. Er praktiziert auf Berliner Ebene das Modell, das Giffey als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin erfunden hat: Ordnungsbehörden gehen im Verbund mit Polizei, Finanz- und Gesundheitsamt und der Staatsanwaltschaft vor.

Franziska Giffey besetzt im Wahlkampf viele Kernthemen der CDU.
Franziska Giffey besetzt im Wahlkampf viele Kernthemen der CDU.

© Christoph Soeder/dpa

Für die CDU bleiben daneben wenig Möglichkeiten. Wegners Wahlkampfmanager Thorsten Schatz soll sie schaffen. In der Charlottenburger Steifensandstraße, dem Wahlkampfhauptquartier, arbeitet er mit einer Handvoll Leuten in einem Großraumbüro. Früher mal tagte hier der CDU-Landesvorstand. Jetzt hängt an der Kopfwand des Saals ein Transparent: ein großes Foto von Berlin-Mitte, Fernsehturm, Rathausturm, Nikolaikirche, der Mühlendamm. Links davon auf orangefarbenem Grund: „Berlin. Bereit für mehr“.

Aber wofür? In der CDU sehen sie das Dilemma: Da sind die Grünen mit ihren Großstadtthemen und ihrer Wählerschaft aus jungen Familien, Radfahrern, Veganern. Die CDU wirkt dagegen, als wäre die Entwicklung von West-Berlin zur deutschen Hauptstadt an ihr vorbeigegangen. Sei sie aber nicht, sagt Wahlkampfmanager Schatz: „Wir sind viel weiter und moderner, als man es uns nachsagt. Die heutige Berliner CDU hat glücklicherweise nur noch wenig mit der CDU zu tun, in die ich vor zwanzig Jahren eingetreten bin.“

Schatz führt die Mitgliederstatistik an: Es treten Menschen ein; von Mai 2019 bis Ende 2020 hat Wegners Landesverband 800 Mitglieder gewonnen. Fast 13.000 sind es nun. Der wichtigste Organisator des Fahrrad-Volksbegehrens, Heinrich Strößenreuther, gehört nun zur Partei.

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Wegner muss sich auch die Frage stellen, mit wem er eigentlich regieren könnte. Wenn nicht als Giffeys Juniorpartner, bliebe dem CDU-Mann nur ein Bündnis mit den Grünen. Wegner sagt, er habe für „einige Grüne“ durchaus Sympathien. Doch in seiner CDU redet kaum jemand von so einem Bündnis. Und bei den grünen Realos heißt es, dazu gebe es in der Partei zu viele „Krawallos“.

Der Politikwissenschaftler und ehemaligen FU-Professor Oskar Niedermayer sieht Schwarz-Grün in Berlin mit Skepsis. Biedere sich die CDU den Hauptstadtgrünen mit Politikern wie dem Baustadtrat Florian Schmidt aus Friedrichshain-Kreuzberg an, vergrätze sie bloß bürgerliche Wähler, sagt Niedermayer.

Viel Zeit, das neue Selbstbild bekannt zu machen, bleibt nicht

Demnächst soll das CDU-Wahlprogramm vorgestellt werden. Wegner werde einen „Gegenentwurf“ zur Politik von Rot-Rot-Grün vorlegen, verspricht Wahlkampfmanager Schatz.

Immer geht es darum, zu zeigen, dass die Partei großstadtfähig und modern geworden sei. Schatz erinnert an den „Nachhaltigkeitsparteitag“. Der sei Wegner wichtig gewesen – als „CDU-Antwort“ auf Fragen des Klimaschutzes, notwendig, wie Schatz sagt, „wenn wir den Grünen nicht das Feld überlassen wollen“. Und er ergänzt: „Klimaschutz ist als Bewahrung der Schöpfung ein sehr konservatives Anliegen.“ Zum Parteitag habe Wegner auch eine Vertreterin von Fridays for Future eingeladen. Sollte heißen: Er hört der jungen Generation zu. Andererseits wolle die CDU auch die Wirtschaft mitnehmen. Eben vermitteln.

Allerdings wissen sie, dass unter Corona-Umständen nicht viel Zeit bleibt für den Transport des neuen CDU-Selbstbildes, vom aktuellen Ärger über die Maskenaffäre ganz abgesehen. In den letzten sechs oder auch nur vier Wochen des Wahlkampfs müsse Wegner „performen“, sagt ein erfahrener CDU-Mann – in der Zeit vom Ende der Sommerferien bis zum Wahlsonntag. Wegners Chancen gegen Giffey? „Das ist eine reine Mobilisierungsfrage“, sagt ein CDU-Stratege. „Es gibt genug Unions-Wähler in Berlin.“

Rein zahlenmäßig trifft das zu: Bei der Bundestagswahl 2017 haben 460.000 Wähler mit der Erststimme für die Kandidaten der CDU votiert, 392.000 für die der SPD. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus stand die CDU allerdings seit vielen Jahren nicht mehr ganz so gut da.

Wegner dürfte von solchen Rechnungen wenig halten. Er geht den Wahlkampf anders an. Mit den Gebäudereinigern hatte er auch über die Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft gesprochen. Über einen Nach-Corona-Aufschwung, liberalere Vorschriften, Digitalisierung. Er sei ein „grenzenloser Optimist“. Später, im Gespräch in seinem Büro, erläutert er seine Haltung. Dieses „Lebensbejahende“ habe er immer schon gehabt, sagt er und lacht. „Wenn eine Tür sich schließt, geht eine andere auf.“

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