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Tagesspiegel Plus

Corona-Lockerungen in Berlin: Sind wir noch gesellschaftsfähig?

Die Biergärten öffnen, Museen auch, die Stadt gehört wieder den Menschen. Eine ekstatische Zeit könnte anbrechen. Aber sind wir wirklich bereit dafür?

Ein Essay von Deike Diening

Als Mitte April des vergangenen Jahres im chinesischen Ghuanghzou der erste Lockdown beendet wurde, setzte am ersten Tag der Wiedereröffnung eine einzige Hermès-Boutique 2,7 Millionen Dollar um. Rekord! Aufgestellt von ausgehungerten Luxus-Shoppern, die sich als Erstes auf die berühmten Birkin-Bags stürzten.

Rein gar nichts deutet bislang darauf hin, dass in Deutschland Ähnliches passiert. Als Geschäfte nach Weihnachten wieder öffneten, blieben die Fußgängerzonen trotzdem lange leer. Als am Mittwoch die Freibadtermine in Berlin online gingen, stürzte sich kaum jemand darauf. Verhalten, zögerlich ist die Antwort der Bürger. Schließlich waren viele von ihnen nun über ein langes Jahr auch innerlich regiert von Furcht und Vorsicht: Diese innere Verfassung hat ihr Verhalten genauso bestimmt wie die von außen auferlegten Regeln.

Tränen am Bierglas

Und so hatten die ersten beschriebenen Öffnungsszenen einen anderen Charakter. Da waren die Gäste, die bei einem ersten Getränk auf einer frisch eröffneten Außenterrasse plötzlich in Tränen ausgebrochen sind. Übermannt von ihrer Erleichterung: Nach über einem Jahr Aushalten scheint endlich ein Ende in Sicht! Das pandemische Gewicht, endlich fällt es ab. Von Fesseln befreit wie der eiserne Heinrich, dessen Herr in Grimms Märchen, dem Froschkönig, soeben von seiner Tiergestalt erlöst wurde.

„Heinrich, der Wagen bricht!“
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen …“

Und nein, nein, es ist nichts, beteuern die Herrschaften auf der Terrasse. Nichts Besorgniserregendes jedenfalls. Nur die schiere Erleichterung, dass diese bleierne Schwere sich hebt, dass nun das Leben selbst wieder möglich ist. Was für ein Geräusch wird sie machen, die große, krachende Erlösung?

Die neue Zeit, wenn uns endlich die eisernen Bänder von den Herzen springen? Wie wird es klingen, das neue Leben? An jeder Ecke enthemmte Chöre, die endlich wieder singen dürfen? Das Knallen von Feuerwerken von Hunderten nachgeholter Hochzeiten? Das Dröhnen von Flugzeugmotoren?

Wie wird sie riechen, die neue Zeit, wenn in Hunderten Berliner Restaurantküchen wieder etwas in der Pfanne brutzelt? Nach Schweiß, der von den Decken der Tanzschuppen tropft? Hach, der städtische Geruch der Zivilisation: einander nah genug, um ein Parfum zu riechen, das aufzutragen jemand wieder für lohnend befunden hat. Der Duft, der m/w/d provoziert!

Man geht wieder unter Leute.

© Jörg Carstensen/dpa

Nah genug, um ein Flüstern zu verstehen. Nah genug für Zwischentöne. Nicht mehr nur positiv oder negativ, richtig oder falsch, sondern etwas aus dem ergebnisoffenen Zwischenreich, womöglich eine seidige Sommernacht ganz ohne Ausgangssperre, die enden darf, wie sie will.

Ab diesem Freitag soll sich das Tor zum post-pandemischen Leben in Berlin einen großen Spalt öffnen: Museen öffnen wieder, Freibäder, die Nächte gehören wieder den Bürgern. Nach vielem, was man hört, sei nun aber tatsächlich nichts Geringeres als ein gesamtgesellschaftlicher Rausch zu erwarten, der sich zum Sommer hin steigern wird. Eine Art Wiederkehr der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in diesem ist uns versprochen worden, wenn das Leben wieder hineinfährt in die Öffentlichkeit.

Gestorben sind wir nicht, aber gelebt haben wir auch nicht

Denn viele standen zuletzt unter dem Eindruck: Gestorben sind wir zwar nicht – aber gelebt haben wir auch nicht. Eine Verpuppung war es zum Schutz aller, ein gesamtgesellschaftliches Einfrieren, bis der Sturm vorüber und das vermeintlich „richtige“ Leben wieder zurückkommen würde. Ausgelassen überschäumend, euphorisch würde es dann. Allein der Nachholbedarf, die aufgestauten Bedürfnisse müssten kompensiert werden. Waren nicht auch die wilden 20er, eine Ekstase, geboren aus dem Tal des Leidens?

Seit Wochen lacht die Vorfreude der Hotelportale aus der Mailbox: „Buchen Sie jetzt!“ Fluglinien transportieren Geimpfte. Umfragen tasten täglich neue Teuerungen ab: Häuser, Wohnungen, E-Autos, Fahrräder, Urlaubsreisen, Sofas, Küchen und Gartenstühle wollen die Leute haben. Einiges ist schon ausverkauft. Die Unternehmen, aus deren Sortiment die Leute ihre Entbehrungen kompensieren wollen, frohlocken.

Ist noch irgendwer urlaubsreif?

© Jens Büttner/dpa

Ist damit endlich alles wieder zurück auf „normal“? Oder besser: Geht das überhaupt? Zurück in die Zukunft? Sind wir nicht alle verändert, als andere aus dieser Zeit herausgekommen, als die wir hineingegangen sind? Einmal angenommen, alles um uns herum wäre wieder „normal“ – sind wir es noch?

Womöglich ist es gar nicht so einfach möglich, bloß zurückzukehren. Allein die Gewohnheit! Menschen, die dazu forschen, sagen: Es brauche 66 Tage, gut zwei Monate, dann sei aus einer regelmäßigen Handlung eine Gewohnheit geworden. Corona war viel länger! Länger als ein Auslandsschuljahr, das Jugendliche für ein Leben prägen soll. Länger als ein Sabbatical, das einen Menschen runderneuern soll. Nach über einem Jahr ist „Corona“ nicht mehr bloß ein Einschnitt, sondern ein echter Lebensabschnitt geworden: Menschen haben existenzielle Bedrohungen erlebt, sind in vielerlei Hinsicht an ihre Grenzen gegangen, sind gealtert, gewachsen oder gereift, je nachdem.

Der Mensch wächst mit seinen Zumutungen

Und der Mensch passt sich an. Wenn man ihn trainiert, macht er Erstaunliches mit. Er ist von seinen Gewohnheiten mindestens so eindeutig geformt wie von seinem Erbgut: Training macht die Knochen stark, Kauen stärkt die Zähne. Der Mensch wächst mit seinen Zumutungen. Und Corona war eine ungeheure Zumutung.

Sensationell selbstverständlich haben die meisten Kinder und Jugendlichen die neuen Bedingungen verinnerlicht. Denn Anpassung ist ihre Kernkompetenz: Die ganze Kindheit, das Aufwachsen, ist ja eine einzige Anpassungsleistung, ein Einstellen auf Neues. Die Aha-Regeln sind dann auch bloß neue Regeln, die dazukommen, wenn man größer wird. Wie eine Fremdsprache, wie Bruchrechnen und der Satz des Pythagoras.

Erinnerung unnötig: Maske tragen nicht vergessen.

© Jörg Carstensen/dpa

Unsere kleinen Corona-Ticks wieder loszuwerden wird noch das geringste Problem sein: Wenn wir alle leicht gestört aus dieser Zeit kommen werden, mit der Ausweichbewegung am Aufzug, dem Luftanhalten, wenn ein Jogger vorbeikeucht oder ein Betrunkener vor uns seinen Atem in kleinen Cognacwolken in kalte Luft stellt. Bloß eine kleine Anpassungsstörung, werden wir merken: So wie junge Eltern, die im Supermarkt plötzlich peinlich berührt feststellen, dass sie beruhigend den Einkaufswagen hin- und herruckeln.

Doch neben der Anpassung und der Gewohnheit gibt es noch das Bedauern und den echten Vorbehalt gegen die alte Normalität.

Hussen! Das Wort war so dermaßen weg wie alle Empfänge

Vorbei das Jahr, in dem man die beste Entschuldigung hatte, Leute nicht zu treffen, die man ohnehin nicht sehen wollte. Nur wenige hatten mehr die Grippe in diesem Jahr. Und niemand hatte mehr Mundgeruch. (Trugen ja alle eine Maske). Jetzt, fürchten einige, werde das Leben in Form von Ressourcenverschwendung wieder losgehen. Ist nicht das ganze menschliche Leben Ressourcenverschwendung? Fast Fashion ist noch nicht tot, überdekorierte Promibälle werden wieder stattfinden, so wie Wochenendtrips in Hauptstädte. Am Abend städtisches Visitenkarten-Tauschen an Plastikstehtischen mit weißen Hussen. Hussen! Das Wort war so dermaßen weg wie die Empfänge und Bälle und die Event-Branche als Ganzes.

Und so gibt es auch diejenigen, die sich jetzt wappnen, als würden sie sich für einen Raketenstart anschnallen. Nie wieder, heißt es dort, wolle man sich diesem Irrsinn aussetzen: Ihr altes Leben, die so genannte Normalität, erscheint ihnen vollkommen entfremdet. Das war mal normal? Völlig gestört, wie man da jeden Tag in der versiegelten Stadt so vor sich hin lebte. Wie man den Tag in Gehäusen verbrachte, von einem ins andere wechselte, der Wohnung, der U-Bahn, dem Auto, dem Büro, dem Kino, dem Fitnessstudio, dem Museum, der Bar.

Wollen wir wirklich wieder unbegrenzt viele Kontaktpersonen haben?

© REUTERS/Fabrizio Bensch

Allein die ständigen Ortswechsel: Kindergarten, Konferenz, mit dem Zug zu einem Termin, abends zum Sport, vielleicht noch was trinken. Städter rüsten sich für diese langen Tage mit großen Taschen aus Lkw-Plane, die man einrollen kann, damit sie sich der Füllhöhe anpassen und allen Wettern trotzen. Empfohlen wird eine komprimierte „capsule wardrobe“, die zu allem passen soll. Irrsinn, oder? Nie wieder, schwören sich viele, wollen sie ihre Zeit in Konferenzen ergebnislos absitzen. Nie wieder, beschwören sie andere, sollen sie sich hetzen lassen. Präsenzkultur? War auch bloß eine Gewohnheit, von der sich plötzlich viele erstaunlich gut lösen konnten.

Sie schwören sich: Nie mehr Fast Fashion! Viel weniger fliegen! Sie versprechen einander Dinge, wie man es Silvester tut oder nach einem langen Urlaub, bevor man möglichst als Geläuterte wieder in den Alltag tritt. Möglich, dass die Veränderungen jetzt nachhaltiger sind. Einige haben sich ein Haus auf dem Land gekauft.

Wer sein Leben zurück will, kriegt ein komplett anderes

Die Corona-Zeit war – und ist wohl noch – die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. So drückte es sinngemäß die Kanzlerin aus. Kein Wunder, dass da eine Bevölkerung Anpassungsschwierigkeiten hat, deren vielleicht größte Sorge lange die kalte Progression war. Monatelang lautete die bange Frage: Ist das jetzt das neue Normal?

Die Corona-Zeit war – und ist noch – eine Evolution im Schnelldurchlauf: eine akute Änderung der Umgebungstemperatur, eine zwischenmenschliche Mini-Eiszeit mit ihrer Kontaktlosigkeit. Und jetzt soll die Wärme zurückkommen. Doch die Endmoränen dieser Eiszeit erstrecken sich bis weit in die Seelen hinein und ihr Vorkommen wird noch nach Jahren von Kennern nachweisbar sein. Es wird deshalb wohl zunächst keinen Vulkanausbruch geben, keinen Tanz auf dem Vulkan – eher eine Schmelze mit allen Tränen, die dazugehören.

Die meisten, die „ihr Leben wiederhaben“ wollen, werden vermutlich ein ganz anderes bekommen. Diejenigen, die Freunde und Verwandte verloren haben, die ein Jahr lang „an der Front“ gearbeitet oder ihre Arbeit verloren haben. Auch diejenigen, für die Covid-19 die schlimmste Erfahrung ihres Lebens war.

Genauso entgeistert, wie viele am Anfang die leeren Autobahnen und Innenstädte betrachtet haben, werden sie nun zunächst volle Cafés ansehen. Doch es wird unweigerlich Sommer, zum Glück. Das Leben wird wieder von einem Besitz ergreifen. Man wird wieder den Zufall und sein Glück herausfordern können. Sich treiben lassen von den Lebensmöglichkeiten. Es wird ein Rausch, natürlich. Gesamtgesellschaftlich auf jeden Fall. Nur eben nicht für jeden einzelnen.

Die meisten Selbstmorde finden seltsamerweise nicht im grauen November statt, wenn es vielen düster und schlecht geht, sondern im Frühjahr, wenn es für gefühlt „alle anderen“ wieder schön wird. Einige, die beschädigt aus dieser Zeit hervorgehen, werden nicht mitmachen können, wenn es wieder losgeht. So wie ja auch in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts nicht alle mitgetanzt haben.

Wenn sich ab dem heutigen Freitag mit den zarten Vorboten das post-pandemische Leben ein bisschen „wie früher“ anfühlen sollte, so ist es doch in Wahrheit schon der würzige Geschmack einer neuen Zeit.

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