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Inga Barthels verliert für den Tagesspiegel ihr Herz.

© Grafik: Tagesspiegel, Foto: Kitty Kleist-Heinrich

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Danke für nichts, Bachelor: Warum unsere Datingregeln immer absurder werden

Besser in einer unglücklichen Beziehung als in gar keiner? Die toxischen Vorstellungen der Reality-TV-Show finden sich auch im realen Leben wieder.

Eine Kolumne von Inga Barthels

Es gibt Prestige-TV, Guilty Pleasures - und ungesunde Obsessionen. Mein Verhältnis zur Reality-TV-Show „The Bachelor“ fällt in die letzte Kategorie. Seit ich mit 15 ein Jahr in den USA verbracht habe, schaue ich die US-Version der Datingsendung mit religiösem Eifer. Inzwischen gibt es auch Podcasts und Youtube-Kanäle, in denen die Show seziert wird. „Bachelor Nation“ nennt sich die Fanszene, ich bin ein Teil davon.

Das Format ist simpel. Ein Mann datet etwa 30 Frauen und sortiert aus, bis eine übrig bleibt - bei der „Bachelorette“-Version sind die Geschlechter vertauscht. Zu meiner Verteidigung: Das US-Original ist Meilen entfernt vom trashigen deutschen Abklatsch. Das Budget ist riesig, die Show läuft auf dem Sender ABC, der zum Disney-Konglomerat gehört. Die Teilnehmer:innen sehen extrem gut aus, sind Piloten, Rechtsanwältinnen, Ärzte. Die Einsätze sind hoch, am Ende der Show steht ein Heiratsantrag.

Alles muss in der Show seine strenge Ordnung haben

„The Bachelor“ ist ein Spiegelbild der US-Gesellschaft, sage ich meist auf die Frage, was mich an der Show fasziniert. Zielgruppe waren lange konservative Hausfrauen. Der Cast war weiß, christliche Religion spielte eine riesige Rolle. Nach öffentlichem Druck gab es dieses Jahr erstmals einen Schwarzen Bachelor. Die aktuelle Bachelorette wird als sexpositiv vermarktet und spricht über ihren Vibrator - früher undenkbar.

Mindestens genauso spannend ist, was die Show über Liebe und Dating aussagt. Alles muss seine Ordnung haben: Sex gibt es in den „Fantasy Suites“, wenn nur noch drei Leute übrig sind. Liebesbekundungen sind streng abgestuft: Ich habe Gefühle für dich, ich verliebe mich, ich liebe dich. Monogamie ist Prämisse Nummer eins, und den Heiratsantrag macht grundsätzlich der Mann. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird angeprangert.

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Ein Bachelor sagte einst seinen beiden Finalistinnen, dass er sie liebe - der Shitstorm folgte prompt. Vor sechs Jahren schlief eine Bachelorette vor dem „Fantasy Suites“-Zeitpunkt mit einem ihrer Verehrer und musste dafür Monate des Slut-Shamings über sich ergehen lassen. Zwei Mal entschieden sich Bachelor nach der Show um, für die Zweitplatzierte. Das Publikum war empört. Wer „die Eine“ ist, muss am Ende offenbar auf magische Weise klar sein.

Die Datingregeln sind im Bachelor so kondensiert und übertrieben, dass sie lächerlich wirken, wie eine Pardodie.

Inga Barthels

Über allem schwebt, was in der Soziologie als „Paarnormativität“ bekannt ist. Das Narrativ, dass man ohne romantische Beziehung kein richtiger Mensch ist, irgendwie unkomplett. Als ein Bachelor vor Jahren wagte, am Ende niemanden auszuwählen, weil seine Gefühle nicht stark genug waren, wurde er schnell zum „Most Hated Bachelor“ erklärt - besser, in einer unglücklichen Beziehung zu stecken als in gar keiner.

Kritische Analyse schützt vor Rührung nicht

Die Datingregeln sind im Bachelor so kondensiert und übertrieben, dass sie lächerlich wirken, wie eine Parodie. Die Philosophin Judith Butler schrieb über die Möglichkeit, Gender-Stereotype durch Drag sichtbar zu machen: Indem herkömmliche Darstellungen von Geschlecht überzogen werden, wird ihre Konstruiertheit deutlich. In diesem Sinne ist der Bachelor die Drag-Show der Heteroliebe.

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass Jahrzehnte der Disney-Indoktrination an mir nicht spurlos vorbeigegangen sind. Und dass es, ganz unironisch, etwas Tolles, Großes sein kann, sich zu verlieben. So bin ich aller kritischen Analyse zum Trotz jedes Mal wieder gerührt, wenn sich das Paar am Ende unter Tränen die ewige Liebe schwört. Und hoffe, dass es mit ihnen klappt, irgendwie. Dass Menschen es überhaupt schaffen, zusammenzubleiben, entgegen all diesen Regeln, unrealistischen Erwartungen und, im Falle des Bachelors, einer ganzen Nation obsessiver Fans - now that’s love!

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