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Bestsellerautor Moritz Netenjakob: Der Albtraum vom eigenen Café

Ein Bestseller hatte ihn reich gemacht. Da erfüllte sich der Comedian Moritz Netenjakob seinen größten Wunsch. Eine Geschichte vom Scheitern.

Es war aus. In dem Moment, als ihm die Tränen in die Augen schossen, konnte Moritz Netenjakob, ein gnadenloser Optimist, ein Kölscher Sonnenschein, es nicht länger leugnen. Der Traum war geplatzt. Er musste schließen. Sofort.

Zehn Monate zuvor hatte der Comedian, Grimme-Preisträger und Schriftsteller das „Macho“ in Köln-Sülz eröffnet. Sein Café. Und nun saß er vor einer Gastronomieberaterin, die ihm erklärte, in welcher Ecke der Metro er die Sonderangebote findet, die sein Koch dann kreativ ökonomisch aufbereiten sollte. Das war der Moment, wo Netenjakob plötzlich anfing zu weinen. Zehn Monate lang hatte er sich, unter immer größerer Anspannung, gesagt, wir schaffen das, wir schaffen das. Auch wenn er wieder den ganzen Tag allein im Kaffeehaus saß und sehnsüchtig nach draußen schaute, weniger als 50 Euro Umsatz machte bei mehr als 2000 Euro Monatsmiete. Und wenn dann endlich einer reinkam, fragte der nur: Darf ich mal aufs Klo?

Netenjakob wollte sich keine Gedanken um Sonderangebote machen! Er war Autor, Künstler. Deswegen hatte er auch viel mehr Zeit in die originelle Gestaltung der germanisch-orientalischen Speisekarte gesteckt als in einen Businessplan. Im Mai 2011 trug er sein Baby zu Grabe. Sechs Jahre Abstand hat es gebraucht, bis er aus dem Desaster humoristische Funken schlagen konnte: Gerade erschien „Milchschaumschläger“, sein autobiografischer Café-Roman (KiWi). „Humor“, zitiert der 47-Jährige Woody Allen, „ist Tragödie plus Zeit.“

Eine Tasse Westhoff-Filterkaffee, dann fühlt er sich wie in einem Sketch von Loriot

Eigentlich hatte er ja genau so ein Café, wie er es erträumt hat, wo man Kabarettisten und andere nette Menschen trifft, guten Schafskäse kriegt, in Ruhe Bücher schreiben kann und sich mit dem Wirt prima versteht. Ein städtisches Wohnzimmer. Im „Filos“, in der Kölner Südstadt, ist Netenjakob Stammgast. An diesem Nachmittag findet er es als Treffpunkt fürs Interview ungeeignet. Es riecht noch zu sehr nach verschüttetem Karnevals-Bier.

Also Kontrastprogramm, das „Wahlen“ am Hohenstaufenring, um die Ecke ist Netenjakob aufgewachsen – seit mehr als 100 Jahren in Betrieb, noch immer in Familienbesitz, ein Café, an dessen Einrichtung sich seit 50 Jahren nichts verändert zu haben scheint. Rote Nelken, geraffte Gardinen, großgeblümte Relieftapeten. Kellnerinnen mit weißen Spitzenschürzchen servieren Toast Hawaii, Königinpasteten und Torten aller Art. Der lang gestreckte Raum ist erfüllt von Gemurmel, am Nachbartisch lässt es sich eine Gesellschaft älterer Damen, frisch frisiert, fidel gehen. Junge Frauen sitzen an Laptops, und auf der Speisekarte wird alles genau erklärt: „Latte macchiato – Gefleckter Kaffee im Glas mit Milch und Schaum“.

Eigentlich trinkt Netenjakob am liebsten Assam-Tee, aber im „Wahlen“ bestellt er sich „eine gute Tasse Westhoff-Filterkaffee“. Weil der so schmeckt wie bei seiner Oma, und weil er die Worte so gern in den Mund nimmt. Dann fühlt er sich endgültig wie in einem Sketch von Loriot. Dazu eine Schwarzwälder Kirsch.

Sein Kardinalfehler: Er dachte zu sehr aus der Perspektive des Gastes

Auch das „Macho“ war ein Familienbetrieb: seine Frau, sein Schwager und er. „Macho Man“ hieß der 2009 erschienene autobiografische Roman, in dem der sanfte Sohn akademisch-künstlerischer 68er-Eltern von seinen Erfahrungen erzählt, in eine türkische Familie einzuheiraten. Das Buch wurde ein Bestseller und der Autor übermütig: Jetzt ein Café!

Künstlercafé. Die originelle Gestaltung der deutsch-orientalischen Speisekarte war wichtiger als der Businessplan fürs "Macho".

© Tanja Evers (2), Daniela Lebang

Hülya Dogan-Netenjakob, zunächst eher skeptisch, ließ sich anstecken von seiner Begeisterung. Am liebsten hätte sie nach zwei Monaten wieder zugemacht. „Ich will mein Leben zurück!“ Denn, so Netenjakob, „das ist wie eine nicht endende Geburtstagsfeier. Am Anfang ist es schön, aber irgendwann freut man sich, wenn die Gäste wieder gehen. Nur – das hört ja nie auf!“ Trotzdem blieb er stur: Wir machen weiter. Für die Ehe wurde es zur harten Prüfung. Sie waren am Ende, wurden immer dünnhäutiger.

Einer seiner Kardinalfehler, so der Ex-Unternehmer: dass er das Ganze zu sehr aus der Perspektive des Gastes gedacht hatte statt aus der des Wirts. Für sich selbst hatte er die Rolle der „Guten Seele des Betriebs“ auserkoren. Zum Großmarkt fahren, Klo wischen (nie hätte er gedacht, dass es so schwer ist, ein Pinkelbecken zu treffen), Gäste zurechtweisen, an all das hatte er nicht gedacht. Er bricht, wie so oft an diesem Nachmittag, in plötzliches Lachen aus, verblüfft über die eigene Blauäugigkeit.

So kamen in seiner Vorstellung immer nur sympathische Leute in sein Traumkulturcafé. Keine unverschämten, rücksichtslosen, egozentrischen, betrunkenen. Netenjakob ist ein gutmütiger Mann, anderen Grenzen zu setzen nicht seine Spezialdisziplin. Oder das Personal. Er dachte, du hängst einen Zettel in der Uni auf, Kellner gesucht, und kriegst sofort 20 Bewerbungen. Stattdessen: nix. „Es war leichter, und das sage ich ohne komödiantische Übertreibung, einen Verlag für meinen Roman zu finden als Kellner für das Café.“

So viele schlaflose Nächte

Moritz Netenjakob wollte ein Café haben, wo man Kabarettisten trifft und guten Schafskäse kriegt.

© Tanja Evers (2), Daniela Lebang

Die Damen am Nachbartisch haben ihre Torten geschafft, gehen zum Sekt über. Netenjakob bestellt strahlend eine zweite Tasse guten Westhoff-Filterkaffee. Als Gast macht er sich blendend. Ist ein geduldigerer, dankbarerer Gast seit der Pleite.

Und dann die kapriziöse Fußbodenheizung, die Stunden brauchte, um auf Regulierung zu reagieren, was bedeutete, dass es immer entweder zu kalt oder zu heiß war. „Das hat mich wahnsinnig gemacht. Den ganzen Winter hab ich das nicht hingekriegt, dass die Temperatur einigermaßen stimmt.“ So viele schlaflose Nächte. 1000 Kleinigkeiten, um die er sich kümmern musste.

Gefunden hatte er das Lokal übrigens übers Internet. Dabei kannte er es schon, um die Ecke ging er aufs Gymnasium, es war das Schwänzercafé. Als braver Schüler war er selten dort. Damals hat er seinen Humor als Waffe entdeckt, machte sich zum Affen, um nicht als Streber verachtet zu werden. Und setzte dem ernsthaften Vater etwas entgegen.

Vater Netenjakob wurde Stammgast im „Macho“, hockte sich mit einer zweisprachigen Ausgabe von Orhan Pamuks „Schnee“ an den Tisch, um Türkisch zu lernen. Hat auch nicht geklappt. Dafür gab der Vater das großzügigste Trinkgeld.

Ein leeres Café bleibt leer, ein gut gefülltes wird immer voller

Weil fast jeder schon mal von einem eigenen Café geträumt hat, wussten auch alle ganz genau, wie es auszusehen hat. Familie Netenjakob-Dogan wurde mit guten Ratschlägen überschüttet. Der Tee! Die Kaffeemaschine! Ein Besoffener erklärte ihm, was falsch war an seinem Musikkonzept und dass er Spaghetti Bolognese servieren sollte, bot an, das Rezept in der Küche persönlich zu demonstrieren. Aber das „Macho“ war kein Italiener, sondern ein deutsch-türkisches Café, stolz erzählt Netenjakob von den ägäischen Spezialitäten. Manchmal ließ sich ein Kunde jede einzelne erklären – um dann „ein Kroissang“ zu bestellen. Demoralisierend nennt er solche Erlebnisse.

Es gab auch sinnvolle Ratschläge. Vor allem, dass ein leeres Café leer bleibt, ein gut gefülltes immer voller wird. „Nur – mir fehlte die Energie, mich auch noch um Statisten zu kümmern“, als Lockvögel. Außerdem hätte es eh nichts genutzt. Manchmal war der Laden ja voll, bei Kulturveranstaltungen wie der mit Anke Engelke und Bastian Pastewka, oder wenn der WDR eine gute Kritik brachte. Dann waren Koch und Service überfordert, die Gäste mussten eine Stunde aufs Essen warten und kehrten nie wieder zurück.

„Wir hätten klein anfangen sollen: 15 bis 18 Uhr, Kaffee und Kuchen.“ Doch statt sich auszuprobieren, langsam vorzutasten, hatten sie vom ersten Tag an, im August 2010, von 10 bis 23 Uhr durchgehend Speisenbetrieb.

Zwei weitere Gastronomen sind an dem Lokal gescheitert

Es ist still geworden im Café „Wahlen“, die Gäste werden bald rausgekehrt: „Sie wissen, dass wir um 18 Uhr schließen?“ Netenjakob ist am Ende angekommen: Die Nacht, als er für immer die Tür abschloss. „Das war echt hart.“ Man merkt, wie ihn die Emotionen überkommen. Der Schmerz ist immer noch da. Allein den Mitarbeitern sagen zu müssen, dass sie schließen – „das war das Schwierigste“. Seinem Schwager, den er extra aus der Türkei geholt hatte für den Job, den griechischen Kellnerinnen, dem neuen Geschäftsführer, der mehr Professionalität in den Laden bringen sollte, was dieser auch tat, nur dass sein Lohn weit höher war als der zusätzliche Gewinn.

Als es vorbei war, schickte Netenjakob eine lustige Rundmail herum. Man hat ihm gratuliert zu seinem Humor. „Nur der engste Kreis wusste, wie nah uns das ging.“ Ein, zwei Jahre hätten sie noch richtig daran zu knabbern gehabt. Am Ende habe es seine Frau und ihn noch stärker zusammengeschweißt.

Schließlich hat er noch Glück gehabt: dass er nach drei Monaten einen Nachmieter gefunden hat, nicht noch jahrelang Miete zahlen musste. Er hatte nämlich einen fünfjährigen Pachtvertrag unterschrieben, dachte, er hätte eine dreimonatige Kündigungsfrist. Falsch gedacht. Zwei weitere Gastronomen, und die waren Profis, sind dann gescheitert an dem Lokal. Bis ein Edel-Hamburger-Laden einzog. Der floriert.

Während der Zeit des Leidens hat Netenjakob sich mit dem Gedanken aufgemuntert, eines Tages etwas darüber zu schreiben. Was gibt es für einen besseren Stoff als das Scheitern. Als Glück empfindet er auch die neu gefundene Dankbarkeit. Früher hätte er gestöhnt, wenn er, wie am nächsten Tag, mal wieder in die Provinz muss, Leute bespaßen. Jetzt freut er sich – seinen Lebensunterhalt tatsächlich mit etwas zu verdienen, was ihm selber Spaß macht.

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