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Die Touristen sind heute zurück in Miami Beach. Bevor Daoud 1985 Bürgermeister wurde, litt die Stadt unter Verbrechen und wachsender Armut.

© Mauritius Images

Ex-Bürgermeister Alex Daoud: Der harte Hund von Miami Beach

Vom Ghetto zu Gucci: Alex Daoud machte als Bürgermeister seine Stadt Miami Beach wieder glamourös – dann wurde er korrupt. Besuch bei einem Kämpfer.

Die Straße stimmt, Michigan Avenue. Die Hausnummer auch. Alex Daoud hat sie am Vortag per SMS geschickt. Zur Sicherheit, just in case. Und nun das. Ein flaches Haus, klein und unspektakulär, in einer Gegend, in der nichts klein und unspektakulär ist. Der Anstrich verwittert, das Weiß, früher muss es gestrahlt haben unter der Sonne Südfloridas, ist einem grau-grünen Ton gewichen. Die Rollläden sind unten. Eine frisch gestutzte Hecke grenzt den schmalen Vorgarten vom Bürgersteig ab. Meterhohe Palmen stehen auf der kleinen Grünfläche, Blätter liegen am Boden und vermodern. Hier soll der frühere Bürgermeister von Miami Beach, Amerikas St. Tropez, wohnen? Im schäbigsten Haus der Straße?

Schwer vorzustellen, also: lieber nochmal anrufen. Mr. Daoud geht sofort ran. „Yeah“, sagt er mit lauter, kräftiger Stimme. „Das ist richtig. Kommen Sie rein.“

Eine Treppe aus roten Backsteinen führt zur offenen Tür hinauf. Lärm dringt aus dem Inneren. Daoud ist nur zu hören, nicht zu sehen. Er sitzt in einem Bürostuhl, hinter Kisten voller Bücher, und schaut auf einen Computerbildschirm. Als er den Besuch bemerkt, steht er auf und streckt seine riesige Hand zur Begrüßung entgegen. Was für ein Händedruck!

70, 80 Bücher sind es mindestens, die ihn umgeben. Alle von der gleichen Ausgabe. Buntes Cover, grelle Farben, Palmen, vorn ein gelber Sportwagen. Glitter, Glamour, Miami Beach bei Nacht. „Sins of South Beach – Die wahre Geschichte über Korruption, Gewalt, Mord und die Entstehung von Miami Beach“. Es ist seine Geschichte und auch die Geschichte seiner Stadt. Daoud hat alles aufgeschrieben, auf 513 Seiten. „War gar nicht so leicht, mich kurz zu fassen. Schließlich war ich mal Politiker, Sie wissen ja, viel heiße Luft und so“, sagt er. Daoud, vor 71 Jahren in Miami Beach geboren, kann über sich selbst lachen. Nicht die schlechteste Eigenschaft im Politikgeschäft.

Der Mann hat viel erlebt. Er war Boxer, trainierte in den 50er und 60er Jahren im legendären Gym der Brüder Angelo und Chris Dundee in der fünften Straße, gemeinsam mit einem jungen Schwarzen, Cassius Clay. Bis heute sind sie Freunde. Clay, der sich später in Muhammad Ali umbenannte und zum größten Boxer aller Zeiten aufstieg, hatte mehr Talent.

Daoud arbeitete als Anwalt, wechselte vom Ring in die Kanzlei und später in die Politik. „Dort ging’s brutaler, dreckiger zu“, sagt er ohne Regung im Gesicht. Er wurde 1979 erst Commissioner, eine Art Stadtverordneter, dann ab 1985 Bürgermeister von Miami Beach. Er half, Gewalt, Drogen und Kriminalität einzudämmen, verzettelte sich aber in Seilschaften und Korruption. Seine Amtszeit endete 1991, mit 41 Klagen gegen ihn. Alle wegen Korruption und Amtsmissbrauch. Daoud landete für anderthalb Jahre im Gefängnis, verlor Frau, Freunde, Karriere, Geld und lebt heute zurückgezogen und allein in der Michigan Avenue.

Von hier sind es nur ein paar Gehminuten bis zur Lincoln Road mit ihren Restaurants, Boutiquen und Juwelierläden. Wohlhabende aus der ganzen Welt drängen sich durch die Fußgängerzone. Französische Wörter flirren durch die schwüle Luft. Arabische gesellen sich dazu, russische, spanische, deutsche – der bunteste Sprachenmix. Die Frauen tragen Handtaschen von Louis Vuitton oder Prada, ihre Begleiter stecken in Hemden von Zegna oder Schuhen von Santoni. Einige Outfits sind mehr wert als so manches Auto auf den Straßen ringsum.

Restaurantangestellte werben mit diskreter Freundlichkeit. Oft genügt ein Blickkontakt zwischen ihnen und den Passanten, um zu wissen, ob Interesse besteht. Niemand will penetrant wirken, bloß nicht den Eindruck entstehen lassen, das Haus hätte es nötig. Auf den Speisekarten stehen Steaks im dreistelligen Dollarbereich, wer hier einkehrt, muss über sein Reisebudget nicht weiter nachdenken.

Ende der 70er Jahre sah es in der Gegend anders aus. Geschäfte standen leer, Häuser verfielen, auf der Straße lungerten Verbrecher, mit Knarren in der Hand und Drogen in den Taschen. Bis Daoud kam. Vom Ghetto zu Gucci – das ist sein Werk. Und das der Polizeileute.

Der Modellathlet von einst kämpft gegen das Übergewicht

Alex Daoud als Bürgermeister.
Bessere Zeiten: Alex Daoud als Bürgermeister.

© State Archives of Florida

Lust auf einen Spaziergang, Alex? Daoud schüttelt den Kopf. Er fühlt sich nicht gut, die Knie machen Probleme, laufen fällt ihm schwer an diesem Tag. Von der Statur her ist er noch immer ein Hüne, wie damals als Boxer. Über 1,90 Meter groß, nur die Kilo sind mehr geworden. Der Modellathlet von einst kämpft gegen das Übergewicht. Seine Geschichte erzählt er lieber am Küchentisch.

Küche und Wohnzimmer sind ein langer Raum, durch die großen Fenster lässt es sich hinaus in den Garten hinter dem Haus sehen. Backyard, sagen die Amerikaner. Zwei Schäferhunde dösen unter einem Zitronenbaum. Ihre Fressnäpfe stehen in der Küche in Griffweite zum Kühlschrank. Die Tiere sind neben seinem erwachsenen Sohn die einzige Konstante in Daouds Leben. Seine Tochter hat sich von ihm abgewandt, ihn verklagt, weil sie Ansprüche auf das Haus erhebt, in dem er lebt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt geht es um die Wandlung von Miami Beach vom heruntergekommenen Gangsterloch zum Jet-Set-Spot der USA. Daoud spricht gern über diese Zeit. Seine Erinnerung daran ist klar, gestützt durch Bilder an den Küchenwänden und am Kühlschrank. Daoud mit der Queen, Daoud mit Ali, Daoud mit Don Johnson, dem Star der Fernsehserie „Miami Vice“. Relikte aus einem vergangenen Leben. So fern, so unerreichbar heute, wie ein Spaziergang rüber zur Lincoln Road mit kaputten Knien.

Von den 30er bis in die 50er Jahre war Miami Beach ein Ferienziel mit aufregendem Nachtleben. In den Art-Deco-Hotels wohnten Touristen aus aller Welt, in den Nachtklubs sangen Frank Sinatra und Sammy Davis Jr., Hollywoodstars aalten sich am South Beach. Daouds Eltern betrieben eine Kunstgalerie in der Lincoln Road. Geld kam vor allem von außerhalb, die meisten Bewohner von Miami Beach waren schon damals nicht sehr wohlhabend. Viele ältere Leute wohnten dort. Juden, die den Holocaust überlebt hatten, oder Einwanderer aus Süd- und Mittelamerika.

Als Touristen immer spärlicher die Stadt besuchten, weil Las Vegas das Glücksspiel legalisierte und die Showgrößen nun lieber in der Wüste Hof hielten, ging es mit Miami Beach bergab. Den einst schicken kleinen Hotels fehlten die Gäste und den Betreibern der Wille, um sie zu kämpfen.

Richtig schlimm wurde es durch ein Abkommen zwischen US-Präsident Jimmy Carter und Kubas Fidel Castro: Der „Mariel Boatlift“ erlaubte es, aus politischen Gründen gefangenen Kubanern, in die USA zu kommen. Was Carter nicht wusste: Unter den Verfolgten befanden sich Schwerverbrecher aus den Gefängnissen von Havanna. Mörder, Vergewaltiger, Drogenkuriere, die nun die Straßen von Miami Beach in einen Kriegsschauplatz verwandelten. Die Zeit der Cocaine Cowboys begann.

„Washington hat uns diese Leute aufgehalst und sich dann um nichts mehr gekümmert.“ Daoud wird wütend, wenn er darüber spricht. In Gedanken ist er dann wieder im Jahr 1980. Morde häufen sich, oft trifft es ältere Rentner, die sich nicht mehr gegen die brutalen Angreifer wehren können. Als junger Commissioner fährt Daoud eines Tages mit Polizisten Streife, um sich ein Bild von der Situation zu machen. An einer Straße finden sie eine alte Frau am Rand liegend, blutüberströmt, vergewaltigt, bewusstlos. Als Daoud den leblosen, misshandelten Körper genauer ansieht, hat er das Gefühl, sein Herz setze aus. Es ist Elsie Cohen, eine Freundin. Als junges Mädchen hatte sie das Warschauer Ghetto überlebt, ihr Mann wurde von den Nazis umgebracht. Nur eine Armbanduhr war ihr von ihm geblieben, sie trug sie jeden Tag und jede Nacht.

Die Uhr fehlt. Am Ende der Straße haben es drei Männer sehr eilig, wegzukommen. Daoud und die Polizisten nehmen die Verfolgung auf und stellen das Trio wenige Blocks weiter. Das Erste, was Daoud sieht, ist die Armbanduhr am Handgelenk eines der Männer. Ihm, dem ehemaligen Boxer, setzt der Verstand aus. In einem Anflug von Selbstjustiz schlägt er den Mann fast tot. Die Polizisten prügeln auf die Begleiter ein. Der Mann mit der Uhr stirbt später im Krankenhaus. In dieser Nacht beginnen die „Attitude Adjustment Sessions“, wie Daoud es nennt. Er und einige Polizisten ziehen regelmäßig los, wenn es dunkel wird, schlagen Dealer und andere Kriminelle brutal zusammen, ziehen sie aus, wickeln sie in Plastikhüllen und fahren sie über die Brücken rüber nach Miami, die großen Nachbarstadt von Miami Beach, das verwaltungstechnisch als eigenständige Gemeinde zählt. Daoud fühlt sich wie Batman, der in Gotham City aufräumt. Am Tage sitzt er in der Stadtverwaltung am Schreibtisch, nach Einbruch der Dunkelheit schlägt er zu. Kaum jemand weiß davon.

Später stockt er als Bürgermeister den Polizeietat auf und vervielfacht die Anzahl der Beamten. Die Kriminalitätsrate sinkt. Investoren stecken Geld in Hotels, es wird gebaut. Weil Baugenehmigungen so leicht zu haben sind wie Koks in den Nachtklubs am Ocean Drive. Mit den Auflagen nimmt es niemand so genau, auch Daoud sieht inzwischen gern mal weg. Schließlich kommt es seiner Stadt zugute.

Unter ihm kehren Hollywoodstars und Prominente zurück

Die Serie "Miami Vice" aus den 80er Jahren prägte das Image der Stadt.
Die Serie "Miami Vice" aus den 80er Jahren prägte das Image der Stadt.

© p-a/obs

Hollywoodstars und andere Prominente kehren zurück. Gianni Versace kauft sich eine Villa am Strand. Miami Beach ist wieder hip. Das hängt auch mit einer Fernsehserie zusammen: „Miami Vice“, jeden Donnerstag landesweit zu sehen. Gezeigt wird ein Ferienparadies: Sonne, Strand und schöne Frauen. Teure Sportwagen, am Lenkrad coole Typen in rosa Hemden und Leinenanzügen. „Bessere Werbung ging nicht“, sagt Daoud. Er selbst sorgt für Drehgenehmigungen, seine Mitarbeiter drücken ein Auge zu, wenn die Mitglieder der Filmcrew auch im realen Leben mit 150 km/h über den Highway preschen.

Die Grenzen zwischen Film und Realität verschwimmen, gerade bei Daoud. Den Erfolg von Miami Vice nutzt er gekonnt, um seine Popularität zu steigern, tritt mehrmals in der Serie auf und hängt privat mit Hauptdarsteller Don Johnson in Bars ab. Die Menschen in Miami Beach lieben ihren Glamour-Bürgermeister. Er wird 1987 wiedergewählt und zwei Jahre später noch mal im Amt bestätigt. Drei Amtszeiten – das hatte bis dahin niemand in Miami Beach geschafft.

Doch Daoud ist längst nicht mehr der Idealist von einst, sondern dem Reiz des Geldes erlegen sowie den zahlreichen Frauen, mit denen er, der verheiratete Katholik, Affären hat.

In seiner Küche erinnert sich Daoud an das erste Mal, als er Geld für einen Gefallen entgegen nahm. Er stand im Büro eines einflussreichen Bankers, durch das riesige Glasfenster konnte er direkt auf den Atlantischen Ozean blicken. Der Banker wollte seinen Sohn in der Stadtverwaltung platzieren. Um Daoud die Sache schmackhaft zu machen, hatte er 25 000 Euro in einen Umschlag gesteckt. „Ich bekam vorher schon solche Angebote und lehnte ab, aber da wurde ich schwach. Ich hatte ständig mit sehr reichen Leuten zu tun und verdiente als Bürgermeister nur 10 000 Dollar im Jahr.“ Von nun an nimmt er öfter Umschläge entgegen. „Es fühlte sich nicht mehr falsch an. Ich fand, ich nahm nur, was mir im Verhältnis zu den Gagen der Banker und Investoren zustand.“ Auf dem Höhepunkt seiner Popularität fühlt sich Daoud unbesiegbar. Im Hintergrund laufen da schon Bemühungen von politischen Gegnern, ihn aus dem Amt zu drängen. Die Vorliebe des Bürgermeisters für Bares ist längst kein Geheimnis mehr.

Wer sich heute am Strand von South Beach oder in den Straßen umhört, wird immer noch viel Positives hören, wenn er Bewohner auf Alex Daoud anspricht. „Great guy“ heißt es dann. „Er hat viel getan für die Stadt, als sie am Boden war.“

Im Kongresszentrum will niemand mehr über Alex Daoud sprechen, Anfragen werden abgewiegelt. Halle C heißt dort „Muhammad Ali Hall of Champions“, im Eingangsbereich steht eine große Gedenktafel zu Ehren des Boxers. Daoud hat sie aufstellen lassen, als eine seiner letzten Amtshandlungen. Ali errang 1964 in Miami Beach zum ersten Mal den Weltmeisterschaftsgürtel im Schwergewicht. Daoud wollte die Tafel – nicht nur in Erinnerung an den Kampf und an Ali, sondern auch an die Zeit der Rassentrennung. „In den frühen 60ern wurden wir abends oft beim Joggen angehalten, ich, Cassius und die anderen Jungs, die alle schwarz waren. Den Polizisten kam es nicht geheuer vor, dass ein Weißer mit Schwarzen unterwegs ist“, sagt Daoud. Im Bus konnten sie nicht nebeneinandersitzen, Schwarze mussten ins hintere Abteil, Weiße saßen vorn.

Am Küchentisch seufzt Alex Daoud beim Streifzug durch sein Leben. Das Wasser mit der Zitronenscheibe vor ihm hat er nicht angerührt. Die Gedanken an seinen Freund Ali, der heute schwer von Parkinson gezeichnet ist, lassen ihn wehmütig werden. Seine Zeit als Politiker nicht. „Alles, was passiert ist, habe ich mir selbst zuzuschreiben. Gier hat mich ins Gefängnis gebracht.“ Heute sei er mit seinem Leben im Reinen.

Es klingelt an der Tür, im Garten bellen die Schäferhunde. Daoud ahnt, wer kommt. „Ein Freund“, sagt er. Viele sind ihm nicht geblieben.

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