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Der Impfstoff ist rar.

© Hannes Heine

Tagesspiegel Plus

„Der Impfstoff ist eine Diva“: Warum die Ampullen so schleppend verteilt werden – und manchmal im Müll landen

Die eine Schwachstelle bei der Corona-Impfstoffverteilung in Berlin gibt es nicht. Es sind gleich mehrere. Eine Rekonstruktion.

Die Ampullen aus Box EJ6796 sind bald verimpft, Mario Czaja nickt: Ein paar Berliner mehr sind demnächst vor Sars-Cov-2 geschützt. Es sind diese kleinen Erfolge, die in diesen Tagen gefeiert werden können, die großen brauchen noch. Czaja, früherer Gesundheitssenator für die Union, ist Berliner Landeschef des Deutschen Roten Kreuzes. Er steht in der „Arena“, jener 6500-Quadratmeter-Halle in Berlin-Treptow, in der das Massenimpfen in der Hauptstadt startete.

Das DRK soll im Impfkosmos aus Pharmazeuten, Ärzten, Soldaten, Technikern, Sanitätern, Wachleuten, Ehrenamtlichen und Patienten die koordinierende Kraft sein, besser: werden.

Mario Czaja, Berliner Landeschef des DRK.
Mario Czaja, Berliner Landeschef des DRK.

© Hannes Heine

„Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Czaja am Dienstag. „Mit dem Senat ist abgesprochen, dass das DRK die Abläufe enger steuern wird.“ Am Vorabend wurde bekannt, dass in der „Arena“ vor Silvester Impfstoff entsorgt werden musste. Ausgerechnet jetzt, da mehr als 99 Prozent der Deutschen nicht geimpft sind. Neun, zehn, vielleicht elf Spritzen – die Senatsgesundheitsverwaltung nennt keine Zahl – lagen einige Stunden unbeachtet, vor allem ungekühlt bereit. Vorschrift ist: Was nach zwei Stunden nicht benutzt wurde, kommt nicht in den Kühlschrank zurück, sondern in den Müll.

„Ärgerlich“, sagt Czaja. „Darf nicht nochmal passieren.“ Zwischen den weißen Modulbauwänden auf dem schwarzen Hallenboden laufen Helfer durch die Gänge. Das Impfzentrum ist riesig, theoretisch sollten 3000 Berliner ihre Spritze bekommen – pro Tag. Am Dienstag waren es einige Hundert.

Für Tausende ist die „Arena“ ausgelegt, nur einige Hundert wurden tatsächlich geimpft.
Für Tausende ist die „Arena“ ausgelegt, nur einige Hundert wurden tatsächlich geimpft.

© Hannes Heine

Fast überall in Deutschland wird weniger geimpft als erwartet – auch weniger als diverse Politiker in Aussicht stellten. In Israel haben knapp 1,3 Millionen Bürger ihre erste Dosis erhalten, fast die Hälfte der Über-60-Jährigen erhält bald die zweite. Warum funktioniert in Deutschland nicht, was in Israel klappt? Dabei entwickelten Biontech und Pfizer den aktuellen Impfstoff in Mainz.

Das eine Nadelöhr, die eine Schwachstelle gibt es nicht. Es sind gleich mehrere. Zunächst hat die Bundesregierung womöglich zu wenig Impfstoff bestellt, die SPD greift Gesundheitsminister Jens Spahn, der bislang als CDU-Hoffnung gilt, heftig an. Doch gerade wenn Impfstoff knapp ist, sollte er doch zügig verimpft werden können, damit es bei der nächsten Lieferung schnell weiter geht.

Die Politik ist viel abhängiger, als es viele wahrnehmen

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender Weltärztebund

Hunderttausende aktive Ärzte, fast 400 Gesundheitsämter, dazu heimische Pharmakonzerne von Weltrang – das alles hat offenbar weniger geholfen, als gedacht. Dabei steht Berlin sogar noch gut da – in Thüringen, Niedersachsen, Brandenburg wurde im Schnitt einer von 1000 Bürgern geimpft, in der Hauptstadt sind es fünf. In Großbritannien fast 14, wobei die Behörden zusätzlich zum Biontech-Impfstoff das in Oxford koproduzierte Astrazeneca einsetzen.

Anruf bei jemandem, der zwar auch Arzt ist, vor allem aber Deutschlands gesundheitspolitischer Multifunktionär. „Die Politik ist viel abhängiger, als es viele wahrnehmen“, sagt Frank Ulrich Montgomery. Der Radiologe ist dieser Tage der Chefkommentator der Pandemiepolitik.

Warum wurde der Impfstoff nicht schon verteilt, bevor die Zulassung da war?

Er war Chef des Marburger Bundes, wurde 2011 Präsident der Bundesärztekammer, sitzt heute dem Weltärztebund vor. Montgomery sieht die Ursache für den holprigen Impfstart in den Abhängigkeiten der Bundesregierung, die allesamt Zeit kosten und entschlossenes, kohärentes Vorgehen erschwerten: Das Kabinett sei von der Europäischen Union abhängig, denn den Masseneinkauf von Impfstoff übernahm Brüssel – das hat Angela Merkel so gewollt, hatte Deutschland doch bis vor wenigen Tagen die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Ihn wundere auch, warum man den Impfstoff nicht schon verteilt hat, bevor die Zulassung da war – dann hätte man Weihnachten loslegen können. Dann ist die Bundesregierung von den 16 Länderchefs abhängig, der Föderalismus jedenfalls gilt auch in der Coronakrise als sakrosankt. Von Bayerns Härte über die einst skeptischen Sachsen zu den ernsteren Berlinern und lockereren Nordländern – auch in der Pandemie verfolgen die 16 Einzelregierungen eigene Ideen. Zuletzt ist die Bundesregierung auch noch auf die Pharmafirmen angewiesen, derzeit auf die Biontech-Pfizer-Allianz.

Etliche Akteure sind beteiligt. Nicht nur Profis

In Israel entscheidet das Gesundheitsministerium zentral. Die Regierung kann sich auf ein krisenerprobtes Gesundheitswesen verlassen. Gibt es Probleme, wird auf Sanitäter, Ärzte, Logistiker der Armee zurückgegriffen – die meisten Israelis dienten selbst. In den Impfzentren des Landes liefen die Dinge flotter ab.

In Deutschland, so ist es aus Parteien und Verbänden gleichermaßen zu hören, werde man vielen Fachleuten nicht zumuten können, auch in Nachtschichten zu impfen. Zwar lagern die Ampullen, drei Zentimeter hoch, mit Gummipfropfen verschlossen, auch in Deutschland in militärisch gesicherten Einrichtungen – den Berliner Lagerort kennen, so heißt es aus Senatskreisen, weniger als 20 Leute.

Am Impfen selbst sind dann aber zahlreiche Akteure beteiligt, eben nicht nur eingespielte Profis, die sich seit Jahren mit solchen Abläufen befassen. Und in Deutschland entwirft auch nicht nur jedes Bundesland eigene Pläne, sondern trifft dafür mit drei, vier regionalen Akteuren gesondert Absprachen.

Irgendwo zwischen der Ad-hoc-Apotheke und der Ärztekabine in der „Arena“ lag eine Schale mit einsatzbereiten Spritzen rum, die vergessen wurde.
Irgendwo zwischen der Ad-hoc-Apotheke und der Ärztekabine in der „Arena“ lag eine Schale mit einsatzbereiten Spritzen rum, die vergessen wurde.

© Hannes Heine

Die Helfer in der „Arena“ tragen Westen in acht Farben. Schwarz – Wachleute; Grün – Registratur; Orange – Zuweiser; Magenta – Ärzte; Blau – Betreuer; Violett – Pharmazie; Gelb – Technik; Weiß – Leiter. Die Farben geben DRK-Chef Mario Czaja einen vagen Überblick darüber, wer in den Kabinen und Gängen der „Arena“ gerade was tut. Sie zeigen aber auch an, wo eines der Probleme liegt – die Farben stehen für unterschiedliche Befugnisse. Die Pharmazeuten werden von Bayer und Berlin Chemie gestellt, kommen aber oft nicht aus den Laboren der Konzerne selbst, sondern von Drittfirmen.

Die Kassenärzte, die seit Gründung der Bundesrepublik ihre Arbeit autonom regeln dürfen, hatten sich immer wieder mit Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gestritten. Doch die Sozialdemokratin darf der öffentlich-rechtlichen Kassenärztlichen Vereinigung, der KV, selbst in der Pandemie kaum Anweisungen machen. Auch das DRK darf weder Ärzte noch Pharmazeuten dirigieren.

Der Astrazeneca-Impfstoff kann einfacher gelagert werden

Und so stand irgendwo zwischen der Ad-hoc-Apotheke und der Ärztekabine in der „Arena“ eine Schale mit einsatzbereiten Spritzen rum, die vergessen wurde. Die KV meldet sich am Dienstag mit einem ganz anderen Vorschlag, offenbar ist einigen Kassenärzten das Impfzentrum nicht geheuer. Man appelliere an die Politik, auf die Stärken der Praxen zu setzen, sobald ein einfacherer Impfstoff zugelassen sei: Dies wäre beim bald zugelassenen Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca und der Universität Oxford der Fall, weil der in einfachen Kühlschränken gelagert werden könne.

Im Abgesang auf die noch viel zu jungen Impfzentren steckt eine Wahrheit, die auch Mario Czaja kennt: „Der aktuelle Impfstoff ist eine Diva.“ Nach der Fabrik muss das Mittel in Tiefkühlern mit minus 70 Grad Celsius gelagert werden. Kommt er in die Impfzentren, darf er nur einige Tage in übliche Kühlschränke. Wird er entnommen, muss das Mittel von Pharmazeuten in festgelegten Schritten geschwenkt, mit einer Kochsalzlösung verdünnt in Spritzen aufgezogen und schließlich zu den Ärzten gebracht werden. Die müssen den Impfstoff in maximal zwei Stunden verbrauchen.

Ohne die Bundeswehr würde das alles wohl nicht klappen

Mario Czaja

Der Impfstoff ist neu, in diesen Tagen benötigen die Pharmazeuten fünf Minuten pro Spritze. Wenn zehn Pharmazeuten pro Impfzentrum tätig sind, können sie pro Tag circa 1000 Spritzen aufbereiten. Ehe 60 Millionen potenzielle Impflinge – also ohne Kinder, Schwerkranke, Verweigerer – so gespritzt werden, ist das Jahr rum.

„Ohne die Bundeswehr“, sagt Czaja, „würde das alles wohl nicht klappen.“ Die Bundesregierung will nun die zusätzliche Produktion von Corona-Impfstoffen ankurbeln. Wie genau, das soll unter Leitung der Bundeskanzlerin an diesem Mittwoch besprochen werden. Deutschlands Pflegebeauftragter, Andreas Westerfellhaus, fordert die Länderchefs derweil zu einheitlichen Impfregeln auf: Alle Impfberechtigten bräuchten Klarheit, wie sie an ihre Immunisierung kämen. Westerfellhaus kritisierte, dass in einigen Bundesländern die Menschen angeschrieben würden, in anderen müssten sie sich selbst um Termine bemühen.

In Berlin werden Briefe verschickt, ob jeder Hochbetagte sie erhalten, geöffnet, gelesen, verstanden und befolgt hat, wagen auch einige der Helfer in der „Arena“ zu bezweifeln. Die Empfänger müssen telefonisch oder online einen Termin ausmachen. Kommen sie im Impfzentrum an, kann kaum noch etwas schief gehen: Eine FFP2-Maske liegt bereit, elektronisches Fieber-Thermometer an die Stirn, Eingangskontrolle, Hände desinfizieren, Helfer kümmern sich um Aufklärungs- und Anamnesebögen.

Dann zur Ärztekabine, Spritze. Nun noch eine halbe Stunde in den Warteraum, Kontrollroutine. Dann erhält jeder Geimpfte einen Zettel mit Stempel und Chargennummer des Impfstoffs. Dazu ist der Termin für die Zweitimpfung vermerkt.

Für diese nächste Dosis reicht der Impfstoff noch, für alle anderen aber müssten bald neue Ampullen geliefert werden. Am 8. Januar soll es in Berlin soweit sein.

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