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Im Ausland eine Witzfigur, in der Heimat ein Hoffnungsträger: Von 1971 bis 1979 regiert Idi Amin Uganda.
© imago/ZUMA/Keystone

Ex-Diktator Idi Amin: Der Schlächter von Uganda

1979 verlor Idi Amin die Macht. Der Diktator hatte mehr als 300 000 Menschen brutal ermorden lassen.

Nummer 9 redet. Sonst hätte ihm der junge Leutnant den Penis abgehackt. Der Soldat soll die Stämme im Norden Ugandas entwaffnen, die sich gegenseitig das Vieh stehlen und dabei mit immer moderneren Waffen kämpfen. Also, berichtete die Schweizer „Weltwoche“, stellt der Leutnant die Männer des Stammes in Reihe vor einen langen Tisch und lässt sie ihre Geschlechtsteile darauf ablegen. Dann schlägt er mit der Machete zu. Acht Mal. Nummer 9 verrät das Versteck.

Der Soldat hat seinen Auftrag erfüllt. Die Briten, 1961 noch Kolonialmacht in Uganda, schätzen seine Effizienz in der „King’s Rifles Army“, der schwarzen Einheit der Armee. Sie schätzen seine Effizienz so sehr, dass sie über die Grausamkeit seiner Pflichterfüllung hinwegsehen. Zumal Uganda ein Jahr später in die Unabhängigkeit entlassen werden soll, und ein unkontrollierbarer Killer, aufgebaut unter dem Kommando des Commonwealth, gäbe ungute Schlagzeilen. Immerhin hatte der Soldat sich vom Hilfskoch zum ersten farbigen Offizier der Streitkräfte hochgearbeitet.

Der Name des Mannes ist Idi Amin.

Zehn Jahre später putscht der sich ins Präsidentenamt, von 1971 bis 1979 regiert er das Land, das Winston Churchill einst die „Perle Afrikas“ nannte. Es wird eine der brutalsten Diktaturen des Kontinents werden.

„VIP-Behandlung“ hieß Folter

Journalisten und Hilfsorganisationen berichten über Folterkeller, in die er Gefangene sperrt, den Boden erst unter Wasser und dann unter Strom setzt. Soldaten, die er für Verräter hält, fragt er, ob sie eine Zigarre wollen. Dann schneidet er ihnen den Penis ab und stopft ihn in ihren Rachen, bis sie daran ersticken. Für Folter an Geschlechtsteilen hat er offenbar ein Faible. Er pfercht Dutzende Menschen in Häuser, die er mit Dynamit in die Luft sprengt. Der Präsident lässt in Afrikas Perle 300 000 bis 400 000 Menschen töten, verstümmeln, quälen.

Nicht alle Geschichten lassen sich belegen, andere wiederum sind gut dokumentiert. Angeblich fand man in den Kühlschränken seiner Villa später die Köpfe seiner Widersacher. Sprach der Präsident von „VIP-Behandlung“, war Folter gemeint. „Kalasi“ bedeutete den einfachen Tod. Etwa mit einem Hammer erschlagen, von Maschinengewehrsalven durchlöchert oder von Panzerketten zerquetscht werden.

Wie konnte dieser Tyrann Präsident werden? Jemand, der später seine zweite Ehefrau Kay Adora zerstückeln ließ, weil sie eine Affäre hatte. Der anschließend die Gliedmaßen wieder an den Leichnam habe nähen lassen. Jemand, der sich damit rühmte, Menschenfleisch gegessen zu haben. Hatte niemand kommen sehen, was passiert?

Er verspricht, was immer gerade fehlt

Am Anfang ist da die große Hoffnung der Ugander. Darauf, dass sich überhaupt etwas ändert. Präsident Milton Obote hatte das Land seit der Unabhängigkeit in die Armut getrieben, politische Gegner verfolgen und wegsperren lassen. Anfangs ist er ein Förderer Amins, macht ihn sogar zum Oberbefehlshaber der Armee. Die zwei sind gar nicht so verschieden. Doch als Amin sich in die eigene Tasche wirtschaftet, will Obote ihn verhaften lassen. Amin erfährt frühzeitig davon und kommt ihm mit dem Putsch zuvor, als Obote sich gerade auf einer Auslandsreise befindet. Fortan, so schreibt es sein Ex-Minister Henry Kyemba 1977 in dem Buch „State of Blood“, zieht Amin durchs Land, von Dorf zu Dorf, und verspricht, was immer gerade fehlt. Eine neue Schule, ein moderneres Krankenhaus, eine bessere Straße. Seine Zusagen sind zahlreich. Die zuständigen Minister erfahren davon manchmal erst aus dem Radio. Wie das bezahlt werden soll, kümmert ihn nicht. Viele Landsleute bewundern ihn dafür, dass er sich nicht von den Weißen beeindrucken lässt. Es gibt ein Bild von Idi Amin, darauf lässt er sich von vier britischen Geschäftsmännern in einer Sänfte tragen.

Und Amin hat ja auch einnehmende Seiten. Seine Gefolgsleute belohnt der Präsident mit teuren Mercedes-Limousinen und schicken Villen. Kyemba schreibt: „Man sollte diesen Idi Amin nicht unterschätzen. Gewiss, er ist beinahe Analphabet; er ist politisch naiv, er ist äußerst berechenbar, er ist unerhört grausam. Aber er ist auch umgänglich und großzügig; und er ist ungewöhnlich begabt, rasch und zweckentsprechend zu handeln, offenkundige Schwächen zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen und sich in seiner Räuberbande als Anführer durchzusetzen.“

Ein Traum, der alles änderte

Tyrann von Welt. Idi Amin zu Besuch in West-Berlin.
Tyrann von Welt. Idi Amin zu Besuch in West-Berlin.
© akg-images / Gert Schütz

Geboren wird Amin mutmaßlich 1925 in Arua im Norden Ugandas. Nach gerade vier Jahren Schulbildung kann er kaum lesen und schreiben, sein Englisch ist miserabel. Körperlich sticht er dagegen aus der Masse heraus. 1,93 Meter groß, um die 120 Kilogramm schwer. Amin war neun Jahre lang ugandischer Boxmeister.

Wieso aber reagierte die Weltgemeinschaft nicht früher? Immerhin war die weder von der gleichen Hoffnung wie die Ugander getrieben, noch stand sie in dem Verdacht, sich von seinen Geschenken und netten Worten blenden zu lassen. Im Ausland wird der Hüne schlicht für einen Politclown gehalten. Amin hatte selbst mit diversen Eskapaden dazu beigetragen. Einmal schickt er ein Telegramm an die Queen, in dem er ihr anbietet, sie möge ihn jederzeit in Uganda besuchen, wolle sie einmal „einen richtigen Mann kennenlernen“. In einem anderen Schreiben offeriert er US-Präsident Nixon in der Watergate-Affäre Zuflucht. An seiner Uniform hängen erfundene Abzeichen, er selbst gibt sich den Titel: „Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall al Hadsch Doktor Idi Amin Dada, Herr aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere und Bezwinger des Britischen Weltreichs in Afrika im Allgemeinen und in Uganda im Besonderen“.

Im Ausland eine Witzfigur, in der Heimat ein Hoffnungsträger – bis Idi Amin einen Traum hat und am nächsten Morgen entscheidet, alle Asiaten zu enteignen und binnen drei Monaten aus dem Land zu werfen. 50 000 Inder und Pakistani müssen fliehen, danach ist die Wirtschaft am Ende. Schon bald gibt es nicht mal mehr ein Stück Seife im ganzen Land zu kaufen. Der Rückhalt in der Bevölkerung sinkt.

Abtrünnige Minister treiben tot im See

Mit den Westmächten verscherzt es sich Amin 1971, als er Israel unverhohlen um 20 Kampfjets bittet, um seinen Erzfeind Tansania anzugreifen. Die Israelis weigern sich, anders als Muammar al-Gaddafi in Libyen. Von nun an ist Amin ein Verbündeter der arabischen Welt und geriert sich als Antisemit. Er lobt den Holocaust, was ihm den Beinamen „Afrikas Hitler“ einbringt. Er fordert vor der UN-Vollversammlung die Zerstörung Israels. Als palästinensische Terroristen während der Olympischen Spiele in München israelische Geiseln töten, beglückwünscht Amin die Attentäter.

Verbündeter der arabischen Welt. Amin mit seinem Freund Arafat.
Verbündeter der arabischen Welt. Amin mit seinem Freund Arafat.
© imago/ZUMA/Keystone

Als Terroristen auf ugandischem Boden eine Air-France-Maschine mit israelischen Geiseln in ihre Gewalt bringen, sind es ausgerechnet israelische Spezialkräfte, die während der „Operation Entebbe“ die Entführer töten und die meisten Geiseln befreien. Amin tobt, lässt die im Krankenhaus befindliche jüdische Geisel Dora Bloch später ermorden. Weil das benachbarte Kenia den Israelis bei der Ausreise geholfen hatte, werden auf Amins Befehl mehrere hundert Kenianer in seinem Land umgebracht.

Mittlerweile stapeln sich die Leichen im Land so hoch, dass man gar nicht mehr alle vergraben kann. Sie werden stattdessen den Krokodilen im Victoriasee zum Fraß vorgeworfen. Selbst die sind irgendwann satt, angeblich gibt es an einem Staudamm in Uganda einen Mitarbeiter, dessen einzige Aufgabe darin besteht, die Zuflüsse des Kraftwerks frei von Leichen zu halten. Amin macht sich gar nicht mehr die Mühe, das Morden zu kaschieren. Abtrünnige Minister treiben tot im See. Das Amok-Regime ist für alle ersichtlich, längst traut sich niemand mehr, darüber zu reden. Wer nicht außer Landes flüchtet, wie Henry Kyemba später, der schweigt.

Sein politisches Ende

Treffen der Diktatoren. Amin mit Kongos Staatschef Mobutu (rechts).
Treffen der Diktatoren. Amin mit Kongos Staatschef Mobutu (rechts).
© imago/ZUMA/Keystone

Und so ist es letztlich der Präsident selbst, der sein politisches Ende einläutet. Es beginnt 1978, Amin verursachte es durch einen Krieg.

Es gibt Gerüchte über Putschpläne gegen Amin, weshalb er die Befehlshaber seiner Armee lieber beschäftigt und von Ugandas Hauptstadt Kampala fernhält. Mit einem Angriff auf Tansania will der Diktator außerdem von der desolaten Wirtschaftslage ablenken. Also findet Amin einen Vorwand, um seinen Erzfeind Julius Nyerere, den tansanischen Präsidenten, zu attackieren. Auf den hatte Amin es ohnehin abgesehen, spätestens seit der dessen Freund Milton Obote Asyl im Land gewährt hatte. Doch Amin verkalkuliert sich, vielleicht zum ersten Mal. Ugandische Soldaten laufen über, am 11. April 1979 flieht der Diktator mit einem Teil seiner Familie, im Mai fällt die letzte Bastion in seinem Heimatort Arua.

Amin findet zunächst Zuflucht bei seinem Freund Gaddafi in Libyen, später zieht er nach Saudi-Arabien. Dort lebt er im Exil unter der Auflage, sich nicht politisch zu äußern. 2003 stirbt er an Nierenversagen. Er wird im saudischen Jeddah begraben, weil Uganda ihm auch nach seinem Tod eine Rückkehr verweigert. Ein Prozess vor einem internationalen Gerichtshof wurde dem „Schlächter von Afrika“ nie gemacht.

Er hatte mindestens mindestens 44 Kinder gezeugt

40 Jahre nach dem Sturz Idi Amins besuchen Touristen das Land heute nicht nur wegen der Berggorillas, die im Südwesten des Landes eines ihrer letzten Refugien haben. Einige kommen auch wegen der Folterkammern, die man besichtigen kann. Das dunkelste Kapitel des Landes übt eine morbide Faszination auf Besucher aus.

Viele Einheimische schildern dieses Kapitel ihrer Geschichte nüchtern, wenn sie gefragt werden. „Im Alltag spielt der Name Idi Amin heute keine große Rolle mehr“, sagt eine Uganderin aus Kampala. Die Mittvierzigerin mag nicht gern darüber reden, will ihren Namen lieber nicht nennen. Es scheint, als wolle sie das Thema endlich hinter sich lassen. Unter den jüngeren Ugandern wüssten manche nur wenig über Amin. Vor einigen Jahren hatte der amtierende Präsident Yoweri Museveni den Nachkommen Amins die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht. Das sind gar nicht so wenige, immerhin hatte Amin mindestens 44 Kinder gezeugt. „Die führen hier ein ganz normales Leben im Land“, sagt sie.

Ein Enkel des Diktators, Taban Amin, sitzt heute als Abgeordneter im ugandischen Parlament.

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