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Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen. 15 Prozent sind schätzungsweise Menschen mit Behinderung.
© Armin Weigel/dpa

Geflüchtete mit Behinderung: Der Weg ins neue Leben

Verstümmelt, chronisch krank, traumatisiert: Geflüchtete mit Behinderung haben kaum Chancen auf einen Job. Nebal hat es geschafft, ein Glücksfall.

Von Aleksandra Lebedowicz

Wo gibt‘s denn so was? Kaum hatte Bashar seinen Asylantrag unterzeichnet, stand wenig später ein fremder Mann im Flüchtlingsheim vor ihm und bot Hilfe an. Einfach so. Der Syrer war misstrauisch. Konnte er dem Mann vertrauen? „Erst als ich hierher kam, waren meine Bedenken weg.“

Bashar, 48, ein kräftiger Mann mit sanfter Stimme, sitzt im Büro des Mina Vereins in der Friedrichstraße. Der hilfsbereite Fremde, der ihn damals im Heim aufsuchte, war Taha Eltauki. Gemeinsam mit Laura Schödermaier führt er hauptamtlich das Lotsennetzwerk in Berlin, ein Projekt des Mina Vereins, das geflüchtete Familien mit behinderten Mitgliedern bei der Integration begleitet.

Viele bleiben ihr ganzes Leben lang zu Hause

Bashar floh vor den Bomben aus einem Vorort von Damaskus nicht nur mit seiner Ehefrau und den vier Kindern. Er nahm auch seine erwachsene Schwester mit. Nebal hat das Down-Syndrom. „Meine Eltern sind gestorben, wir konnten sie nicht alleine zurücklassen“, sagt er. Zumal Menschen mit geistiger Behinderung es in Syrien besonders schwer haben. „Sie werden ausgelacht und ausgegrenzt“, sagt Bashar. Es fehle einfach das Bewusstsein – und Orte, wo sich die Betroffenen treffen könnten.

Die meisten gehen nicht mal zur Schule und bleiben im Grunde ihr ganzes Leben lang zu Hause, wie Nebal. „Am Anfang gingen wir in die gleiche Klasse“, erzählt Bashar, „doch Nebal hat nicht so gut mitgemacht und durfte irgendwann nicht mehr kommen.“ Dass seine Schwester eines Tages in Deutschland arbeiten wird, das hätte sich Bashar nie träumen lassen. Und nun das: Jeden Morgen gegen sieben Uhr wird Nebal von einem Fahrdienst abgeholt und in die Mosaik-Werkstatt in Reinickendorf gefahren.

Dort ist sie im Berufsbildungsbereich in der Hauswirtschaft tätig. In der Kantine schmiert sie Brötchen für die Werkstattmitarbeiter, sie schnippelt Gemüse, kocht, geht einkaufen, macht die Wäsche und bügelt. „Sie macht das sehr akkurat“, sagt Manuela Kliese, die Nebal betreut. Nur mit der Sprache klappt es noch nicht so recht. Die 49-Jährige versteht nur Arabisch. „Wir versuchen uns bestmöglich zu arrangieren, durch Vormachen und Nachmachen“, sagt Kliese.

Wo die Behörden nicht helfen, springen Vereine ein

Gemeinsame Sprache ist der Schlüssel zur Integration. „Nur so können Reibungen und Konflikte vermieden werden“, sagt Laura Schödermaier. Allerdings können schwerbehinderte Geflüchtete nicht an jedem Sprachkurs teilnehmen. Sie brauchen ein besonderes Angebot – und das ist eher dürftig. „Diese Zielgruppe wird komplett vergessen“, beklagt Susanne Schwalgin, Referentin für Flucht und Behinderung bei Handicap International.

Zur Zeit seien diverse Projekte in Berlin in erster Linie darauf fokussiert, die gravierende Versorgungslücke zu mildern. Es fehle an barrierefreien Erstaufnahmeeinrichtungen, und es sei mühsam, Hilfsmittel zu bekommen, Rollstühle oder Hörgeräte. „Ein Versagen der Verwaltung“, sagt Schwalgin. Da rückt das Thema Arbeit erstmal in den Hintergrund.

Wo die Behörden nicht helfen, springen Vereine ein. „Unsere Kurse sind auch für Geflüchtete offen“, sagt Maren Reineke, Leiterin der Integrationskurse für gehörlose Migranten beim Unerhört e.V.. Elf Plätze stehen pro Jahr zur Verfügung. Auch Alphabetisierungskurse gehören dazu: „Viele Geflüchtete kennen nicht mal ihre Landesgebärdensprache und können nur von den Lippen ablesen“, sagt Reineke. Für sie sei es schwierig, überhaupt in die Schriftsprache hineinzukommen.

Geflüchtete mit Sehbehinderung können das Angebot im Sehzentrum (SFZ) für blinde und sehbehinderte Menschen in Anspruch nehmen. Zwei Vollzeitkurse in Gruppen mit fünf Personen bietet es an. „Die Teilnehmer sind überwiegend Flüchtlinge aus Syrien“, sagt Kursleiter Rene Piefker. Das dürfte kein Zufall sein: Die Herkunft entscheidet oft über die Integrationschancen. Seit November 2015 dürfen Asylsuchende, die eine gute Bleibeperspektive haben, schon während des Asylverfahrens einen Integrationskurs besuchen. Das gilt für Syrer, Iraker, Iraner, Eritreer und Somalier.

Die gesundheitliche Situation ist dramatisch

Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen. 15 Prozent sind schätzungsweise Menschen mit Behinderung.
Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen. 15 Prozent sind schätzungsweise Menschen mit Behinderung.
© Armin Weigel/dpa

Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen, berichtet Innenminister Thomas de Maizière. 2015 waren es noch 890 000. Allein in Berlin leben laut Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten etwa 35 000 Asylsuchende in Notunterkünften und Erstaufnahmestellen. Und wie hoch ist der Anteil an Menschen mit Behinderung? „Das Thema ist eine Black Box“, sagt Susanne Schwalgin. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Handicap International schätzt, dass zehn bis 15 Prozent eine Beeinträchtigung haben. Allerdings sind Asylsuchende, die unter den Folgen von Traumatisierungen leiden und chronisch Kranke, etwa Diabetiker oder Herzkranke, darin nicht berücksichtigt.

Wie dramatisch die gesundheitliche Situation vieler Schutzsuchenden ist, zeigt der Bericht „Syrien - eine verstümmelte Zukunft“, der von Handicap International anlässlich des Weltflüchtlingstags veröffentlicht wurde. Die zwischen Juni 2013 und Dezember 2015 durchgeführte Studie belegt die verheerenden Folgen, die der Einsatz von explosiven Waffen in der syrischen Bevölkerung hat. Mehr als die Hälfte der 25 000 befragten Flüchtlingen weisen Verletzungen durch diese Waffen auf. 89 Prozent der Opfer tragen eine bleibende oder vorübergehende Behinderung davon.

Weil in Syrien das Gesundheitssystem längst zusammengebrochen ist, werden die Verwundeten nicht versorgt. Das verschlimmert die Auswirkungen der Verletzungen und führt letztendlich zu lebenslangen Beeinträchtigungen. Hinzu kommt, dass viele bei ihrer Ankunft nicht nur in einem körperlich, sondern auch in einem psychisch schlechten Zustand sind. „Eigentlich ist jeder Mensch, der eine dramatische Flucht hinter sich hat, traumatisiert“, sagt Petra Stephan vom Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben.

Geflüchtete mit Behinderung werden doppelt diskriminiert

Nun steht die Mammutaufgabe Integration an. Dazu hat der Berliner Senat im Frühsommer einen Masterplan beschlossen. Doch die Chancen der beruflichen Teilhabe von Geflüchteten mit Handicap blieben in dem Papier unerwähnt. „Da gibt es Nachholbedarf“, räumt Regina Kneiding von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales ein.

Dabei ist Arbeit essentiell für ein selbstbestimmtes Leben. Geflüchtete mit Behinderung werden in dieser Hinsicht doppelt diskriminiert. Hier offenbart sich ein strukturelles Problem: „Flucht und Behinderung sind zwei getrennte Bereiche, die schwer zueinander finden“, sagt Sven Veigel-Sternberger vom Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge (BNS), das sich für bessere Vernetzung stark macht. Organisationen der Eingliederungshilfe wüssten wenig über das Thema Flucht und umgekehrt.

Durch die unklare Rechtslage sind oft die Berater selbst verunsichert

Welche Leistungen stehen Geflüchteten mit Behinderung zu? Wie können sie beantragt werden? Ohne die Begleitung vom Mina Verein käme Bashar nicht zurecht. Amtsbesuche und der Schriftverkehr mit Behörden überfordern Flüchtlinge. „Wir nehmen vieles ab“, sagt Laura Schödermaier. Doch oft sind die Berater selbst verunsichert. „Die Gesetze im Hintergrund ändern sich ständig“, sagt Petra Stephan, „wir müssen uns dauernd umstellen.“

Wie wichtig Fachbegleitung ist, betont auch Erika Wank: „Sie brauchen Menschen, die sich bei den Behörden für ihre Rechte einsetzten und Kompromisse aushandeln.“ Seit 2003 führt Wank das Münchner Projekt Comin, das Geflüchtete mit Handicap beim Einstieg ins Berufsleben unterstützt. Sie weist unter anderem auf die schlechten Praktiken der Jobcenter bei der Prüfung von Qualifikationen hin: „Selbst wenn Geflüchtete mit Behinderung durch das enge Raster schlüpfen, ist es eine Ausnahme, dass sie Jobs finden.“

Bashar ist dankbar. Dass Nebal eine Beschäftigung gefunden hat, ist ein Glücksfall.

Deutschkurse und Beratung

DEUTSCHKURSE

Für Gehörlose: Unerhört e.V., Telefon: 030/51067080, im Internet: unerhoert-berlin.org

Für Blinde: Sehzentrum Berlin, Telefon: 030/32667590, im Internet: sfz-sehzentrum.de

Für Behinderte: Evangelisches Johannesstift – Dialog-In, Telefon: 030/33609438, im Internet: evangelischesjohannesstift.de

BERATUNG

Mina – Leben in Vielfalt e.V., Das Lotsennetzwerk Telefon: 030/25796959, im Internet: mina-berlin.eu; Ehrenamtliche mit Arabischkenntnissen werden dringend gesucht! Interessierte können sich direkt beim Verein melden.

Berliner Zentrum für Selbstbestimmtes Leben – Fachstelle für behinderte Flüchtlinge, Tel.: 030/44054424, im Internet: bzsl.de

Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, Telefon: 030/30390657, im Internet: migrationsdienste.org

BUCHTIPP

Nujeen Mustafa, Christina Lamb: „Nujeen – Flucht in die Freiheit. Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland.“ Harper-Collins Verlag, 432 Seiten, 18 Euro

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