Digitale Identität für Flüchtlinge : Von der Tech-Welle erfasst

Die Vereinten Nationen wollen Geflüchtete digital registrieren. Biometrische Scans lösen viele Probleme – mit unbedachten Folgen.

Viola Heeger
Daumen drauf. Neuangekommene Südsudaner werden in der Demokratischen Republik Kongo mit Fingerabdruck und Irisscan registriert.
Daumen drauf. Neuangekommene Südsudaner werden in der Demokratischen Republik Kongo mit Fingerabdruck und Irisscan registriert.Foto: © UNHCR/Siegfried Modola

Ein Bankkonto eröffnen, eine SIM-Karte kaufen oder sich ausweisen: Für die fast 80 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, ist das oft ein nahezu unmögliches Unterfangen. Unterlagen gehen auf der Flucht verloren, zuständige Behörden existieren nicht mehr. Für viele der Betroffenen ist der UNHCR, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, die erste Anlaufstelle.

Nicht nur, um sie mit Wasser, Lebensmitteln und einer Unterkunft zu versorgen, sondern auch, um sie zu registrieren. Dabei gehe es einerseits darum, Ressourcen effizient zu verteilen, erklärt Karl Steinacker, Experte für Digitale Identitäten von Flüchtlingen, der mehrere Jahre beim UNHCR für die Registrierung von Geflüchteten zuständig war. „Ohne Ausweis können wir nicht sichergehen, dass Menschen sich nicht als jemand anderes ausgeben und so überlebenswichtige Güter mehrmals beziehen, die dann an anderer Stelle fehlen.“ Gleichzeitig werden viele Menschen, die ihre Unterlagen auf der Flucht verloren haben oder nie welche besessen haben, erfasst und mit Identitätsdokumenten ausgestattet.

Der UNHCR arbeitet seit mehreren Jahrzehnten daran, die Registrierung von Geflüchteten zu digitalisieren. Seit 2002 werden zusätzlich zu den persönlichen Angaben wie Name, Geburtsort und Foto auch biometrische Daten erfasst, die auf einer zentralen Datenbank in Genf liegen. Geflüchtete bekommen dann einen UNHCR-Ausweis, mit dem sie sich beispielsweise bei der Lebensmittelausgabe des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen identifizieren. Doch was genau mit dem Ausweis möglich ist, hängt stark von dem jeweiligen Land ab.

Eine Studie zeigte einen elementaren Systemfehler auf

Ein Bankkonto zu eröffnen gehört nicht immer dazu. Deswegen wird auch an digitalen Alternativen gearbeitet, wie zum Beispiel in Jordanien: Dort bekommen syrische Flüchtlinge finanzielle Unterstützung vom Welternährungsprogramm, um Lebensmittel zu kaufen. Früher mussten sich Geflüchtete das Geld dafür in Bar abholen. Heute können sie sich im Supermarkt an der Kasse mit einem Irisscan identifizieren und das Geld wird von ihrem Blockchain-Konto beim Welternährungsprogramm abgehoben.

Dass der Einsatz technologischer Systeme auch unbedachte Konsequenzen haben kann, zeigt ein Projekt aus Pakistan: Um afghanische Geflüchtete nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2002 zur Rückkehr nach Afghanistan zu bewegen, wurde ihnen eine Rückkehrprämie angeboten. Dabei zeigte sich schnell, dass UNHCR keine effektive Methode hatte, die verhinderte, dass die gleiche Person die Prämie mehrfach holt. Die Lösung sollte hier eine Irisdatenbank sein. Nahmen Rückkehrer ihre Prämie in Anspruch, wurde ihre Iris eingescannt und als digitaler Code anonym in einer Datenbank hinterlegt – ohne weitere persönliche Angaben, um die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen. Die Datenbank besteht bis heute. Beantragt jemand die Prämie, dessen Iris bereits in der Datenbank ist, wird sie nicht ausgezahlt.

„Für uns war das damals ein sicheres und unkompliziertes System, mit dem wir Menschen ohne umständliche Prüfungen ihre Prämie auszahlen konnten“, sagt Karl Steinacker. Bis eine Studie der dänischen Wissenschaftlerin Katja Lindskov Jacobsen einen elementaren Fehler aufzeigte: Klassifizierte das System einen Irisscan als bereits vorhanden, haben Rückkehrer keine Möglichkeit, gegen die Entscheidung Widerspruch einzulegen. „Damit haben wir einer Maschine eine automatisierte Entscheidungsbefugnis übertragen, die kein Mensch korrigieren kann“, sagt Steinacker.

Die Lösungen müssen nicht hochtechnologisch sein

Bei dem Einsatz neuer Technologien in der Flüchtlingshilfe müsse also immer zwischen vielen Faktoren abgewogen werden, sagt der Experte. „Kann diese Technologie in einem Krisengebiet eingesetzt werden? Wo liegen sensible Daten und wer hat Zugang dazu? Wird die Privatsphäre der Geflüchteten geschützt?“

Dabei müssen die Lösungen nicht zwingend hochtechnologisch sein: In Malaysia wird der Flüchtlingsausweis der UNHCR auch von der Regierung anerkannt. Geflüchtete können sich damit gegenüber der Polizei ausweisen und so verhindern, dass sie als illegale Flüchtlinge verhaftet werden. Es entstand jedoch schnell ein Schwarzmarkt für gefälschte Ausweise – und die Polizei nahm geflüchtete Menschen häufig auf die Wache mit, um ihre Identität zu überprüfen. „Also hat der UNHCR QR-Codes auf die Plastikausweise gedruckt“, erklärt Steinacker. Mit einer App konnten die Polizisten dann innerhalb von Sekunden überprüfen, ob der Ausweis echt ist.

Für die Zukunft wünscht sich Karl Steinacker ein System, in dem humanitäre Organisationen die Rolle von „digitalen Notaren“ und Vertrauensdienstleistern einnehmen: Sie verifizieren die Identität geflüchteter Menschen, die ihre Daten dann selbst verwalten – und entscheiden, mit wem sie persönliche Informationen teilen. Doch um ein solches System aufzubauen braucht es, neben der Unterstützung durch die Staaten, vor allem eins: Geld. „Humanitäre Organisationen dürfen Technologien nur in der Breite einsetzen, wenn sie sich bewährt haben und bezahlbar sind“, sagt Steinacker. „Damit schwimmen sie oft am Ende der Tech-Welle.“