Viele Agenten zerbrachen an den Lügen

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Ein Stasi-Romeo der DDR erzählt : Sein Deckname war Wolfi
Darf ich mich vorstellen? Tom Schilling als Romeo-Agent im ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“, Mo., Mi., Do. jeweils um 20.15 Uhr.
Darf ich mich vorstellen? Tom Schilling als Romeo-Agent im ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“, Mo., Mi., Do. jeweils um 20.15...Foto: ZDF

Gabriele K. wurde 1993 wegen Landesverrats vor Gericht gestellt. Da war sie längst eine gebrochene Frau, arbeitslos, verlassen, depressiv. Sie kam mit zwei Jahren auf Bewährung davon, musste jedoch die Kosten des Verfahrens tragen, darunter auch die Auslagen der als Zeugen angereisten Stasileute, die gegen sie aussagten.

Romeo-Agenten dagegen durften nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995 mit sehr viel mehr Milde rechnen. Wer seinen Lebensmittelpunkt in der DDR hatte, der konnte aufgrund seiner Auslandseinsätze nicht wegen geheimdienstlicher Tätigkeit verfolgt werden. Und die Bonner Republik war vor 1990 Ausland.

Doch auch Romeos zahlten ihren Preis. Die „Kundschafter des Friedens“ mussten im Westeinsatz nach außen glaubhaft „die kapitalistische Lebensweise mit ihren Normen und Werten“ vorspielen. Manch einer fand Gefallen am damit verbundenen Lebensstil. Es gab Romeos, die aus Angst vor Enttarnung über Nacht abgezogen wurden, eine Frau und ein Leben zurückließen, das ihnen womöglich inzwischen mehr bedeutete als vorgesehen. Andere zerbrachen daran, über Jahre in einem Lügengeflecht leben zu müssen.

Marianne Quoirin zitiert in ihrem Buch einen Psychologen des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit, der seinerzeit zu dem Urteil kam, „dass die zurückgekehrten Kundschafter ein großes Potenzial an kaputten Typen bildeten, welche dringend psychologischer Hilfe bedurften.“

"Du bist ein ganz schöner Scharlatan"

Wolfi wuchs bei seiner Mutter auf, den Vater lernte er nie wirklich kennen, weil er sich früh in den Westen absetzte. Die Mutter hatte selbst in jungen Jahren ihre Eltern verloren, erfuhr dafür die Fürsorge des ostdeutschen Staates. Eine Fürsorge, die sie mit Linientreue zurückgab. Wolfi erlebte sie als streng, „eine Freundin mit nach Hause bringen, das war undenkbar“. Dass ihr Sohn schon mit 13 seine erste sexuelle Erfahrung machte, mit Elke, einer Kellnerin im Urlaub im Erzgebirge, kriegte die Mutter nicht mit.

Wolfi wurde Berliner Meister im Seesport, ein maritimer Mehrkampf, der Disziplinen wie Segeln, Rudern, Schwimmen, Schießen, Laufen und Tauklettern beinhaltete. Das MfS begann sich für den jungen Sportler zu interessieren.

Einen ersten Auftrag übernahm er als 19-jähriger Praktikant im Berliner Fleischkombinat. „Die Ausschussquote dort war ungewöhnlich hoch“, erinnert er sich, das sei aufgefallen. Tatsächlich malträtierten Arbeiter das Vieh auf dem Weg zur Schlachtbank mit Knüppeln. Stress und die Hämatome machen das Fleisch für den Westexport unbrauchbar. Wolfi war empört, wie die Kreatur geschunden und die Volkswirtschaft geschädigt wurde, dokumentierte alles mit der Kamera und sah sich auf der Seite der Guten. Die Losung Kennedys, die ihm ausgerechnet durch eine Gedenkkarte der Bundespost seit seinem zwölften Lebensjahr geläufig war: „Frage dich nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst“, die galt für ihn auch in der DDR.

Eines Tages wartete im Büro der FDJ-Leitung an der Universität ein Mittdreißiger im Anzug auf ihn, fragte, ob Wolfi die Bedeutung der Buchstaben MfS kenne. Der Fremde wusste alles über ihn und sagte, „du bist ja ein ganz schöner Scharlatan“. Wolfi galt inzwischen als Casanova.

Wenn eine Frau nach Schweiß roch, ging für ihn gar nichts

Zunächst sollte er nur am Bahnhof Friedrichstraße herumstehen, beobachten, mit Westlern Kontakt aufnehmen und berichten. Scheinbar ziellos, „die wollten sehen, wie ich das mache“.

Eine Ausbildung, wie sie Tom Schilling im Film in der Stasi-Schule erhält, gab es für ihn nicht – auch keine Flirtschule, deren Existenz hält Marianne Quoirin für unwahrscheinlich. Wolfi erhielt Einzelunterweisungen, die selbst intime Fragen nicht aussparten. Da wurde über die Anatomie der Frau gesprochen und darüber, dass junge Männer viel zu schnell zur Sache kommen wollten. Mit schnellem Sex aber baut man keine Bindungen auf. „Die haben mir sogar gesagt, wie ich an eine Frau herantreten soll“, nicht immer direkt von vorn, sondern auch mal von hinten, und dann aus der Drehung heraus einen Satz anbringen, wie „Sie sind aber eine schöne Frau“. Was Wolfi einigermaßen albern fand.

Den ersten Auslandseinsatz hatte er 1974 in Prag. Renate war blond und hatte viele Sommersprossen. Eigentlich war sie nicht so sein Fall, Wolfi bevorzugte den mediterranen Typ. Hätte er ablehnen dürfen? Oder schlimmer, gab es Fälle, wo er wusste, das kann ich nicht? Wolfi nickt. Der Duft, das war ihm wichtig, „auch Westfrauen konnten nach Schweiß riechen“. Dann ging für ihn gar nichts. Er schlug seinem Führungsoffizier, dem er täglich Bericht erstatten musste, eine andere Frau vor.

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