Einsamkeit in Brandenburg : Wenn Ödnis die Menschen zerfrisst

Einsamkeit und Isolation sind kein Stadtphänomen. Auch in Brandenburg nimmt beides zu. Um den Trend zu bremsen, braucht es eine bessere Infrastruktur. Eine Kolumne.

Werner van Bebber
...und weit und breit keine Menschenseele.
...und weit und breit keine Menschenseele.Foto: picture alliance / Patrick Pleul

Man kann es an den Zahlen ablesen, dass das Problem der Einsamkeit droht, zum Massenphänomen zu werden. Beinahe fünf Prozent der Brandenburger haben sich in einer Umfrage als „sozial isoliert“ beschrieben. Einsamkeit scheint also nicht nur ein Großstadtphänomen zu sein. Einsamkeit, die schmerzt und krank machen kann, gibt es überall. Auch deshalb sind alte Männer unter den Suizidtoten überdurchschnittlich häufig vertreten.

Die CDU-Fraktion im Brandenburger Landtag hat die Einsamkeit zum Thema einer Großen Anfrage gemacht. Die Antworten der Landesregierung lassen erahnen, welche Dimension das Problem hat: in vier von zehn Brandenburger Haushalten leben Menschen alleine.

Eine französische Studie legte vor kurzem einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und allein leben nahe. Vor einem Jahr zeigte eine andere Untersuchung, dass gut die Hälfte der Deutschen Einsamkeit als „großes Problem“ wahrnimmt. Sicherlich, sind Alleinsein und Einsamkeit nicht dasselbe. Doch besonders alte Menschen empfinden Einsamkeit als schmerzhaft, wenn sie Partner und Freunde überlebt haben. Oder wenn aus krankheitsbedingten oder finanziellen Gründen ihre Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt ist. Oder wenn nur noch einmal am Tag der Bus in ihrem Dorf hält.

Soziale Medien lindern die Einsamkeit nicht

Es ist nicht nur die große Stadt mit ihrem „Jeder soll machen, was er will“, die einsam machen kann, wenn man auf dem Egotrip verlernt, andere wahrzunehmen. Jedes dritte Kind wächst in Brandenburg ohne Geschwister auf. Gut jedes fünfte Kind wächst mit nur einem Elternteil auf. Und von diesen lebt wiederum die Hälfte in einem Zweipersonen-Haushalt, mit Mutter oder Vater.

Ein Problem? Erstmal nicht – wenn man als Kind draußen ist und das Alleinsein als Ansporn wahrnimmt, sich zu verabreden, Freunde zu haben, Sport zu machen. Und wenn man als Mutter oder Vater Freunde hat und die Freizeit auch mit anderen Erwachsenen verbringt. Allerdings kann man auch als Erziehungsberechtigter einsam sein, wenn man ein kleines Kind allein großzieht und zu nichts anderem als zur Bewältigung des Alltags kommt.

Und da sind diese Studien zum Umgang mit digitalen Medien. Wer halbwüchsige Kinder hat, braucht sie gar nicht. Vom „steigenden Medienkonsum“ ist in der Antwort der Landesregierung auf die Einsamkeitsfrage die Rede und von einer „exzessiven Nutzung“ am Wochenende. Klar, Menschen, die in der rein analogen Welt aufwuchsen, werten alles als „exzessiv“, was heute an Bushaltestellen zu beobachten ist – in der Stadt und auf dem Land. Soziale Medien lindern die Einsamkeit aber offensichtlich nicht, sonst würden sie nicht als Problem empfunden werden.

Es braucht Strukturen auf dem Land

Auch das Leben in Kleinstädten schützt nicht davor. Längst sind Arbeitszeiten und Arbeitswege so ausgestaltet, dass das soziale Leben auch hier individualisiert ist wie in den Metropolen, bloß lange nicht so abwechslungsreich und ausdifferenziert. Man könnte nun banal feststellen: Entweder schafft man es, mit diesem Gefühl umzugehen, vielleicht etwas dagegen zu tun – oder man leidet eben.

Doch Politik, auch Landespolitik, beginnt da, wo Strukturen geboten werden, die helfen, der Einsamkeit zu entkommen. Man ahnt, wo in Brandenburg die Probleme liegen, wenn es in der Antwort auf die Große Anfrage heißt, dass seit 2008 „der Anteil der selbstverwalteten Jugendräume etwa um 30 Prozent abgenommen“ habe. Anders gesagt: die Möglichkeiten, aus eigenem Antrieb etwas gegen ungewolltes Alleinsein zu tun, sind geringer geworden. Bushaltestellen sind allenfalls für wenige Stunden in der Woche ein Ersatzraum.

Die Funklöcher sind riesig

Gut, dass immerhin die CDU die Einsamkeit im Land thematisiert hat. Und gut, dass es noch Strukturen in Brandenburg gibt. Von der oft belächelten, so wichtigen Freiwilligen Feuerwehr (die unter Nachwuchsmangel leidet) bis zu Nachbarschaftshäusern. Strukturen sind die Voraussetzung dafür, dass das Landleben attraktiv bleibt und vielleicht sogar wieder attraktiver wird.

Das heißt aber heute vor allem: Mobilität und Digitalität. In Brandenburg wird man höllische Probleme mit der Gesundheitsversorgung bekommen, wenn man sehenden Auges eine alternde, einsamer werdende Landbevölkerung in den Funklöchern belässt, die den Doktor per Videoübertragung bloß aus dem Fernsehen kennt. Vom Landärzte-Programm der Potsdamer Regierung war zuletzt bei dessen Ankündigung vor einem Jahr die Rede. Ob das noch was wird? Die Funklöcher sind heute noch immer riesig. Es wäre bitter, würde die Mark zum Land der greisen Selbstmörder.