Elitenkritik : So weltoffen, so borniert!

Elitenkritik ist en vogue. Anders als früher geht es dabei heute nicht mehr um Chancengleichheit oder Gerechtigkeit, sondern um kulturelle Deutungshoheit. Ein Essay.

Alexander Grau
Büro oder Wohnung oder auch egal? Solange Laptop und Rennrad in der Nähe sind, fühlt die globale Elite überall zuhause.
Büro oder Wohnung oder auch egal? Solange Laptop und Rennrad in der Nähe sind, fühlt die globale Elite überall zuhause.Foto: imago/Westend61

- Alexander Grau ist promovierter Philosoph und freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Zuletzt erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ (Verlag Claudius).

Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“, heißt es im Kommunistischen Manifest. Und ergänzend schreibt Karl Marx an anderer Stelle: Jede herrschende Klasse „ist genötigt, …, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen“. Machen wir es kurz: Marx hatte recht.

Denn die herrschenden Ideen einer Zeit, ihre herrschende Ideologie und Weltsicht sind tatsächlich nichts anderes als die Ideen der herrschenden Klasse. Und natürlich besteht ihr Legitimationstrick darin, diese eben nicht als Ausdruck von Teilinteressen erscheinen zu lassen, sondern als Ausdruck der Interessen der Gesamtgesellschaft oder noch besser: der gesamten Menschheit. Das war vor 170 Jahren so und hat sich nicht geändert. Mehr noch: Nie zuvor gab es eine herrschende Klasse, die ihre Weltsicht, ihren Lebensstil und ihre Werte so eindeutig als die allein „vernünftigen, allgemein gültigen“ propagiert hat wie in unserer Gegenwart.

Jede Zeit hat ihre eigenen Eliten

Aber, könnte man einwenden, ist Marx' Theorie, also eine Theorie des 19. Jahrhunderts und der damaligen Klassengesellschaft, auf spätmoderne Wohlfahrtsstaaten anwendbar? Verfügen solche Gesellschaften noch über Formationen, die als herrschende Klasse respektive Elite beschrieben werden können? Ja, tun sie. Jede Zeit hat ihre eigenen Eliten. Und ein wesentliches Signum von Eliten in modernen Massengesellschaften ist es, dass sie keine elitären Zirkel sind, sondern eine gegenüber Eliten vergangener Jahrhunderte vergleichsweise große Gruppe. Der Ökonom Richard Florida schätzt in seinem Buch „The Rise of the Creative Class“ besagte Elite auf etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Dieses Drittel grenzt sich naturgemäß nicht über seine Minorität ab, sondern über sein kulturelles Kapital, dessen Wertschöpfung sich von der Wertschöpfung traditionellen kulturellen Kapitals grundlegend unterscheidet.

Denn erstmals in der europäischen Kulturgeschichte definiert sich eine Elite über ihre Modernität, ihre Fortschrittlichkeit. Die neue Elite ist dezidiert progressiv und sieht sich als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmaßes. Waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein die Eliten Europas weitgehend konservativ, um die herrschende Ordnung gegen das notgedrungen progressive Proletariat zu verteidigen, so hat sich diese Frontstellung in den westlichen Wohlfahrtsgesellschaften umgekehrt. Unter den Gegebenheiten einer globalisierten Weltwirtschaft sind es inzwischen vor allem die vom Sozialstaat Abhängigen, die dazu neigen, am Althergebrachten festzuhalten, während die Etablierten und Erfolgreichen jedem kulturellen und technischen Trend hinterherhecheln.

Eliten sind heute progressiv statt bewahrend

Indem sich die neuen Eliten vor allem über ihre Progressivität verstehen, entfremden sie sich zugleich von den kulturellen Wurzeln ihrer jeweiligen Herkunft – klischeehaft vereinfacht ausgedrückt: dem IT-Spezialisten eines großen Softwareunternehmens sind seine Kollegen aus Spanien, Indien und Uruguay näher als das kleinbürgerliche Vorstadt-Milieu, aus dem er stammt. Der Habitus dieser Elite wird nicht mehr bestimmt durch Heimat und Herkunft, sondern durch die Regeln, die Moden, die Denkungsart und den Lifestyle ihrer global präsenten Klasse.

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Konflikt zwischen moderner Elite und traditionellem Kleinbürgertum in zwei konkurrierenden Kulturalisierungsmodellen besteht und damit letztlich in zwei grundlegend anderen Auffassungen von Kultur.

Nach dem Kulturalisierungsmodell der Elite - „Hyperkultur“ nach Reckwitz - sind die Güter der kulturellen Märkte Ressourcen zur Entfaltung individueller Besonderheit und Expressivität, kurz: Mittel zur Selbstverwirklichung. Das globale Angebot an Folklore, Design, Musik und Sinnnarrativen wird zu einem Patchwork individueller Selbstgestaltung genutzt. Entsprechend werden Diversität, Pluralismus und Kosmopolitismus zu Meta-Werten dieser Hyperkultur. Ihr gegenüber steht das, was Reckwitz „Kulturessentialismus“ nennt, also das Pochen auf grundlegende Traditionen, die nicht oder zumindest nicht grundlegend in Frage gestellt werden und sich aus lokalen Ressourcen speisen.

Zwei Kulturentwürfe in Konkurrenz

Eine friedliche Koexistenz beider Kulturentwürfe ist nur möglich, wenn beide Fraktionen sich in ihrem jeweiligen Sinne missverstehen, also: wenn die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessentialismus ihrer Gegenüber lediglich als weiteren Lifestyle, eine weitere Mode individueller Identität begreifen und umgekehrt die Kulturessentialisten die Hyperkultur der Selbstverwirklicher als spezifische Form westlicher Kultur und Identität. Sobald aber, so Reckwitz, „die beiden Kulturalisierungsregimes einander jedoch tatsächlich als ein je spezifisches Kulturalisierungsregime wahrzunehmen beginnen, sehen sie sich in ihrer Grundlage bedroht und behandeln die andere Seite feindlich“.

Die Folge dieser ungleichen, sich widersprechenden Kulturalisierung ist gravierend: War bis weit in das 20. Jahrhundert hinein Kritik an den Eliten im Grunde nichts anderes als Kritik an deren ökonomischen und sozialen Privilegien, so hat die aktuelle Elitenkritik Züge eines Kulturkampfes. Hier geht es nicht um ökonomische Ausbeutung, um Chancengleichheit oder auch nur Gerechtigkeit, hier geht es um kulturelle Deutungshoheit. Und entscheidend ist dabei die spezifische Moral, die aus dem Lebensgefühl der neuen Eliten resultiert. Sie ist letztlich das entscheidende Distinktionsmerkmal, das die neuen Eliten von den Nichteliten, aber auch den alten Eliten trennt. Da die neuen Eliten sich vor allem als Avantgarde definieren, ist die von ihnen proklamierte Moral zunächst auf eine Überwindung des Überlieferten und Gegebenen ausgerichtet.