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Ein Marktstand in Molenbeek.
© REUTERS

Brüsseler Viertel Molenbeek: Extreme Verhältnisse

Mehrere Attentäter von Paris sind in Molenbeek zur Schule gegangen. Doch wann wurden sie radikal? „Ich schwöre, wir machen Probleme“, sagt ein junger Mann aus dem Viertel, „aber wir sind doch keine Mörder!“

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Würde sich das Leben in Molenbeek doch nur an die wunderschönen Straßennamen dieses Brüsseler Viertels halten: Rue de la Prospérité (Straße des Wohlstands), Rue du Cheval Noir (Straße des schwarzen Pferdes), Rue de la Perle (Perlenstraße). Mit ihren Namen könnten die Gassen Kulissen für Märchen sein. In Wahrheit erzählen sie eine düstere Geschichte von Gewalt und Hass.

Es ist erst wenige Stunden her, da kletterten Spezialkräfte der belgischen Polizei und Scharfschützen über Dächer in Molenbeek, versperrten Bänder den Zugang zu Straßen. Der kleine Stadtteil von Brüssel war zum Zentrum der Jagd auf die Pariser Attentäter geworden. Mittäter, Verschworene vermuteten die Sicherheitsexperten in den Backsteinhäuschen entlang der beschaulichen Gässchen.

Und noch während die Polizei suchte, verhaftete, freiließ und am Ende doch den am meisten Gesuchten, Salah Abdeslam, nicht auftreiben konnte, fanden sich die Bewohner Molenbeeks einmal mehr im Auge eines Sturms, der rundum viele alte Fragen hochwirbelte: Wieso Molenbeek? Wie konnten sich junge Männer hier so radikalisieren?

In der Rue de l’Avenir (Straße der Zukunft) schimmert das senffarbene Licht einer Straßenlaterne in kleinen Pfützen auf dem Asphalt. Es ist der Abend nach der großen Razzia in Molenbeek, die Polizisten sind fort, es nieselt. In der Straße der Zukunft wohnte einst Abdelhamid Abaaoud mit seiner Familie, jener 27-jährige gebürtige Brüsseler, von dem es heißt, er habe aus dem fernen Syrien die Attentate in Paris geplant und angeordnet. Im Viertel war Abaaoud, der sich mittlerweile Abou Omar al Belgiki nennt – „der Belgier“ –, bereits als Jugendlicher bekannt.

Es heißt, er habe schon immer etwas wunderlich gewirkt. Viele ehemalige Nachbarn fühlen sich unwohl dabei, über ihn zu sprechen. Niemand ist bereit, mit echtem Namen in der Zeitung zu stehen. Jeder Zweite winkt ganz ab. Sie haben Angst – was kaum erstaunt.

Denn kleine Berühmtheit erlangte Abdelhamid Abaaoud als Protagonist in einem Propagandavideo des IS. Darin sitzt er in einem Pick-up-Truck, der geschändete Leichen hinter sich herschleift. Auf einem anderen Bild hält er den Koran in der rechten und die IS-Flagge in der linken Hand. Im Hintergrund wieder der Geländewagen.

Bei Daesch lieben sie Toyotas, ich hätte auch gerne einen“, sagt der bald volljährige Mohend und lacht laut. Daesch, das ist die arabische Abkürzung für den „Islamischen Staat“. In Molenbeek wird Arabisch und Berberisch, Französisch und Flämisch durcheinandergesprochen. Auf den Begriff Daesch konnten sie sich hier aber einigen.

Die beiden kennen Salah Abdeslam

Mohend sitzt mit seinem besten Freund Bilal auf einem dunklen Spielplatz. Sie haben Kapuzen tief über ihre Köpfe gezogen, das gelbe Licht der Straßenlaternen ist zu schwach, als dass ihre Gesichter erkennbar wären. Zwischen ihnen glüht ein dünner Joint. Aus dem süßlichen Rauch versuchen sie, Ringe zu formen. „Wie im Film!“, sagen sie und lachen. Mohend und Bilal sind Schüler, schwänzen aber die meiste Zeit. Rauchen ist cooler.

„Auf dem Spielplatz trieb sich auch dieser Abdeslam herum“, soll Bilals Mutter zu ihrem Sohn gesagt haben. Er macht sie nach, verstellt seine Stimme und zieht die Kapuze als symbolisches Kopftuch zusammen. „Mach das nicht, ehre deine Mutter“, sagt Mohend, und Bilal fügt sich. Regentropfen kullern die Rutsche hinunter. Der Wind schubst die Schaukel sanft an. Die beiden erzählen, dass sie Salah Abdeslam kennen. Er sei hier manchmal herumgelaufen. Jetzt halt nicht, „weil die Bullen ihn suchen“.

Dann schickt Bilals Mutter eine SMS. Sie macht sich Sorgen um ihren Sohn. Es ist kurz vor Mitternacht, als die beiden nach Hause gehen.

Wenn einer wie Johan Leman über Molenbeek spricht, dann klingt es, als rede er über das Kreuzberg der 80er Jahre. Leman leitet das „Foyer“ im Viertel, das mit Streetworkern und einem Jugendzentrum versucht, die vielen Probleme anzugehen. „Die Hälfte der Familien, die wir kennen, wohnt auf weniger als 50 Quadratmetern, es ist nicht genug Platz für alle, schon achtjährige Kinder verbringen den ganzen Tag auf der Straße“, sagt Johan Leman.

Er selbst lebt am Rand von Molenbeek und konnte in den vergangenen 20 Jahren eine demografische Explosion beobachten. Um 25 Prozent habe sich die Bevölkerung in dieser Zeit vergrößert. Ein Zimmer, erzählt er am Telefon, koste hier etwa 600 Euro – vom Staat erhält eine arbeitslose Mutter 900. „Die geht dann hier donnerstagmorgens auf den Markt und wartet bis kurz vor Schluss, um die übrig gebliebenen, günstigen Lebensmittel aufzukaufen.“

Vielleicht ist das ein Islamist?

Ein Marktstand in Molenbeek.
Ein Marktstand in Molenbeek.
© REUTERS

Sozial aufzusteigen, sei fast unmöglich, und wer es doch schafft, zieht in ein anderes Viertel. „Wenn auf einer Bewerbung Molenbeek steht, dann denkt jeder in Brüssel: Oh, das ist vielleicht ein Islamist, da stellen wir doch lieber jemand anderen ein.“ In dieser Situation gebe es manche, die resignieren, und andere, die revoltieren und sich eine eigene religiöse Welt erschaffen.

Im Zentrum der Durchsuchungen stand am Montag auch die Al-Khalil-Moschee in Molenbeek. Immer wieder taucht ihr Name im Zusammenhang mit Extremismus auf. Doch das Innere der Moschee ist unspektakulär. Ein paar alte Männer beten auf dem gräulichen Teppichboden. Perlenketten liegen für die Fürbitte herum, es gibt Korane und kleine Gebetsteppiche. Hier also werden Jugendliche radikalisiert?

„Ja und nein“, sagt Achmed. In Jeans und T-Shirt sitzt er auf einem Stuhl in einem kleinen Friseurladen. „Siehst du den bärtigen Mann auf dem klapprigen Rad auf der anderen Straßenseite?“, fragt der 35-jährige Kunde und zeigt aus dem Fenster. „Der ist an sich ein netter Kerl, aber wenn er nicht auf der Straße ist, dann ist er weniger nett.“

Genaueres möchte Achmed nicht erzählen „Ich will mich mit denen nicht befassen“, sagt er. Er führe nur Dschihad gegen zu lange Haare, deshalb komme er oft hierher in den Salon. Das Resultat muss perfekt sein. Außerdem wisse man nur, was Islamisten treibt, wenn man selber einer sei. „Das ist eine Gesellschaft in einer Gesellschaft in einer Gesellschaft“, erklärt Achmed. „Sollen sie alle nach Syrien gehen und dort sterben!“ Nun hat er doch die Contenance verloren und bittet erst mal um einen Schluck Tee.

Vom IS verfolgt

Hisham, ein syrischer Flüchtling aus Aleppo, betritt den Laden. Er möchte seinen Bart trimmen lassen. Es dauert nicht lange, da zeigt er auf seinem Handy gespeicherte Fotos von zerstörten Straßen in seiner Heimat, von Geröll, brennenden Häusern und Leichenteilen. „Ich bin vor dem IS geflüchtet und finde mich mitten im IS wieder“, sagt der 25-Jährige, der zurzeit Französisch in einer Schule lernt. „Denken nun alle, wir syrischen Flüchtlinge würden uns in die Luft jagen?“ Die Frage ist ernst gemeint, erst als Achmed mit dem Kopf schüttelt und ihm auf die Schulter klopft, beruhigt sich Hisham wieder. „Ich zähle auf die intelligenten Syrer“, sagt Achmed, „die wirken auf die dummen Jungs an den Straßenecken bestimmt in einem positiven Sinne.“ Johan Leman sagt, die Radikalisierung sei schon seit Ende der neunziger Jahre deutlich gewesen, er habe damals als Direktor des staatlichen „Zentrums für Chancengleichheit“ Polizei und Justiz auf eine extremistische Moschee in Molenbeek aufmerksam gemacht. Im Internet konnte man deren antisemitische und fanatische Botschaften nachlesen. Die Reaktion der Behörden: „Wir wissen jetzt, wo diese Leute sind, das ist gut. Wir sollten nicht eingreifen, sonst tauchen sie ab.“ Das sei die Mentalität gewesen. Man habe immer gewusst, dass es in Molenbeek radikale Islamisten gebe, man wusste auch seit dem Jahr 2000, dass sie beispielsweise eine Verbindung haben zur „GIA“, zur Groupe Islamique Armé, den algerischen Dschihadis in Frankreich, aber die Verbindungen zum „Islamischen Staat“ seien neu.

„Wenn wir merken, dass sich jemand von seinen Freunden und seiner Familie abschottet, dass er sich, wie bei einer Sekte, in eine ganz neue Welt von Ideen begibt, in eine Gegenkultur, versuchen wir den Kontakt zu halten“, sagt Johan Leman. „Anders als bei gewöhnlichen Kriminellen kann man hier noch etwas erreichen, wenn man am Ball bleibt. Aber wir können nicht die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten erledigen.“

Ein junger Mitarbeiter im Jugendzentrum sei beispielsweise „salafisiert“, er habe Leman nicht mehr die Hand zur Begrüßung gegeben. „Wir sagten, du kannst bleiben, aber du hast dich hier normal zu verhalten und darfst nicht provozieren. Wir investieren in die Kontakte, mehr können wir nicht tun.“

Die Attentäter von Paris kennt er nicht persönlich. Aber einer ihrer früheren Jugendlichen sei heute in Syrien, ein anderer in Somalia. „Bevor sie gehen, sehen wir sie allerdings lange nicht – da ist der Kontakt immer schon abgebrochen.“

25 Prozent der Menschen leben in echter Armut

Ein Marktstand in Molenbeek.
Ein Marktstand in Molenbeek.
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Etwa 40 junge Männer sollen allein aus Molenbeek in den vergangenen Jahren nach Syrien ausgereist sein, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Insgesamt leben rund 100 000 Menschen in dem Viertel. Das belgische Problem mit radikalen Muslimen geht allerdings noch weit über Brüssel hinaus. Im ganzen Land mit seinen elf Millionen Einwohnern sollen sich etwa 400 Muslime radikalisiert haben. Wieso sind es so viele?

Dirk Jacobs forscht an der „Université Libre“ in Brüssel zur Situation marokkanischer Einwanderer – und zu Molenbeek. „Manche Jugendliche dort kennen keinen einzigen Erwachsenen in ihrem Umfeld, der Arbeit hat“, sagt er. Sie glaubten nicht daran, dass sie in einer Gegend mit mehr als 30 Prozent Arbeitslosigkeit, in manchen Straßen sind es sogar 70 Prozent, eine Zukunft haben.

„Brüssel ist eine der reichsten Städte Europas, aber 25 Prozent unserer Bevölkerung leben in echter Armut“, sagt Jacobs. Viele davon in Molenbeek, traditionell ein Arbeiterviertel. Erst Belgier, dann Griechen und Italiener und schließlich Marokkaner, die kamen, um in den Kohleminen zu arbeiten.

Wallonen und Flamen streiten sich lieber

Das Problem sei seit drei Jahrzehnten bekannt, sagt Jacobs. „Es ist ein Wunder, dass wir nicht viel mehr Radikalisierung haben. Aber die Politiker, Wallonen gegen Flamen, streiten sich lieber. Alle sind zuständig, aber niemand fühlt sich verantwortlich.“ So könne es einem zum Beispiel an einer Straße bei Molenbeek passieren, dass man die Polizei rufe und die einem sage: Diesen Abschnitt verwalten aber die Flamen.

Eine solche politische Blockade gebe es nur in Brüssel. Ihr fallen die Jugendlichen in Molenbeek zum Opfer. „Unsere Einwanderer sind ja nicht anders als die in Deutschland oder Frankreich. Aber sie fühlen sich von den radikalen Botschaften salafistischer Prediger angezogen, weil sie hier abgelehnt werden.“ Dirk Jacobs sagt: „Wir sind nicht schuld an ihren Verbrechen, aber wir haben den fruchtbaren Boden bereitet.“

Bilal und Mohend, die beiden jugendlichen Kiffer vom Spielplatz, werden in ein paar Jahren vielleicht auch abends unter Laternen an Straßenecken stehen. So wie ein junger Mann namens Mohammed. Er und die anderen Jungs, die dort „Wache“ schieben, haben keine Arbeit, nichts zu tun. Mohammed trägt die schwarzen Haare mit viel Gel. Von seinen Eltern hat er etwas Arabisch geerbt, manchmal enden seine Sätze im Flämischen.

Was ihm durch den Kopf geht, kann er nur mit Mühe formulieren. Seit den Angriffen von Paris und seitdem bekannt ist, dass wohl mehrere der Attentäter aus seinem Viertel kommen, hat er viel nachgedacht. Eine Frage lässt ihn nicht mehr los: „Bin ich wirklich so wie diese Dschihadisten?“ Das habe er in einer Gratiszeitung in der Metro gelesen. „Jung. Muslimisch. Gefährlich“, zitiert er den Text, der ihn so beschäftigt. „Ich schwöre, wir machen Probleme, aber wir sind doch keine Mörder!“

"Die Idioten sind zu allem bereit"

Mohammed ist wie die mutmaßlichen Attentäter Salah Abdeslam und Abdelhamid Abaaoud Ende der 80er Jahre in Molenbeek geboren. „Ich kenne sie“, sagt er und gibt zu, dass er Angst hat. Er möchte keinen Stress mit ihren Freunden. „Diese Idioten sind zu allem bereit.“ Für die Attentäter sei einer wie er ein Ungläubiger. Sie hätten sich schon immer isoliert und glaubten, sie seien etwas Besseres. „Ich rauche, habe Spaß, das geht für die gar nicht.“ Wenn er erst mal verheiratet und Vater sein wird, dann will auch Mohammed ein geregeltes Leben haben – „wenn Gott will“. Bis dahin ist anderes wichtig. Etwa, wo er und seine Kumpels heute Nacht essen werden.

Spät am Abend füllt sich auch Bouazzas Imbiss langsam, es riecht nach Frittierfett. Jugendliche kaufen sich ein Sandwich mit Kebab und Fritten für je 3,50 Euro. Einige essen im Stehen an ihrer Straßenkreuzung, andere setzen sich an die Tische im Imbiss. Im kleinen Fernseher in der Ecke läuft das marokkanische Staatsfernsehen. Der Moderator der Nachrichten kündigt den Beitrag aus Molenbeek an. „Es waren Belgier marokkanischer Abstammung, die Präsident Hollande dazu brachten, einen totalen Krieg gegen den Terror auszurufen.“

Bouazza trocknet sich die Hände an seiner Schürze ab. „Fils de Pute“ nennt er die Dschihadisten. Hurensöhne. Mehr Beleidigung geht nicht. Kurz hören die jungen Männer auf, ihre labbrigen Sandwiches zu kauen. „Möge Allah uns vor dem Terror bewahren“, sagen sie im Chor.

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