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Gegen Tiertransporte : „Höllenfahrten“ in Zeiten von Corona

Tierschutzorganisationen fordern einen Tiertransportstopp: Bei Langstreckentransporten leiden Tiere aufgrund der „Corona-Megastaus“ derzeit besonders.

Aufgrund der Corona-Pandemie stehen Tiertransporte derzeit über Stunden im Stau. Tiere leiden.
Aufgrund der Corona-Pandemie stehen Tiertransporte derzeit über Stunden im Stau. Tiere leiden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Polen liegt mit derzeit rund 350 bestätigten Coronavirus-Infizierten (Stand 20.3.20, 12 Uhr) weit hinter anderen Ländern – und das soll auch so bleiben. Mit Grenzschließungen und strengen Einlasskontrollen versucht Deutschlands Nachbar seit Beginn der Woche die Ausbreitung im eigenen Land einzudämmen.

Zwischenzeitlich reihte sich daher in den kilometerlangen Rückstaus an der deutsch-polnischen Grenze ein Lkw an den anderen. Und mittendrin: etliche Tiertransporter mit Masthühnern, Schweinen oder Kühen. Die stundenlangen Transporte, meist ohne Wasser und Futter, bedeuten für die Tiere eine enorme Stresssituation.

Forderung: Aussetzen der Tiertransporte in Corona-Zeiten

Der Deutsche Tierschutzbund hat sich jetzt gemeinsam mit anderen europäischen Tierschutzorganisationen in einem Brief an die EU-Kommission gewandt. Darin forderten sie ein Aussetzen der Tiertransporte aufgrund der aktuellen Situation.

Tierschutzgründe würden ebenso deutlich gegen eine Fortführung der Transporte sprechen wie die Gefahr einer Coronavirus-Ausbreitung durch die Fahrer. Aus Tierschutzsicht müsse es zudem grundsätzlich das Ziel sein, Lebendtiertransporte ganz abzuschaffen.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, betonte, dass schon unter normalen Umständen Lebendtiertransporte quer durch Europa und die Welt eine Tortur für die Tiere seien.

Dramatische Lage an der polnischen Grenze

Laut der EU-Verordnung über den Schutz von Tieren beim Transport unterliegt die Verantwortung für das Wohlergehen der Tiere sämtlichen Personen, die am Transportgeschehen beteiligt sind. Festgelegt sind unterschiedliche Fahrtzeiten je nach Tierart. Doch wer kann stundenlange Staus, wie sie jetzt gerade an der deutsch-polnischen Grenze passieren, voraussehen?

„Kommt es zu Störungen im Ablauf, wie es jetzt in Zeiten von Corona der Fall ist, werden es Höllenfahrten. Es braucht generell einen Stopp der Langstreckentransporte“, warnt Thomas Schröder.

Angesichts der derzeit dramatischen Lage an der polnischen Grenze müsse man sofort damit beginnen. „Wenn Tiere leiden, Kühe vor Schmerzen schreien, weil sie nicht gemolken werden können, sollte jedem klar sein: Tiere sind keine Ware, es sind Lebewesen.“

Unendliches Tierleid durch unkalkulierbare Transportzeiten

Auch die internationale Tierschutzstiftung VIER PFOTEN warnte am Freitag davor, dass Tierärzte und Polizei aufgrund der Corona-Krise noch weniger Zeit und Ressourcen haben, den Tierschutz zu gewährleisten. Laut Rüdiger Jürgensen, Geschäftsführer VIER PFOTEN Deutschland, dürften „Behörden die Transporte nicht genehmigen, wenn davon ausgegangen werden muss, dass die Tiere mit hoher Wahrscheinlichkeit leiden werden“. Dies wäre jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie der Fall.

Die Animal Welfare Foundation wies bereits Mitte der Woche auf die Zustände an der deutsch-polnischen Grenze hin und forderte den Stopp der Tierexporte in Zeiten der Corona-Krise. Einige Fahrer würden von stunden- bis tagelangen Wartezeiten an der Grenze berichten, ohne die Möglichkeit, ihre Tiere angemessen versorgen zu können, berichtet Iris Baumgärtner, Projektleiterin Tiertransporte.

Die Bundesregierung könne sich jetzt nicht hinter einer Zuständigkeit der EU-Kommission verstecken oder auf fehlende tierseuchenrechtliche Beschränkungen berufen. „Bisher blendet sie die Realität an den Grenzen aus, obwohl sie gerade in Zeiten des Corona-Notstands die Möglichkeit und Verantwortlichkeit hat, mit einem Transportmoratorium unendliches Tierleid durch unkalkulierbare Transportzeiten zu stoppen“, teilte Baumgärtner mit.