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Onlinedating ist um eine weitere Absurdität reicher geworden: Ghostwriting.

© Getty Images/Cavan Images RF

Tagesspiegel Plus

„Hallo, wir haben ein Match“: So chatten Sie richtig bei Tinder – ein Ghostwriter packt aus

Markus Dobler ist Onlinedating-Ghostwriter. Für 99 Euro im Monat übernimmt er die Kommunikation für erfolglose, unerfahrene und unbeholfene Singles. Wie moralisch ist sein Business?

Als Markus Dobler 1998 seine erste Kontaktanzeige im Internet aufgeben will, muss er zunächst zur Post. In dem Briefumschlag, den er verschickt, ist ein Bild von sich und ein 50-DM-Schein. So viel verlangt das Dating-Portal „netzmarkt.de“ fürs Einscannen. Als sein Profil Tage später endlich online geht, inklusive des Fotos, ist die Auswahl an potenziellen Partnerinnen, die ihm vorgeschlagen wird, mickrig.

In Ingolstadt, wo er wohnt, ist außer ihm niemand sonst angemeldet. Er schreibt eine Frau im 300 Kilometer entfernten Frankfurt am Main an. „Ich weiß noch, dass damals im Radio darüber berichtet wurde, wenn ein Paar heiratete, das sich im Internet kennengelernt hatte“, erinnert er sich in einem Videogespräch.

Heute, 24 Jahre später, wäre das nicht mal mehr eine Erwähnung im Freundeskreis wert. 36 Prozent aller neuen Beziehungen starten auf Onlinedating-Plattformen. Jeder Dritte in Deutschland ist bei einer angemeldet. Das Sortiment an Suchenden ist riesig. Doch nicht alle werden fündig.

Markus Dobler hat sich das Schicksal der Verzweifelten zur Berufung gemacht, genauer: zum Beruf. Dobler, 48, V-Ausschnitt, Halbglatze, ist Onlinedating-Ghostwriter und davon überzeugt, ziemlich gut flirten zu können. Für 99 Euro im Monat übernimmt er die Kommunikation für bislang erfolglose, unerfahrene und unbeholfene Singles. Er hilft seinen Kunden bei der Profilerstellung, schreibt in ihrem Namen und vereinbart Dates.

Ich weiß noch, dass damals im Radio darüber berichtet wurde, wenn ein Paar heiratete, das sich im Internet kennengelernt hatte.

Markus Dobler

Sein Business ist nicht ganz unumstritten, denn wer sich auf Dating-Plattformen anmeldet, gibt viel von sich preis: Hobbys, Träume, Vorstellungen über Liebe und Beziehungen. Und weil man so entblößt auftritt, herrscht auf den Portalen die unausgesprochene Abmachung, dass das Präsentierte nur jenen vorbehalten ist, die selbst auf der Suche sind. Damit hat Dobler in diesem Raum eigentlich nichts verloren. Den Zutritt beschafft er sich trotzdem. Um seinen Kunden zu helfen, aber auch um Geld zu verdienen. Ist das moralisch vertretbar?

Aus Faszination wurde ein lukrativer Nebenverdienst

Dobler sitzt in einer lichtdurchfluteten Galerie in einem Einfamilienhaus in Ingolstadt. Hier hat er sein Flirt-Büro eingerichtet. Während des Videogesprächs läuft sein jugendlicher Sohn durch das Bild. Hauptberuflich arbeitet Dobler etwas anderes, aber wegen einer Abmachung mit seinem Arbeitgeber darf hier nicht stehen, was. Nur so viel: Es ist ein sehr bürgerlicher Job.

Markus Dobler in seinem Flirt-Büro.
Markus Dobler in seinem Flirt-Büro.

© Privat

Obwohl Dobler zur Jahrtausendwende auf sämtlichen Partnerbörsen angemeldet ist, lernt er seine jetzige Frau analog kennen. Sie werden von einer Arbeitskollegin verkuppelt, ganz klassisch. Die Beziehung ändert nichts an seiner Faszination für das digitale Flirten. 2014 stößt er auf eine Annonce für Dating-Ghostwriter. Er beginnt für eine Agentur in München zu schreiben. Die habe nicht gezahlt. Er erstellt eine eigene Website.

Bei Dobler melden sich hauptsächlich Männer, die meisten zwischen Mitte 30 und Anfang 60. Ungefähr die Hälfte hat schon ein Profil auf einer Dating-Plattform, den anderen muss er eins erstellen. Zurzeit hat er elf Klienten. Er geht die Angaben gemeinsam mit seinen Kunden durch, prüft, ob sie gute Fotos von sich haben. Einige schickt er erst mal zum Fotografen.

Zum Beispiel zu Jens Ochmann in Berlin. Ochmann ist auf Männerfotografie spezialisiert, insbesondere auf Tinder-Profilbilder. Für 175 Euro bekommt man bei ihm ein 90-minütiges Shooting und am Ende fünf Fotos. Durch sein Studio in Pankow läuft ein Pudel, in der Ecke steht eine Schaufensterpuppe in Boxershorts, an den Wänden hängen Bilder von sehr muskulösen Männern. Die Räumlichkeiten nutzt Ochmann bei den Tinder-Shootings fast nur als Umkleiden für seine Kunden. Die Fotos werden draußen gemacht: im Café, in der U-Bahn oder im nahe gelegenen Mauerpark.

Jens Ochmann fotografiert Männer für ihren Auftritt beim Online-Dating.
Jens Ochmann fotografiert Männer für ihren Auftritt beim Online-Dating.

© Jens Ochmann

„Wichtig ist, dass die Menschen authentisch aussehen“, sagt Ochmann. Die Fotos sollten professionell sein, ohne professionell zu wirken, das ist sein Credo. Ochmann hat es mit ganz unterschiedlichen Kunden zu tun. Einige sind richtige Rampensäue, haben Lust, sich ablichten zu lassen, bereiten akribisch ihr Dating-Profil vor. Andere wirken, als seien sie von jahrelangem erfolglosen Dating geradezu verzweifelt.

Mindestens drei Fragezeichen – in jeder Nachricht!

Markus Dobler

In Ingolstadt loggt sich Markus Dobler mit den Zugangsdaten seines Kunden Tilmann Malchow bei Parship ein. Malchow und Dobler haben einen ausgeklügelten Arbeitsablauf: Malchow favorisiert die Frauen, die ihm gefallen, per Mausklick, Dobler schreibt sie an. Am Abend zuvor hat er Nachrichten an ein gutes Dutzend Frauen versendet. Bislang hat keine geantwortet.

Neugierde wecken hält den Chat am Laufen

Dobler sagt, dass eine Rückmeldung für zehn rausgeschickte Kontaktaufnahmen eine gute Quote sei. Er formuliere Nachrichten immer so, dass sein Gegenüber ganz leicht antworten könne. Das heißt: konkrete Fragen stellen. Wohin willst du reisen? Was arbeitest du genau? In welchem Bezirk wohnst du?

„Mindestens drei Fragezeichen“, sagt Dobler, „in jeder Nachricht.“ Und das Gegenüber neugierig machen sei auch ganz wichtig. Auf Tinder laute sein Lieblings-Opener: „Hallo, wir haben ein Match, was wollen wir draus machen?“ Er benutze auch gerne Abkürzungen. Statt zu schreiben: „Ich würde gerne mal nach Teneriffa fliegen“, schreibt er: „ich würde gerne mal nach TF.“ Dann muss die andere Person nachfragen.

Ich bin nur 1,65 groß und stehe bei vielen nicht unbedingt auf der Favoritenliste.

Tilmann Malchow

Tilmann Malchow, 36, Anwalt, der eigentlich anders heißt, hat sich bei Dobler gemeldet, weil er das Onlinedating irgendwann zu frustrierend fand. Am Telefon klingt er selbstbewusst, nicht verschüchtert, wie man sich einen unbeholfenen Single vielleicht vorstellt. „Nach Silvester habe ich gemerkt, dass ich etwas ändern muss“, sagt Malchow. Dieses ständige Nachrichtenschreiben, ohne Antworten zu erhalten, habe ihm auf die Psyche geschlagen. Eigentlich formuliere er gerne, aber „ich bin nur 1,65 groß und stehe bei vielen nicht unbedingt auf der Favoritenliste“.

Doblers Business erinnert an Edmond Rostands bekanntes Drama von Cyrano de Bergerac: Der Titelheld leidet unter einer riesigen Nase, wegen der er sich nicht traut, seiner Cousine Roxane seine Liebe zu gestehen. Stattdessen hilft er einem anderen dabei, Liebesbriefe an sie zu verfassen. Roxane heiratet den vermeintlichen Liebesbrief-Verfasser, obwohl sie sich eigentlich in die Worte von Cyrano verliebt hatte. Am Ende sind alle unglücklich oder tot. Hat Dobler kein schlechtes Gewissen?

Dating-Kandidaten sind sprunghaft, das Misstrauen groß

„Überhaupt nicht“, sagt er. Ihm gehe es darum, seinen Klienten zu zeigen, wie man offen, nett und selbstbewusst auftritt. Er versuche immer, sich so früh wie möglich zurückzuziehen, die Unterhaltungen seinen Kunden wieder selbst zu überlassen. Spätestens nach dem ersten Date. Höchstens wolle er einen Monat im Namen eines anderen mit einer Frau schreiben. Dabei verstehe er sich eher als guter Freund denn als Heiratsschwindler.

Fotos, Chats und Profilbeschreibungen lassen sich von Profis für erfolgreicheres Onlinedating gestalten.
Fotos, Chats und Profilbeschreibungen lassen sich von Profis für erfolgreicheres Onlinedating gestalten.

© imago images/Kirchner-Media

Auch Jens Selinger braucht ein bisschen Unterstützung, als er vor einem Jahr die einsamen Corona-Wochenenden als Single nicht mehr aushält. Der 57-Jährige meldet sich bei Parship an, bekommt aber, ebenso wie Malchow, selten eine Antwort. Warum? Er sieht gut aus. Ist vielleicht nicht mehr der Jüngste, aber dafür Arzt. Selinger schraubt an seinem Schreibstil. Ist er zu ironisch? Er wird förmlicher. Es wird nicht besser. Selinger hat keine Zeit für ewige Ausprobiererei und meldet sich bei Dobler.

Laut einer Studie von Parship hat ein Viertel der Onlinedating-Nutzer bereits Erfahrungen mit „Ghosting“ gemacht. Ihnen wurde plötzlich nicht mehr zurückgeschrieben. Insgesamt scheinen die Manieren beim digitalen Flirten zu verlottern. Der Ton ist oft unfreundlich, die Nutzer sprunghaft und das Misstrauen groß.

Wie viele Menschen Dobler schon zusammengebracht hat, weiß er nicht. Ob die Menschen, für die er geschrieben hat, es ihrem möglicherweise zukünftigen Partner irgendwann erzählen? „Eher nicht.“ Ob viele, die mit ihm geschrieben haben und dann seinen Kunden auf ein Date treffen, von dessen Art geschockt sind? „Nein!“

Er passe seinen Schreibstil ja immer der Art seiner Kunden an. Einen Introvertierten würde er nicht „total aufgeweckt“ erscheinen lassen oder andersherum. Doch mindestens einmal muss er den falschen Ton gewählt haben. Dobler erinnert sich, wie einer seiner Klienten bei einem Rendezvous einfach sitzen gelassen wurde. Die Frau war nach einigen Minuten stockenden Gesprächs genervt aufgestanden und gegangen.

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