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Tagesspiegel Plus

„Ich bin Andreas, erinnerst du dich?“ : Wie ein verpasster Kuss zwei Leben prägt

Mit 17 traf er Maytia, irgendwo in Südamerika. Dann trennten sie 12.517 Kilometer und mehrere Jahrzehnte. Doch die Liebe hört nicht auf.

| Update:

Reue hat zwei Gesichter: das Bedauern, einen Fehler gemacht zu haben. Das Gefühl, etwas gar nicht getan zu haben. Andreas kennt beides.

Es ist 1986, Andreas ist siebzehneinhalb. Seit Wochen tingelt er mit seinem Chor aus West-Berlin durch Südamerika – ein gewaltiges Abenteuer. Die letzten drei Tage sind angebrochen, sein Gastgeber nimmt ihn mit zu einer Party mit ehemaligen Klassenkameradinnen. Und da steht sie, Maytia. Dunkle Locken, schmale Nase und ein warmes Lächeln im Gesicht. Sie unterhalten sich über Volleyball – wie kann jemand mit so schönen Fingern Volleyball spielen, fragt sich Andreas.

Den ganzen Abend schlürft Andreas an einer Cola, sein Reisebudget ist schmal. Aber er hat nur eine Sorge: dass das Gespräch mit Maytia abebbt.

Ich bin verliebt in dich. Ich träume davon, an deine Tür in Berlin zu klopfen und dich zu überraschen.

Maytia, 12.517 Kilometer entfernt

Maytia geht es ähnlich. Ihr Kumpel brachte diesen gut aussehenden deutschen Jungen mit zur Party. Kurze blonde Haare, lieber Blick. Er ist witzig und respektvoll. „Ich habe mich auf Anhieb in ihn verliebt.“ Sie verbringen die letzten drei Tage miteinander, die letzte Nacht vor der Abreise. Sie lachen viel und reden, aber allein sind sie nie. Als es in den frühen Morgenstunden frisch wird, legen sie eine große Decke über sich – als sich ihre Hände flüchtig berühren, fühlen sie sich wie vom Blitz getroffen. Und dann passiert: nichts.

Ein paar Stunden später hebt Andreas ab und landet 12.517 Kilometer weiter in Berlin-Tegel. Siebzehneinhalb, untröstlich verliebt, sauer auf sich selbst. Wie kann man nur so schüchtern sein? Nach einigen Tagen liegt ein Brief in Andreas’ Briefkasten. Maytia schreibt darin: Ich bin verliebt in dich. Ich träume davon, an deine Tür in Berlin zu klopfen und dich zu überraschen.

Ins Herz: Die Liebeskolumne des Tagesspiegel.

© Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller

Welch überwältigendes Gefühl, wenn Liebe auf Gegenliebe stößt. Welch fataler Gedanke, dass Liebe und Gegenliebe in unerreichbarer Entfernung sind. „35 Jahre lang habe ich mir vorgeworfen, sie nicht geküsst zu haben.“ Zwei Jahre lang schreiben sie sich Briefe, schicken sich Bilder. Maytia notiert auf der Rückseite eines Fotos: „Vergiss nie, hier gibt es jemanden, der dich sehr lieb hat.“

Dann werden die Briefe seltener und irgendwann verschickt einer das letzte Papier.

Im Video: Zu Besuch bei Andreas und Maytia

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Andreas und Maytia verlieben sich neu. Beide finden Partner für ihr Leben, heiraten, werden Eltern. Erste Schritte der Kinder, der erste Schultag, die eigene Karriere, die Beziehung. Beide verlieren sich im manchmal aufregenden, oft banalen, meist schönen Alltag des Lebens. 35 Jahre lang. Sie in Südamerika, er in Berlin.

Er schreibt, seine Mail landet im Spam-Ordner

An einem Tag im Herbst 2020 sitzt Andreas zu Hause und hört südamerikanische Musik. Jahrelang hat er diese Playlist nicht mehr angeklickt. Was wohl aus Maytia geworden ist? Bestimmt hat sie auch Familie und Kinder, denkt Andreas. Er tippt ihren Namen in die Suchmaschine ein, findet sie schnell. „Ich bin Andreas. Erinnerst du dich an mich?“, schreibt er. „Ich hab dich nie vergessen.“ Seine Mail landet im Spam-Ordner. Er schreibt ihr ein zweites Mal, 14 Tage später, mit einer anderen Adresse. Sie antwortet sofort: „Natürlich erinnere ich mich. Ich habe hier ein Foto von dir, du trägst einen Hut mit Federn dran.“

Auf die erste Nachricht folgt eine zweite, bald das erste Telefonat, sie sehen sich wieder via Bildschirm-Chat. Sie reden jeden Tag stundenlang, meist nachts wegen der Zeitverschiebung. Maytia erzählt von ihrer Arbeit als Architektin, ihren erwachsenen Kindern, ihrer Ehe, die schon vor Jahren in die Brüche gegangen ist. Über die Entfernung fällt es leichter, offen zu sein, was soll schon passieren?

Nach sieben Wochen sagt Maytia: „Wir müssen uns sehen. Wir müssen rausfinden, ob wir eine Chance haben.“ Andreas ist klar: Dies würde alles verändern. Das Leben, das er bislang führte, würde nie mehr das gleiche sein. Andreas lebt nicht getrennt, er weiß, an seiner Entscheidung hängt ein hoher Preis. Er sagt: Ja.

Wir müssen uns sehen. Wir müssen rausfinden, ob wir eine Chance haben.

Maytia gibt den Anstoß 

Einen Monat später wartet Andreas mit Blumen am Flughafen. Corona, Maytia fliegt trotzdem ein. Sie umarmen sich. Maytia hat ein Airbnb gefunden, obwohl gerade keins vermietet werden darf. Auf der Fahrt redet Andreas zu viel, Maytia streichelt seine Hand.

Er zieht ihr Gesicht zu sich heran. Nach 35 Jahren

Sie muss in Quarantäne; das Auto vollgepackt fahren sie zum Supermarkt. Als der Motor auf dem Parkplatz verstummt, traut sich Andreas, wovon er als Jugendlicher nur träumte. Er zieht ihr Gesicht zu sich heran und küsst sie. Nach 35 Jahren.

Die nächsten Wochen sind magisch. Berlin liegt still im Corona-Winter, fast versöhnlich unter einer dicken Schicht Schnee. Sie erkunden die leere Stadt, kommen sich drinnen nahe. Am Ende ist beiden klar, was sie schon früher ahnten.

Maytia fliegt nach Hause. Andreas sagt seiner Frau und den Kindern, wie er die letzten Wochen wirklich verbracht hat. War er feige – oder versuchte er die Familie vor der unbequemen Wahrheit zu schützen, bis es kein Zurück mehr gab? „Ich habe mich falsch verhalten, und das bereue ich“, sagt er heute. „Ich habe unnötig Schmerz verursacht.“ Kann man sich nach 25 Jahren Ehe überhaupt schmerzlos trennen?

Zehn Monate später leben Maytia und Andreas in ihrer neuen, frisch renovierten Wohnung in Berlin. Sie haben den ersten gemeinsamen Urlaub in Dänemark verbracht. Andreas hat Maytias Familie in Südamerika kennengelernt. Maytia startet bald ihren neuen Job in Berlin. Das erste Jahr zu zweit ist beinahe vorbei, aber beide wirken voller Neugier aufeinander. Ihr Leben in den 35 Jahren dazwischen lassen sie zu großen Teilen hinter sich. Ist das eine Midlife-Crisis oder ein Manifest für die Zeitlosigkeit echter Liebe?

„Wir sind über 50 Jahre alt, es ist ein Geschenk, dass wir noch eine solche Möglichkeit haben und uns dann auch getraut haben“, sagt Maytia. Schicksal ist ein großes Wort, „aber wir haben auf jeden Fall das Gefühl, dass wir von irgendetwas begleitet werden“, sagt Andreas. „Vielleicht haben das unsere Mütter im Himmel zusammen ausgeheckt und uns ein bisschen geschubst“, sagt Maytia. Und lacht ihr warmes Lachen. Wie damals.

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