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Moritz A. Sachs mit Marie-Luise Marjan, aka Mutter Beimer.
© dpa

Moritz A. Sachs war Klaus Beimer in der „Lindenstraße“: „Ich bin ein Naturspießer“

35 Jahre lang spielt er den Sohn der Nation - heute läuft das Finale. Moritz A. Sachs über die härtesten Drehmomente und Partys in den Kulissen.

Von

Herr Sachs, was passiert heute in der allerletzten Folge der „Lindenstraße“?

Netter Versuch. Wenn ich Ihnen das sage, muss ich eine hohe Konventionalstrafe zahlen. Da halte ich lieber den Mund. Es wäre doch total schade, alles vorher zu wissen.

Angeblich haben Sie sich die finalen Drehbücher nicht wie gewöhnlich per E-Mail schicken lassen, sondern mit der Post. Warum?

Weil es nostalgischer ist. Und ein bisschen feierlich.

Sie spielten die Figur Klaus Beimer seit der ersten Folge 1985. Damals waren Sie sieben Jahre alt. In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, wie es sich anfühlte, dauerhaft geknuddelt zu werden: nicht so toll.

Ja. Meine Eltern riefen bei der Produktion an und baten darum, das Knuddeln von Mutter Beimer vor der Kamera zu reduzieren. So entstand auch der Satz: „Ich bin nicht dein Hase!“ Außerhalb der Kulissen gab es noch die Frauengruppen im Zug: Ich wurde gestreichelt, getätschelt, gewuschelt. Ich war der Süße – „Klausi“ eben. Doch der wollte ich natürlich nicht immer sein.

Können Sie sich eigentlich an ein Leben vor der „Lindenstraße“ erinnern?

Im Grunde nicht. Und ehrlich gesagt kann ich mir auch kaum ein Leben danach vorstellen. Ich fürchte, dass mich Klaus Beimer selbst in zehn Jahren mal für einen Abend einholen wird. Und dass ich jetzt nicht mehr durchgehend angestellt bin, ist für mich völlig neu.

Sind Sie der Kanarienvogel, dessen Türchen geöffnet wurde, und der trotzdem im Käfig bleibt?

Nein, ich habe immer auch neben der „Lindenstraße“ gearbeitet. Zum Beispiel als Regieassistent, Aufnahmeleiter und Moderator.

Wollten Sie von Ihren Eltern schon mal wissen, ob sie den Vertrag mit Hans W. Geißendörfer mit dem Kenntnisstand von heute wieder unterschreiben würden?

Ich bin ja ein gesunder Mann geworden, habe keine nennenswerten Schwierigkeiten – von Gewichtsproblemen und Nikotinkonsum mal abgesehen. Die Kernfrage dürfte sein: War die „Lindenstraße“ schädlich für mich oder nicht? Die Antwort: Ich denke nicht. Ich hatte fast immer Spaß daran und will die Erfahrung nicht missen.

Weil Sie jeden Sonntag im TV zu sehen waren, wurden Sie als Schüler gemobbt, verprügelt, sogar mit einem Messer bedroht.

Damals in der vierten Klasse. Das war schon heftig, echt bedrohlich. Zum Glück ist das nur ein einziges Mal vorgekommen. Auf die Nase gekriegt habe ich auch in späteren Jahren mehrfach.

Moritz A. Sachs (re.) provoziert als Klausi seinen Serienvater.
Moritz A. Sachs (re.) provoziert als Klausi seinen Serienvater.
© dpa

Wann waren Sie in den insgesamt 1758 Folgen Ihrer Figur am fernsten?

Sicher, als Klaus Beimer Neonazi wurde, Anfang der 90er. Andererseits hatte das auch einen großen Vorteil: Ich spielte eine echte Geschichte, konnte in die Rolle hineinwachsen. Vorher war ich einfach ein Kind, das ein Kind spielt.

Wer war früher erwachsen: Sie oder Ihre Rolle?

Ich. Auch, wenn ich nicht weiß, ob wir uns je so richtig erwachsen fühlen? Doch ich musste deutlich früher Verantwortung übernehmen. Und was Klaus betrifft, der wurde wahrscheinlich in seiner Beziehung mit Nina erwachsen, spätestens jedoch mit der Geburt seiner Tochter Mila.

Fand der erste Kuss von Klaus vor Ihrem statt?

Ja. Das war der Kinderkuss im Fernsehen. Ich hab’ Iffis Darstellerin Rebecca Chipskrümmel in den Mund gepustet. Ich war noch sehr jung, elf, meine ich. Dieser Fauxpas ist mir bis heute unangenehm.

Die Szene mit Iffi war nicht so bahnbrechend wie der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen.

Was Sie meinen, ist bereits der zweite schwule Kuss. Der löste 1990 einen Skandal aus. Es hatte davor schon einen gegeben, aber die Figuren Carsten und Robert lehnten sich aus dem Bild.

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Was im Off passiert, können die Zuschauer doch nicht sehen!

Die Aufregung war jedenfalls riesig. Als ob Homosexuelle keinen Sex hätten! Der Bayerische Rundfunk hat sogar die Wiederholung der Folge nicht gesendet. Heute unvorstellbar.

Nacktsein war in der Serie zeitweilig sehr beliebt.

Wir haben vor der Kamera gelebt. Dazu gehörte auch Sex, das Bad. Dann hat das Internet Szenen für alle wiederholbar gemacht – mit der Konsequenz, dass wir anders mit Intimität umgehen mussten. Sonst wären besonders die Kolleginnen schnell auf einer Celeb-Porn-Seite gelandet. Ich selbst war das erste Mal mit neun Jahren unbekleidet im Fernsehen zu sehen, das wäre heute undenkbar. Später drehten wir eine Folge mit drei nackten Männerhintern, unter anderem meinem. Ich war damals schon etwas runder, und der Regisseur rief beim Dreh: „Guck mal, Depardieu!“

Sie lachen.

Der Spaßvogel. Aber im Ernst: Wir wurden spießiger. Nacktheit hat ja oft dramaturgische Gründe, kann Verletzlichkeit suggerieren, Vertrautheit. Wenn man duschen geht, ist man halt unbekleidet. Wer geht schon im Badeanzug unter die Brause?

Moritz A. Sachs vor dem Interview in der Tagesspiegel-Redaktion.
Moritz A. Sachs vor dem Interview in der Tagesspiegel-Redaktion.
© Thilo Rückeis

Herr Sachs, Sie haben eine Woche, nachdem Sie erfuhren, dass die „Lindenstraße“ eingestellt wird, geheiratet …

… und unsere Trauzeugen waren mein Kollege Moritz Zielke, besser bekannt als Momo, und seine Lebensgefährtin Wibke. Die Serie war also auch bei meiner eigenen, privaten Hochzeit voll mit dabei. Mein halber Freundeskreis besteht aus der Produktion. In unserem Haus wohnt ein Requisiteur, bis vor Kurzem unser Aufnahmeleiter.

Eine Kollegin, Sybille Waury, sagte dem „SZ Magazin“, im Gegensatz zu ihrer Serienfigur Tanja Schildknecht sei ihr im realen Leben nie etwas Schlimmes passiert. Nun befürchte sie, dass das Pendel in die andere Richtung ausschlage. Sind Sie auch abergläubisch?

Nein, bin ich nicht. Doch eines habe ich gelernt: Es geht nicht immer alles gut. Privat hatte ich einige nicht so schöne Jahre. Erst die Insolvenz meiner Musical-Produktion, dann mussten meine Frau und ich drei Fehlgeburten erleben.

Sie schreiben, dass Sie wenige Tage nach der letzten Fehlgeburt vor der Kamera standen und als Klaus mit Serienfrau Neyla ebenfalls ein Kind verloren. War das der Moment, in dem Sie und Klaus einander am nächsten waren?

Vielleicht. Ich hatte meine Probleme damit, wie Klaus im Drehbuch mit der Situation umging. Nie wurde gezeigt, dass er leidet. Neyla bekommt die Diagnose, die Ärztin sagt: „Bleiben Sie gleich hier, wir machen eine Ausschabung.“ Schnitt, wir saßen im Auto, für Klaus soweit alles in Ordnung. Privat hatte ich das anders erlebt. Langes Warten, viel persönliche Trauer, im Krankenhaus geht man durch die Neugeborenenstation, wenn alles vorbei ist. So schön es normalerweise ist, Säuglinge und glückliche Eltern zu sehen – diese Momente gehören nicht dazu. Also habe ich mich bei der Produktion über Klaus’ Umgang mit der Fehlgeburt in der Geschichte beklagt.

Mit welchem Ergebnis?

Nach einiger Zeit ließ ich mich überzeugen, dass Klaus Beimers Handeln gar nicht so unglaubwürdig war: Im ersten Moment kümmerst du dich um deine Frau, erst danach um dich selbst. So lange Erzählzyklen wie in den ersten Jahren waren allerdings schon eine Weile nicht mehr der Stil der „Lindenstraße“. Das Sterben von Benno Zimmermann an Aids hat man 1988 noch über ein Dreivierteljahr erzählt. Auch wenn dies ebenfalls eine Verknappung ist, so doch nicht ganz so sehr. Wahrscheinlich trauerte Klaus also im Off.

Die Serie bekam anfangs heftige Kritiken, „Panoptikum der Piefigkeit“ urteilte der „Spiegel“, die „Bunte“ prophezeite: „Wegen dieser Serie werden in der ARD noch Köpfe rollen.“

Und irgendwo stand der Satz: „Herzlichen Glückwunsch ans ZDF.“ Aus heutiger Sicht erheiternd.

Einer der größten Kritikpunkte war damals wie heute: Der Anspruch, moralisch besseres Fernsehen zu sein, nervt einfach. Können Sie das nachvollziehen?

Puh, ja, ganz klar konnte die „Lindenstraße“ auch mal nerven. Wir sind hier und da über das Ziel hinausgeschossen. Besonders Aktualisierungen konnten sehr moralisierend sein. Wenn sich zum Beispiel Klaus und sein Freund Philipp im Treppenhaus treffen und die politische Großlage besprechen. „Hast du schon gehört, der Kemmerich in Thüringen?“ – „Ja, furchtbar.“ Dann hast du zwei Leute, die einander bestärken. Gleichzeitig haben wir Fernsehen gemacht, das zum Denken und Handeln anregen sollte. Mit Erfolg, wie die Zuschauerreaktionen gezeigt haben.

Die letzte Klappe in der fast 35-jährigen Geschichte der "Lindenstraße" ist gefallen.
Die letzte Klappe in der fast 35-jährigen Geschichte der "Lindenstraße" ist gefallen.
© dpa

Warum erscheint bei Ihrer Aktualisierung im Treppenhaus nicht einfach eine Figur mit kontroverser Meinung, Angelina zum Beispiel?

Die Geschichten der Figuren kreuzten sich womöglich nicht, die Schauspielerin war vielleicht an diesem speziellen Drehtag nicht verfügbar. Oder ein ganz praktisches Problem: Die Haare waren anders geschnitten, deshalb konnte sie nicht auftauchen. Es handelte sich ja um Aktualisierungen, und die wurden immer erst kurz vor der Ausstrahlung der eigentlich schon fertiggestellten Folge gedreht und nachträglich eingefügt.

Auch in dieses Interview müssen wir eine Aktualisierung einbauen: Wie hätte die „Lindenstraße“ die Coronakrise verarbeitet?

Bei der Lage zurzeit ist es nebensächlich, ob diese Katastrophe einen Weg in die „Lindenstraße“ gefunden hätte. Sie hätte vermutlich so gut wie jeden Handlungsstrang verändert, es wäre ein enormer Aufwand gewesen. Alle in Quarantäne? Von zu Hause aus dreht es sich allerdings schlecht.

Eigentlich ist es doch schade, dass die Kulissen in Köln-Bocklemünd jetzt abgerissen werden. Wohnraum ist knapp, und Bewerbungen um die Zimmer gab es genug!

„Sehr geehrter Herr Dressler, da Ihr Haus rollstuhlgerecht ist, kann ich es kaufen?“ – Briefe wie diese kamen früher oft in der Produktion an. Aber ist ja alles nur aus Leichtholz und Pappmaschee.

Die legendärste Feier am Set?

Es gab mal eine Party in den 90ern, ich selbst war leider noch zu jung, um bis zum Schluss mitzufeiern, da wurden die Studios geentert – zum Schlafen und auch zum, äh … das hatte jedenfalls die Konsequenz, dass die Studios danach bei Feiern gesperrt waren. Wir hatten erstaunliche Paarungen.

Cosima Viola, die Jack-Darstellerin und der „Biker“ waren in Wirklichkeit zusammen, trennten sich und mussten dann weiterhin ein Paar spielen.

Stimmt. Es gab noch andere Vermischungen: Jeremy Mockridge hat den Sohn von Iffi gespielt, im wirklichen Leben ist er der Sohn von Bill Mockridge, also Erich Schiller und Klaus' Stiefvater, und damit wäre Jeremy mein Stiefbruder und Luke Mockridge der echte Bruder meines Film-Stiefbruders …

Aus der letzten Folge: Klaus Beimer (Moritz A. Sachs, re.) und die neuen Mieter der Lindenstraße, Rachel Goldberg (Hana Geißendörfer) und Ron Liebermann (Benjamin Röschel).
Aus der letzten Folge: Klaus Beimer (Moritz A. Sachs, re.) und die neuen Mieter der Lindenstraße, Rachel Goldberg (Hana Geißendörfer) und Ron Liebermann (Benjamin Röschel).
© dpa

Entschuldigung, da sind wir leider raus. In die Darstellerin von Pat, Ihrer Filmstiefschwester, waren Sie tatsächlich verliebt, oder?

Ja! Sie war der Knaller. Ich fand sie super. Ich bin ein Naturspießer, muss mich richtig anstrengen, ein bisschen bekloppt zu sein – aber sie war positiv verrückt. Sie ist übrigens in Wirklichkeit die Nichte von Bill Mockridge.

Herr Sachs, egal, wen man von der „Lindenstraße“ fragt, alle betonen immer nur die wahnsinnige Harmonie im Team. Das ist doch unmöglich.

Die Grundharmonie wurde immer wieder mal kurz unterbrochen von etwas Zank und Kleinigkeiten, wie in einer Familie halt auch. Wir haben alle seit Bekanntgabe der Absetzung an vielen Abenden gemeinsam in unserer Kantine getrauert. Ja, es gab manchmal kleine Reibereien, Eifersüchteleien, Sticheleien. Manche kultivierten wir regelrecht.

Zum Beispiel?

Rivalitäten zwischen Schauspielerinnen, die sich total gern haben, aber trotzdem mal einen einschenken. Immer mit einem Augenzwinkern und der Möglichkeit, sich abends in den Armen zu liegen. Was die Eifersüchteleien angeht: Nehmen wir mal das Beispiel Marie-Luise Marjan. Sie hat ihr ganzes Leben nach der „Lindenstraße“ ausgerichtet. Damit hat sie sich nicht nur in die Herzen der Leute gespielt, sie wurde unsere Frontfigur, vielleicht bekannter als das Format selbst. Das ist harte Arbeit und viel persönliches Engagement. Wenn ernsthaft jemand auf sie eifersüchtig gewesen wäre, wäre er auf wenig Verständnis bei uns allen gestoßen.

Bleiben Sie nun alle mit einer WhatsApp-Gruppe in Kontakt?

Da kommt man nur rein, wenn man mehrere Monate bei uns gearbeitet hat. Ich bin allerdings bis jetzt nicht eingetreten. Was wichtig ist, bekomme ich sowieso mit. Außerdem haben wir verabredet, dass wir uns mindestens zweimal im Jahr treffen.

Und was sollen wir jetzt Sonntag abends tun?

Na, das ist doch ganz klar: Setzt euch am 1. Advent 2020, genau 35 Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Folge, aufs Sofa und beginnt von vorn.

Moritz A. Sachs, 41, arbeitete neben seiner Rolle in der "Lindenstraße" auch als Regieassistent. 2011 nahm er an der Tanzshow "Let's dance" teil. Er wurde in Köln geboren, wo er heute mit seiner Frau lebt. Das Interview wurde vor der Coronakrise geführt und nachträglich aktualisiert.

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