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Karrierefaktor Sex?: Männer schlafen sich runter, Frauen schlafen sich hoch
Die Arbeit ist nach dem Online-Dating die wichtigste Kontaktbörse. Aber mit anderen Konsequenzen als im Privatleben, warnt eine Expertin.
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Der Arbeitsplatz ist kein emotionsfreier Raum, auch wenn wir oft so tun. Liebe und Sexualität sind auch im Job Realität und finden statt, weil wir fühlen, egal, wo wir sind. Unser Körper begleitet uns jederzeit und überall hin, wir geben ihn nicht an der Bürotür ab.
Nach Online-Dating-Plattformen ist die Arbeit das wichtigste Kontaktanbahnungsumfeld. In verschiedenen Umfragen gaben knapp die Hälfte der Befragten an, sich schon mal mit einer Kollegin oder einem Kollegen eingelassen zu haben.
In Unternehmen mit flachen Hierarchien sind Büroromanzen demnach häufiger als in Unternehmen mit strengen hierarchischen Strukturen. Was vermutlich niemanden wundert. Flache Hierarchien erfordern mehr direkte Kommunikation, Entscheidungen werden häufig im Team getroffen. Alles Gelegenheiten, bei denen Gefühle füreinander entstehen können, die über die berufliche Sympathie hinausgehen.
Wie wird sich die neue Liebesbeziehung im Büro auswirken?
In der Psychologie ist das als Mere-Exposure-Effekt bekannt: Je öfter wir mit einer Person in Kontakt kommen, desto vertrauter und sympathischer erscheint sie uns.
Wenn es dann passiert und Kolleginnen oder Kollegen begegnen sich intim, verlieben und lieben sich gar, ist das nicht nur ein Thema für die beiden. Dann sind im direkten beruflichen Umfeld viele, wenn nicht alle mit betroffen. Ob gewollt oder nicht.
Andere könnten und werden sich fragen, ob sich die Zusammenarbeit verändert, ob eine der beteiligten Personen bevorzugt wird oder ob private Konflikte ins Team getragen werden. Selbst wenn dies nicht der Fall ist, genügt oft allein die Vermutung, dass eine Beziehung berufliche Entscheidungen beeinflussen könnte, um Spannungen entstehen zu lassen.
So wird die Privatsache Liebe zu einem Fall für die Betriebe, für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Und damit das Glück der einen nicht zum Stress der anderen wird, sollten kritische Aspekte zur neuen Romanze geklärt werden. Es braucht Orientierung im Umgang damit.
Die erste Frage stellen sich meist die neu Verliebten selbst. Und sie lautet: Wer soll wann was erfahren?
Transparenz beugt Gerüchten vor
Ich empfehle an dieser Stelle deutlich, so früh und so einfach wie möglich Transparenz zu schaffen. Gerade das direkte Arbeitsumfeld hat meist längst mitbekommen, dass sich etwas verändert hat und ist genauso neugierig wie unsicher. Je länger geschwiegen wird, desto eher entstehen Fehlinterpretationen und Gerüchte, die viel schwieriger wieder aus der Welt zu schaffen sind.
Es bedarf dabei auch keiner langen Rede. Es reicht, anzusprechen, was der Status quo ist – und das so unaufgeregt wie möglich. Dann kann wieder zur Alltagsroutine übergegangen werden.
So weit, so gut. Und wenn nicht? Können Unternehmen das Entstehen von Romanzen eigentlich unterbinden? Gefühle lassen sich nicht verbieten, und es gibt auch keine generelle gesetzliche Verpflichtung, eine Liebesbeziehung gegenüber dem Arbeitgeber bekanntzumachen.
In manchen Bereichen gibt es dennoch Reglements, die dem reibungslosen Funktionieren der Teams dienen. Und auf der rein praktischen Ebene kann in Berufen wie beispielsweise Feuerwehr oder Polizei verfügt werden, dass Paare nicht in der gleichen Einheit tätig sein dürfen.
Besonders für den Fall, dass die Romanze Hierarchien überspringt, kann man nur empfehlen, Transparenz herzustellen. Generell werden Beziehungen zwischen Führungskräften und Untergebenen besonders kritisch gesehen.
Und das zum einen vom Umfeld, dass Illoyalitäten fürchtet, Bevorzugungen aufkommen sieht oder gar ungerechtfertigte Gehaltserhöhungen, aber auch von den Beteiligten selbst. Und so werden aus Angst vor Gerede, Gerüchten, schiefen Blicken und negativen Konsequenzen für den Arbeitsplatz besonders solche Romanzen geheim gehalten.
Dabei werfen derartige Verbindungen auch ein wichtiges Schlaglicht auf die Geschlechterfrage. Grob zusammengefasst könnte man nämlich sagen: Männer schlafen sich runter und Frauen hoch. Denn in deutschen Chefetagen hat sich hinsichtlich Gleichstellung bislang zu wenig getan. Frauen sind mit einem Anteil von unter 30 Prozent weiterhin in der Führungsebene deutlich unterrepräsentiert. So bleiben die Klassiker der Arbeitsromanzen hierarchisch gleich: Arzt und Krankenschwester, Chef und Sekretärin, Abteilungsleiter und Unterabteilungsleiterin.
Für Frauen liegt in solchen Verbindungen mehr soziales Risiko als für Männer. Sie laufen schneller Gefahr, das Top-Klischee schlechthin angeheftet zu bekommen: dass sie Sex als Karrierestrategie nutzen.
Wenn sie noch unten auf der Leiter stehen, wird man ihnen Berechnung vorwerfen. Und wenn sie schon oben angekommen sind, wird es heißen: Das kann die unmöglich nur mit Können erreicht haben, da war doch sicher mehr im Spiel. Unfair? Sehr. Realität? Auf jeden Fall.
Die Gegenseite vom strategischen Sex zu Aufstiegszwecken ist in den Köpfen ebenso gegenwärtig: Spätestens seit der Metoo-Debatte dürften alle eine Vorstellung davon haben, welche gravierenden Ausmaße solche Überlegungen auf ranghöheren Posten annehmen können.
Die meisten Unternehmen haben für diesen Sachverhalt zum Schutz klare Verhaltensrichtlinien verschriftlicht und Vertrauenspersonen benannt, an die man sich wenden kann. Doch hier gibt es noch sehr viel Arbeit zu leisten, bis diese Unternehmenswerte in der Realität lebendig sind.
Mehr als in anderen Liebesbeziehungen ist bei Job-Romanzen von Beginn die Frage dabei: Was passiert, wenn die Liebe endet? Trennungen gehören zum Leben dazu. Doch während es im privaten Umfeld meist möglich ist, nach einer gescheiterten Beziehung auf Distanz zu gehen und sich ein neues Umfeld zu schaffen, ist das im Job nicht so einfach.
All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Beziehungen am Arbeitsplatz als sensibel betrachtet werden. Zumindest hierzulande. Der Blick über die Grenzen zeigt, dass es auch anders geht: Während in den USA viele große Firmen Beziehungen unter Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich untersagen und mit Rauswurf drohen, wird aus Japan berichtet, dass die Firmen regelrechte Partnerbörsen sind.
Möge jede und jeder für sich selbst entscheiden, welche Haltung für die eigene Lebenssituation und Arbeitsvorstellung die passendere ist.
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