Anwaltsfilm-Reihe in der ARD : Siezfreundinnen im Alpenpanorama

Banker sind allesamt aasige Ausbeuter? Nach erfolgreichem Start beim ORF zeigt das Erste die Anwaltsreihe „Dennstein & Schwarz“.

Jan Freitag
Ungleiches Paar. Maria Happel (rechts) und Martina Ebm.
Ungleiches Paar. Maria Happel (rechts) und Martina Ebm.Foto: dpa

Seit sich Gerhard Delling und Günter Netzer in wohlgesinnter Distanz durch die Fußballübertragungen der ARD gekabbelt haben, ist das Deutsche um ein geflügeltes Wort reicher: Siezfreunde. Und auch wenn Skeptiker insinuierten, das Zeremonielle der Anrede sei bestenfalls manieriert, vermutlich aber bloß Show, hat man es dieser Fernbeziehung irgendwie abgekauft. Das merkwürdige Verhalten älterer Herren ist schließlich legendär. Aber dasjenige jüngerer Damen?

Paula Dennstein und Therese Schwarz sind nämlich nicht nur frischer, fescher, juveniler als Gerhard Delling und Günter Netzer, sie arbeiten zudem als Partnerinnen einer Anwaltskanzlei im österreichischen Graz, die sich zwar Tag für Tag gegenübersitzen und gelegentlich gar verteidigen, aber trotzdem verbissen das Du verweigern. Kein allzu realistisches Umfeld für so viel Förmlichkeit – es sei denn, man zieht die Vorgeschichte des weiblichen Justizduos zurate.

Vor gut zwei Jahren nämlich waren beide noch Gegnerinnen eines Zivilprozesses, bei dem Dr. Dennstein das Millionenerbe ihres hochadeligen Großvaters gegen den Anspruch des früheren Freundes von Dr. Schwarz verteidigte.

Als Titel des heiteren ORF-Dramas, das der ARD anschließend ähnlich gute Quoten bescherte, hätte also auch „Dennstein vs. Schwarz“ gepasst. Weil Erstere am Ende allerdings zum Opfer ehelichen Betrugs wurde, wobei ihr Letztere ganz unprofessionell zur Seite stand, hieß der Spielfilm „Dennstein & Schwarz“, bot also unterschwellig bereits reichlich Fortsetzungspotenzial.

Notorische Kameraflüge über die Alpen

Deshalb schwillt der Einteiler ab diesem Freitag auch im Ersten zur Reihe an und beginnt gleich nach der Gründung des gemeinsamen Büros mit Fällen, bei denen das Professionelle schwer vom Persönlichen zu trennen ist.

Erst wehrt sich der alleinerziehende Elektroinstallateur mit Paulas Hilfe gegen windige Immobilienbetrüger, dann vertritt Therese ausgerechnet ihre Kollegin im Scheidungsstreit mit ihrem untreuen Mann Felix, dessen Sippschaft ohnehin mit seiner Frau hadert. Die Fälle sind also eher „Liebling Kreuzberg“ als „Boston Legal“, und das ist nicht ganz unproblematisch.

Anders als im Berlin der 1980er-Jahre neigt die Figurenzeichnung von Michael Rowitz im idyllischen Salzkammergut der 2020er-Jahre dramaturgisch zur Übertreibung. Banker sind daher allesamt aasige Ausbeuter, Adelige arrogante Schnösel und Reporter nervig, während ihre Opfer vor lauter Rückgrat kaum sitzen können.

Notorische Kameraflüge über die Alpen sind der Authentizität dabei ebenso hinderlich wie das Gitarrenklimpern darunter. Juristen dürften zudem staunen, wie vogelwild Gerichtsverfahren im steirischen Amtsgericht ablaufen, wo Anwältinnen fleißig zwischen Familien-, Straf- und Wirtschaftsrecht wechseln.

Wenn Frau Dr. Schwarz dann auch noch mit dem Verteidiger des Mannes von Frau Dr. Dennstein eine Affäre hat, ringen die Klischees wie so oft auf dem Sendeplatz auch an den nächsten zwei Freitagen mit Recherchemängeln um Deutungshoheit. Dass „Dennstein & Schwarz“ dennoch sehenswert sind, liegt also nicht am mäßigen Drehbuch von Konstanze Breitebner; es hat mit dem Personal vor der Kamera zu tun.

Unter den Titelheldinnen macht besonders Martina Ebm als Anwaltsnachwuchs Therese eine gute Figur, der männliche Episodendarsteller wie Sebastian Hülk oder Manuel Rubey den Rücken freihalten. Dass die Siezfreundinnen das Ende vom Auftaktfall auf einem Berggipfel feiern, ist da zu verkraften.

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