Arte-Doku : Die fromme Gewalt

Die Arte-Doku "Gottes missbrauchte Dienerinnen" nimmt sich Fällen sexueller Übergriffe auf Ordensfrauen in der katholischen Kirche an.

Manfred Riepe
Die Mauer des Schweigens, mit der sexueller Missbrauch von Ordensfrauen zugedeckt wird, beginnt zu bröckeln.
Die Mauer des Schweigens, mit der sexueller Missbrauch von Ordensfrauen zugedeckt wird, beginnt zu bröckeln.Foto: Arte

Die Enthüllungen über pädophile Priester dauern derzeit noch an. Doch der Klerus wird bereits mit einem weiteren Skandal konfrontiert. Die #meToo-Bewegung hat nun die katholische Kirche erreicht. Unter dem Hashtag #nunsToo ist Doris Wagner zu einer Stimme jener zahlreichen Ordensfrauen geworden, die Opfer übergriffiger Priester wurden. In der Arte-Dokumentation „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ berichtet die ehemalige Nonne, wie ein Geistlicher des römischen Ordens „Das Werk“ sie mehrfach missbrauchte. Mit 3000 Euro wollte man sie zum Schweigen bringen.

Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Zwei Jahren recherchierten die beiden Autoren Eric Quintin und Marie-Pierre Raimbault in Deutschland, Frankreich, Kanada und im Vatikan. Ihr Film dokumentiert das Martyrium von Nonnen auf der ganzen Welt, darunter die französische Ordensfrau Michèle-France. 25 Jahre lang wurde sie von mehreren Priestern missbraucht – die zugleich ihr „geistiger Beistand“ waren. Erst elf Jahre nach seinem Tod zeigt sie einen ihrer Peiniger an. Mit einem Teilerfolg: Die Dokumentation zeigt Bilder eines Versöhnungsgottesdienstes, bei dem – erstmals in Frankreich – ein Bischof Vergewaltigungsopfer im Namen der Kirche offiziell um Verzeihung bittet. Die Aufnahmen entstanden mit versteckter Kamera.

Wie sexuelle Übergriffe quasi institutionalisiert werden, verdeutlicht der Film am Beispiel von Michèle-Frances Vergewaltiger Marie-Dominique Philippe. Der angesehene Theologe, Gründer der Johannesgemeinschaft, galt als „Guru der katholischen Kirche“. Er propagierte die sogenannte „freundschaftliche Liebe“, eine Lehre, die „Spiritualität und Sexualität verbindet“. Dem Vatikan waren seine Umtriebe bekannt. Seine Verdienste für die Kirche wurden jedoch höher bewertet. 2006 setzte man den Verstorbenen in allen Ehren bei.

System des Verschweigens

Neben diesem System des Verschweigens und Vertuschens rückt der Film die Situation betroffener Frauen in den Blick. Dokumentierte Therapiesitzungen, in denen die kanadische Psychologin Marie-Paul Ross sexuell missbrauchte Nonnen betreut, vermitteln eine Ahnung von einer „Verletzung, die die gesamte Persönlichkeit durchdringt“. Besonders Novizinnen haben zunächst keine Vorstellung davon, was ihnen widerfährt. Eine väterliche Autorität erteilt ihnen die Absolution und macht sich im selben Atemzug „zum kleinen Werkzeug Gottes“.

Besonders fatal noch ist die Situation in Missionsgebieten. Priester, die das Risiko einer Aids-Infizierung reduzieren wollen, erniedrigen Nonnen zu Sexsklavinnen. „Heilsökonomie“ nennt sich das Geschäft, bei dem Frauen mit ihrem Körper bezahlen. Im nicht seltenen Fall einer Schwangerschaft „werden sie zur schlimmsten Sünde gezwungen, die man sie gelehrt hat“. Der Film dokumentiert das Beispiel einer Ordensfrau, die im achten Monat abtreiben musste.

Die Recherchen erscheinen nicht wirklich überraschend. Verdienstvoll ist der Film allemal. Er gibt einer Opfergruppe, die bislang kaum als solche wahrgenommen wurde, eine Stimme. „Solange Priester wie Gebieter über Nonnen verfügen“, so der Tenor der Films, „bleiben diese Frauen ihre Beute.“ Kleriker wissen nur zu gut, dass ihre fromme Gewaltausübung aufgrund eines unausgesprochenen Reglements meist folgenlos bleibt.

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"Gottes missbrauchte Dienerinnen", Arte, Dienstag, 20.15 Uhr