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Schieflage der Agrarpolitik. Die EU subventioniert vorwiegend Großbetriebe und setzt damit Ein-Mann-Betriebe unter Druck.
© Elephant Adventures/Arte

Landwirtschaft in Frankreich: Arte-Doku zeigt das fatale Schicksal eines Bauern

Die französische Agrarpolitik ist in Schieflage geraten. Ein Film dokumentiert, welche Folgen das hat.

Am 20. Mai 2017 feuerte ein Polizist in der burgundischen Kleinstadt Sailly Burgund drei Schüsse ab auf Jérôme Laronze, zwei davon in den Rücken. Der Viehzüchter war sofort tot. Neun Tage lang befand er sich auf der Flucht. In seinem Betrieb wurde, wieder einmal, eine schikanenhafte Kontrolle durchgeführt, der er sich entzog. Mit seiner Übersprungshandlung wollte der 37-Jährige auf das Schicksal zahlreicher Kollegen aufmerksam machen, denen es ähnlich ergeht.

In ihrem Film rekonstruiert Gabrielle Culand die Chronik eines angekündigten Todes. Nachbarn, Kollegen und Freunde von Jérôme Laronze geben Einblicke in die Situation ländlicher Bauernhöfe und die Schieflage der Agrarpolitik. Um die internationale Konkurrenzfähigkeit zu steigern, subventioniert die EU vorwiegend Großbetriebe. Gezwungenermaßen expandieren französische Bauern. Ihre Höfe bleiben aber meistens Ein-Mann-Betriebe.

[„Tod eines Viehzüchters“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 10]

In der Folge nimmt die Arbeit überhand. Beziehungen gehen in die Brüche. Suizidgedanken verdichten sich. In Frankreich – und auch in vielen anderen Ländern – liegt die Selbstmordrate unter Bauern um etwa 50 % höher als in anderen Berufsgruppen.
Jérôme Laronze wollte eigentlich auch freiwillig aus dem Leben scheiden. Vor dem luxuriösen Anwesen einer Agrarfunktionärin, die ihn angeschwärzt hatte, wollte er sich aufhängen. Doch dann tauchte ein frei umherlaufendes Pferd auf, das sich ihm näherte.

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Eben in diesem Moment verwarf Laronze seinen Selbstmordplan. Zwei Kollegen hatten sich ja schon aufgehängt. Das hatte ihn wütend gemacht, so beschloss er zu kämpfen: gegen die Bürokratie. Seit der BSE-Krise müssen Viehzüchter die Geburt und den Tod jedes Rinds genauestens registrieren. Vor der Kamera erklärt ein Bauer, warum dieser Verwaltungsaufwand nicht nur kostspielig ist. Er schafft ein Pensum kaum zu bewältigender Arbeit. Kleinere Betriebe werden so in den Ruin getrieben.

Die Ungleichheit treibt Zornesröte in die Gesichter

Gerade Öko-Landwirte wie Jérôme Laronze, die auf Nachhaltigkeit und ökologische Qualität aus der Region setzen, haben im EU-Verwaltungsapparat keine Chance. Die Vorschriften für importiertes Rindfleisch aus Übersee sind unterdessen längst nicht so streng: Die Ungleichheit treibt den Landwirten vor der Kamera die Zornesröte in die Gesichter. Als umtriebiger Aktivist, der bei Kollegen überaus beliebt war, hatte Jérôme Laronze seit geraumer Zeit schon gegen dieses kafkaeske System protestiert. Archivfilme zeigen ihn als bodenständigen Mann, dem man ansah, dass er mit seinen Händen arbeitete.

Ein Rambo der Viehzüchter? Keineswegs.

In einem differenzierten Bericht, den er einer Lokalzeitung hatte zukommen lassen, beschrieb Laronze, wie Beamte 2017 unter bewaffnetem Polizeischutz schon zum zweiten Mal seinen Hof kontrollierten. Prüfer versuchten die Anzahl seiner Tiere zu dokumentieren. Dabei stellten sie sich so stümperhaft an, dass Kühe in Panik gerieten und sich gegenseitig zu Tode trampelten.
„Ich war immer höflich und habe die Kontrolleure mit Respekt behandelt“, erklärte Laronze einem Lokaljournalisten am Telefon. „Aber an diesem Tag ist die Wut des Gerechten mit mir durchgegangen.“ Zunächst auf dem Traktor, später mit dem Pkw, begab er sich auf die Flucht. Er wollte so die Situation der Bauern in die Öffentlichkeit tragen.
Ist Laronze ein französischer Rambo der Viehzüchter? Keineswegs. Er war „ein umgänglicher Typ, der noch nie strafrechtlich aufgefallen war“. In Frankreich gilt der ehemalige Sprecher der Bauerngewerkschaft von Saône-et-Loire sich als Märtyrer. Gegenwärtig entsteht ein Kinofilm über sein Schicksal. Die Dokumentation über Laronze macht betroffen und schließt eine Lücke. Denn hierzulande hat niemand über ihn berichtet.

Manfred Riepe

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