"Berliner Zeitung" : DuMont plant laut Bericht Verkauf der Zeitungssparte

Zeitungen wie die "Berliner Zeitung" könnten bald den Besitzer wechseln. Denn die DuMont Mediengruppe suche Käufer, heißt es in einem Bericht.

Das Medienhaus M. DuMont Schauberg, in Köln.
Das Medienhaus M. DuMont Schauberg, in Köln.Foto: picture alliance / Oliver Berg/d

Und das mitten im Karneval: DuMont plant, sich von sämtlichen Regionalmedien wie zum Beispiel dem "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Berliner Zeitung" zu trennen. Das ergebe sich laut Branchendienst Horizont aus einem Verkaufsprospekt der Beratung Goetzpartners für DuMont. DuMont hat den Bericht auf Anfrage nicht bestätigt, bislang heißt es nur, "zu Gerüchten" werde DuMont "grundsätzlich keine Stellung beziehen".

Den Unterlagen zufolge plant DuMont, sich vom "Kölner Stadt-Anzeiger", dem "Express", der "Berliner Zeitung", dem "Berliner Kurier", der "Mitteldeutschen Zeitung" und der "Hamburger Morgenpost" sowie allen Druckereien und Anzeigenblättern zu trennen. Mögliche Käufer sollen die Offerte zum Jahresbeginn erhalten haben. Neben einem Gebot sollen die Interessenten auch einzelne Bestandteile bewerten - eventuell könnten also auch einzelne Titel an einzelne Käufer gehen.

Für den Zeitungsexperten Horst Röper ist diese Maßnahme mehr als ungewöhnlich, mal ganz zu schweigen davon, dass die Verkaufsgerüchte die Kollegen des "Kölner Stadt-Anzeigers" mitten im Karneval erwischt. "Verstehen kann man das nicht." DuMont-CEO Christoph Bauer, so Röper, sei kein Zeitungsmann, er stehe damit nicht im Geiste der Familiendynastie Neven DuMont. Sicher gebe es in der Branche Interessenten für Abo-Titel wie den "Kölner Stadt-Anzeiger" oder auch die "Berliner Zeitung", für Boulevardtitel wie den "Kölner Express" oder den "Berliner Kurier" sehe das aber schon ganz anders aus.

Egal, was nun an den Verkaufsgerüchten dran ist - potenzielle Interessenten (wie zum Beispiel die Funke-Gruppe, der die "Berliner Morgenpost" gehört) für eine Regionalzeitung à la "Berliner Zeitung" müssten sich mit dem Wettbewerbsrecht beschäftigen, eventuell auch mit der Sanierungsfusions-Klausel des Kartellamtes. Demnach könnten Fusionen/Käufe genehmigt werden, wenn ein Unternehmen nachweislich von Insolvenz bedroht ist.

Die Entwicklung der verkauften Auflagen in der Zeitungsgruppe zeigt die Dramatik. Jens Schröder, Statistikexperte bei meedia.de, hat ausgerechnet, dass die Regionaltitel im Vergleich der vierten Quartale 2008 zu 2018, von 1 072 220 Exemplaren auf 605 633 Exemplare bei Abo und Einzelverkauf gesunken sind. Das ist ein Minus von 43,5 Prozent, der Wert für alle deutschen Tageszeitungen liegt in diesem Zeitraum bei 36,2 Prozent. Die Zahlen für die Boulevardzeitungen aus dem Hause DuMont sind noch weitaus schlimmer - der "Express" für Köln, Düsseldorf und Bonn verlor 57,1 Prozent.

Kritik vom Journalistenverband

Der Deutsche Journalisten-Verband sieht in einem möglichen Verkauf der Regionalzeitungen der Mediengruppe DuMont einen „verlegerischen Offenbarungseid“. DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall erkennt in den vom Fachdienst „Horizont“ vermeldeten und von DuMont nicht dementierten Plänen, alle Zeitungstitel abzustoßen, einen weiteren Beleg für eklatantes Managementversagen in der Branche. Obwohl die Zeitungstitel nach wie vor Gewinne erwirtschafteten und die Notwendigkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten von Fake News und Twittertrollen täglich wachse, sei das verlegerische Verantwortungsgefühl völlig abhanden-gekommen.

„Jetzt muss die Politik ihre Verantwortung für die Meinungsvielfalt und den Qualitätsjournalismus ernst nehmen“, sagt der DJV-Vorsitzende. „Die Privilegien, die die Verlage genießen, sind an die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Aufgabe geknüpft. „Ohne gesellschaftlichen Mehrwert keine Reduzierung der Mehrwertsteuer und kein Tendenzschutz!“

Von der DuMont-Chefetage erwartet Überall, die Verkaufspläne ad acta zu legen: „Bekennen Sie sich stattdessen zu den verlegerischen Werten, mit denen Alfred Neven DuMont Ihr Verlagshaus groß gemacht hat!“

Am Dienstagnachmittag eine erste Reaktion aus Köln. Ende 2018 habe DuMont seine Neuausrichtung zu einer Mediengruppe mit drei Geschäftsfeldern planmäßig abgeschlossen, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. „Diesen Zeitpunkt nutzen wir, um die zukünftige Strategie des Gruppenportfolios zu entwickeln und somit die zukunftsfähige Aufstellung des Unternehmens sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund werden derzeit verschiedene Handlungsoptionen entwickelt.“

Dies beinhalte unter anderem auch die mögliche Veräußerung von Teilen des Portfolios der Mediengruppe. Eine derartige Überprüfung der Strategie finde üblicherweise regelmäßig in einem Unternehmen statt, so auch bei DuMont. Aktuell gebe es weder konkrete Ergebnisse noch Entscheidungen dazu.

Dennoch: Der Aufschrei in der Branche ist groß. Vom "Ende eines Dynastie" ist die Rede. DuMont war und ist eines der größten und ältesten Zeitungshäuser der Republik. Die Wurzeln der Gruppe liegen in den Anfängen des 17. Jahrhunderts. Das Haus wird in der zwölften Generation geführt. Vor allem der "Kölner Stadt-Anzeiger", erstmals erschienen 1876, wird mit dem Namen Neven DuMont genauso eng verbunden wie mit dem Kölner Dom.

Andere Zeitungen kamen hinzu. Version. 2006 erwarb DuMont 25 Prozent der israelischen Haaretz-Gruppe. In einer Phase der Umbrüche und Konsolidierungen am deutschen Zeitungsmarkt hatte DuMont darüberhinaus 50 Prozent der Anteile der "Frankfurter Rundschau" übernommen. 2009 folgten Titel des Berliner Verlags ("Berliner Zeitung") sowie die "Hamburger Morgenpost". Im April 2010 wurde unter Leitung von Brigitte Fehrle (Chefredaktion) die DuMont Redaktionsgemeinschaft gegründet, die die "Berliner Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung" mit überregionalen Inhalten versorgte.

Kritiker warnten in der Folge vor weiterer Zusammenlegung von Ressorts und dem Austausch von Artikeln bei "Berliner Zeitung", "Frankfurter Rundschau" und anderen Zeitungen des Verlags. Im März 2015 wurde die DuMont Redaktionsgemeinschaft in DuMont Hauptstadtredaktion umbenannt.  Im Oktober 2018 legten die DuMont Mediengruppe und das RedaktionsNetzwerk Deutschland der Madsack Mediengruppe ihre Hauptstadtredaktionen zusammen. Hierfür wurde die RND Berlin gegründet, an der das RedaktionsNetzwerk Deutschland mit 75 Prozent beteiligt ist und die DuMont Mediengruppe mit 25 Prozent. Parallel dazu investierte DuMont in neue, digitale Geschäftsfelder: mit Beteiligungen im Adtech-Business.

Käufe, Fusionen, Zusammenlegungen, Digitales - CEO Christoph Bauer versucht seit Jahren, den Umbau des Medienhauses an der Amsterdamer Straße in Köln voran zutreiben. Nun hat es den Anschein, als wollte ein über 400 Jahre gewachsenes Zeitungshaus, vier Jahre nach dem Tod von Patriarch Alfred Neven DuMont, endgültig keine Zeitung mehr verlegen.

In der Redaktion der "Berliner Zeitung" wurde auf die Pläne "sauer" reagiert, sauer auch darauf, dass das Blatt in manchem Medienbericht bereits als "klinisch" tot beschrieben wurde. Das sei ein Affront mit Blick auf die tatsächlichen Leistungen

BDZV-Sprecherin kann sich staatliche Hilfen vorstellen

Die Überlegungen bei DuMont zeigen auch, dass in manchem Zeitungshaus Ratlosigkeit, ja Panik besteht, was die Zukunft angeht. Erste Stimmen werden laut, die nach staatlicher Unterstützung rufen. Anja Pasquay, Pressesprecherin des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, sagte dem Tagesspiegel: "Der Staat soll sich natürlich auf gar keinen Fall um ,die Gesellschaftsaufgabe' Zeitung im Sinne einer medialen Grundversorgung kümmern. Staatspresse wäre eine Bankrotterklärung der Demokratie." Die Verlagsunternehmen könnten und würden selbst für die Grundversorgung der Bevölkerung mit relevanten Nachrichten und Informationen sorgen.

Zugleich wies Pasquay darauf hin, dass "die Zustellkosten aber in den letzten Jahren aufgrund staatlicher Eingriffe explodiert sind, die Zustellung betriebswirtschaftlich oft nicht mehr sinnvoll darstellbar ist". Der rein technische Bereich, das Zustellnetz für Abonnementzeitungen, sei eine demokratierelevante Infrastruktur. Es wäre legitim und sachgerecht, diese Infrastruktur durch eine Förderung sicherzustellen", so die BDZV-Sprecherin.

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