"Bier Royal" im Zweiten : Da schimmert nix

Der ZDF-Zweiteiler „Bier Royal“ sucht vergeblich Anschluss ans Meisterwerk „Kir Royal“ von Helmut Dietl

Nikolaus von Festenberg
Kaum ist Franz-Josef Hofstetter unter der Erde, beginnt auch schon der Kampf um das Erbe. Seine zweite Ehefrau Gisela (Gisela Schneeberger, links) streitet mit ihrer Stieftochter Vicky (Lisa Maria Potthoff), die mit Ehemann Dan (Michael Klammer, Zweiter von rechts) die Brauerei übernehmen will. Auch Geschäftsführer Maxlhuber (Robert Palfrader) mischt mit.
Kaum ist Franz-Josef Hofstetter unter der Erde, beginnt auch schon der Kampf um das Erbe. Seine zweite Ehefrau Gisela (Gisela...Foto: ZDF

Trinkerweisheit, Fernsehweisheit, Weltweisheit: Wein auf Bier, das rat ich dir. Bier auf Wein, das lass sein. Dabei klingt die Idee auf den ersten Blick verlockend.

Wie wäre es, mit heutigen Spitzenschauspielern wie Gisela Schneeberger, Lisa Maria Potthoff, Ulrike Kriener, Robert Palfrader, Marianne Sägebrecht, einer Kreativinnencrew aus Carolin Otto (Buch), Christiane Balthasar (Regie) und den Produzenten Heike Voßler und Oliver Berben eine „große Familienkomödie“ (ZDF-Redaktionsleiter Fernsehspiel II Günther van Endert) zu machen? Eine, die allein schon durch das Wortspiel im Titel um die Nähe zu „Kir Royal“, dem TV-Ereignis von 1985 weiß.

Am Montag und am Mittwoch ist im ZDF der dramaturgische Nachbau auf dem Gelände des Zauberschlosses von Helmut Dietl zu besichtigen. Aber ach, Kir wurde zu Bier, und es entstand ein, pardon, Harakiri. Der neue Zweiteiler kann wenig retten von der Leichtigkeit, wie sie in den achtziger Jahren der Filmentstehung herrschte, von den Fluchten in Ironie und Distanz, von der Melancholie über den Sieg des Geldes.

Der grandios aufgeführte Zweikampf aus der Ur-Kir-Serie zwischen dem Klatschjournalisten Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) und dem rheinischen Geldsack Haffenloher (Mario Adorf, „Baby, isch zerquetsch’ disch wie ne Laus“) um den Zutritt ins Partyherz der Münchner Schickeria – er ist erledigt. Linke Läuse weg, Verlegerin (Ruth Maria Kubitschek) samt Anzeigen am Aussterben, Schickeria hinter der Maske des Geldes verschwunden. Der Zaster hat die Sünde unsinnlich gemacht. Da reicht wohl Bier.

Zahlen treiben den Film

Der neue Bier-Royal-Film muss sich auf ein Erzählen einstellen, das von Zahlen angetrieben wird. Das Interesse an den nach dem Tod des Patriarchen um die Macht in der Brauerei kämpfenden Frauen, an dessen zweiter Gattin Gisela (Schneeberger) und dessen Tochter aus erster Ehe, Vicky (Potthoff), ist stets real und nicht wie bei Dietl als herrlich sinnloses, leichtfüßig Theater zu verstehen.

Für ein Lustspiel sehr ausführlich werden nach dem Erbfall neue Formationen im Aufsichtsrat der Brauerei erörtert, die Verteilung der Besitztümer, die gastronomische Ausrichtung zwischen Tradition (Gisela) und modischer Zukunft (Vicky und ihr Faible für vegane Weißwurst). Witz und Schlagfertigkeit erheitern selten die ökonomischen Diskurse.

Das Geschäftliche breitet sich aus, seine menschelnden Verkleidungen werden als das erkennbar, was sie sind: Nebensachen. Manches muss ganz ausfallen, was noch in Ur-Kir schäumte. Prominentenveralberung zum Beispiel – 1985 erste Ironiepflicht – kommt nicht vor. Was sind Söder und Rummenigge gegen einen Franz Josef Strauß? Im Museum für bajuwarisches Promi-Allotria findet das Buch altbekannte Weißwurstantike, die das Mittagsläuten längst gehört hat.

Eine in schräge Immobiliengeschäfte verwickelte Oberbürgermeisterin (Ute Willing) und Busenfreundin der Brauerwitwe Gisela schmeckt nach Alt-Amigo, der nekrophile Sargschläfer und missratene Brauersohn Patrick (Franz Pätzold) nach dem Muff des Panoptikums. Die entlassene Hausperle Rosa (Marianne Sägebrecht) schafft es trotz Dackel und daueraufgeregtem Freund (Fred Stillkrauth) nicht, den Spott aus der Perspektive kleiner Leute zum Funkeln zu bringen.

Mehr lächerlich als zum Lachen

Eher lächerlich als zum Lachen ist, was der neue Film aus dem Erbe von Baby Schimmerlos macht. Wo der Klatschjournalist von einst stolz verbitternd den Untergang der freien Boulevardpresse zum selbstironischen Denkmal erhebt, macht Ulrike Kriener aus ihrer Journalistinnenrolle, die „rote Renate“, eine bloß aufdringliche Nebenfigur.

Nicht ehrenrührig – was ist für viele schon der Wert des journalistischen Blicks –, aber ein Verlust an Differenzierung. Besonders die Protagonistinnen Lisa Maria Potthoff und Gisela Schneeberger verdorren, weil weder Drehbuch noch Regie die Scheinvernunft der ökonomischen Sachzwänge aufzubrechen vermögen.

Künstlerischer Tiefpunkt und weiteste Entfernung von einem alten und ewig jungen Meisterwerk des Fernsehens: Wenn der verräterische Intrigant der Komödie (Robert Palfrader) eine riesige Unterhose des fetten Nazireichsmarschalls Hermann Göring aus seiner Kultvitrine hervorholt.

„Bier Royal“, ZDF, Montag und Mittwoch, 20 Uhr 15

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