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Bradley Iyamu hat die Black Universe Agency in Hamburg gegründet.
© Riopap/Black Universe Agency

Agentur für PoC's: Damit Diversität kein Schlagwort bleibt

Bradley Iyamu betreibt die Black Universe Agency für Persons of Colour in Film und Fernsehen.

Die deutsche Gesellschaft ist vielfältig. Nicht nur haben die Menschen verschiedene Geschlechter, sie gehören Religionsgemeinschaften an oder nicht, sehen unterschiedlich aus: Sie sind groß, klein, dick, dünn, hellhäutig oder dunkel, haben Locken, glattes oder gar kein Haar. Das ist nichts Neues? Wer deutsches Fernsehen guckt, könnte das aber denken. Denn die Hauptprotagonisten dort sind nach wie vor überwiegend männlich und weiß.

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Das zeigen unter anderem Studien des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock, die von der MaLisa-Stiftung und den vier großen öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sendergruppen in Deutschland gefördert wurden. Frauen sind demnach unterrepräsentiert, genauso wie Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung. Und: „Während sie schätzungsweise rund zehn Prozent der Bevölkerung stellen, können nur rund fünf Prozent der Protagonist*innen oder Hauptakteur*innen als Schwarz oder People of Colour gelesen werden“, heißt es dort.

40 Darstellerinnen und Darsteller

Das muss sich ändern, daran arbeitet Bradley Iyamu. Der Hamburger hat vor fünf Jahren die Schauspielagentur Black Universe Agency gegründet. Mittlerweile vertritt er rund 40 Darstellerinnen und Darsteller – „überwiegend People of Colour“, wie er sagt. „So traurig es ist, es war leider nötig, diese Agentur zu gründen.“ Denn obwohl es zwei Jahrzehnte her ist, dass Hollywood-Schauspielerin Halle Berry den ersten Oscar als afroamerikanische Hauptdarstellerin gewann und in der ältesten deutschen Krimiserie, dem „Tatort“, in Göttingen nun seit drei Jahren Florence Kasumba als Anaïs Schmitz ermittelt, scheint sich wenig getan zu haben in der Branche.

„Farbigen Darstellerinnen und Darstellern werden immer noch überwiegend Klischee-Rollen angeboten – Männer sollen Drogendealer oder Flüchtlinge spielen, die Frauen Prostituierte oder Putzfrauen“, sagt Iyamu. „Wir wollen das ändern. Wir wünschen uns Storylines hinter den Charakteren, Figuren, die sich entwickeln. Unsere Schauspieler sollen zeigen können, was sie drauf haben – in interessanten Hauptrollen, bei denen der Fokus nicht allein auf ihrem Aussehen liegt.“

Liz Baffoe gehört zu den 40 Darstellerinnen und Darstellern in der Black Universe Agency.
Liz Baffoe gehört zu den 40 Darstellerinnen und Darstellern in der Black Universe Agency.
© Riopap/Black Universe Agency

Es müsse nicht gleich das sogenannte „colorblind casting" wie etwa in der Netflix-Serie „Bridgerton“ sein. In der am britischen Hof Anfang des 19. Jahrhunderts verorteten fiktionalen Serie wurden die Hauptrollen unabhängig von der Hautfarbe der Darstellerinnen und Darsteller besetzt.

Manche seiner Klienten seien in ihren vorigen Agenturen quasi als „Karteileichen“ verstaubt, wenn sie sich nicht bereit zeigten, jederzeit Klischee-Rollen anzunehmen und so immerhin Provisionen einzuspielen, sagt Iyamu. „Wir pushen unsere Schauspielerinnen und Schauspieler, verschaffen ihnen gute Castings und geben ihnen die Freiheit, sich aussuchen zu können, ob sie einen Job machen wollen oder nicht. Niemand muss eine Absage begründen.“

Produktionen in den USA oder in Frankreich, England und Skandinavien zeigen seiner Ansicht nach bereits mehr Vielfalt als hierzulande. „In Deutschland tut man sich schwer damit, PoC ganz normal in Hauptrollen zu besetzen.“ Dass sich dadurch große Teile des Fernsehpublikums von den Filmen, Serien und Shows der TV-Sender nicht angesprochen fühlen, sieht er als Grund dafür, dass gerade Jüngere immer mehr auf Streaming-Dienste setzen. „Die internationalen Produktionen bilden die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen einfach besser ab.“

Mehr Diversität hinter der Kamera!

Dabei brennt Iyamu, der selbst aus dem Musikbusiness kommt und als Regisseur bereits mit „T.H.U.G – True Hustler Under God“ 2016 einen Kinofilm auf die Leinwand gebracht hat, für die hiesige Filmbranche: „Deutschland hat so viel zu erzählen, aber wenn man uns ausgrenzt, gibt es immer nur dieselben Stories zu sehen.“ Seinen Job als Agenturchef versteht er deshalb auch als politische Mission: „Wir müssen zusammenhalten, unsere Stimme erheben und für uns eintreten.“ Weil in seiner Agentur People of Colour überwiegen, werde mehr auf die individuellen Eigenschaften geschaut. Damit sich aber wirklich etwas ändere, sei auch hinter der Kamera Diversität nötig: „Das fängt schon bei den Drehbuchautoren an.“

Seine Agentur laufe gut, er erhalte täglich Anfragen. „Das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Früher war es sehr schwer, jetzt ist es nur noch schwer.“ Jeden Tag erreichen ihn zig Bewerbungen. Voraussetzung dafür, dass er jemanden in seine Kartei aufnimmt, seien gute Arbeitsproben in Form von Showreels, ein interessanter Lebenslauf, und bei Nachwuchsdarstellern „Talent, Lust und ein langer Atem“.

Bekannt aus "4 Blocks"

Und so finden sich bei Black Universe Agency Kinder, die schon beim Musical „König der Löwen" mitgemacht haben und ihre Leidenschaft weiter professionalisieren wollen, aber auch etablierte Schauspielerinnen wie Liz Baffoe, bekannt aus der „Lindenstraße“, oder Prince Kuhlmann, der zum Beispiel in „4 Blocks“ zu sehen war.

Bradley Iyamu empfindet sich als Kopf einer großen Agenturfamilie, fördert den persönlichen Kontakt zwischen seinen Künstlern. Er ist überzeugt: „Wenn einer von uns eine Rolle bekommt, hilft das uns allen.“ Die Black Universe Agency sei so einzigartig in Deutschland. Iyamu ist gleichzeitig stolz und kämpferisch: „Dass es uns überhaupt geben muss, ist eigentlich traurig, aber letztendlich schaffen Fernsehbilder Realitäten. Deshalb ist unsere Arbeit wichtig.“

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