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Nach dem Vortrag ist vor der Diskussion: Bernhard Pörksen (zweiter von rechts) erläutert seine Thesen zum Informationskrieg.
© Stefanie Loos/re:publica

Was uns der Informationskrieg lehrt: Desinformation präventiv entwerten

Bernhard Pörksen will statt nachträglicher Widerlegung von Desinformation lieber deren vorausschauende Demontage

Die Invasion der russischen Armee in der Ukraine hat auch einen nie dagewesenen Informationskrieg ausgelöst. Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gibt es insbesondere drei Themen und Schlüsselfragen, die sich daraus ergeben. Sie sein auch jenseits des aktuellen Schreckens und für andere gesellschaftliche Konfliktfelder bedeutsam seien, wie er auf der re:publica betont hat.

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Als erste Lehre Pörksen, müssten die Erkenntnisse der Kommunikationspsychologie politisch und gesellschaftlich genutzt werden. „Wir sehen ja am Beispiel von Russland, wie mächtig Propaganda im Verbund mit politischer und militärischer Macht sein kann.“ Wichtig ist dabei die Frage: Wie erreicht man Menschen, die man kaum noch oder eigentlich nicht mehr erreicht? Wie spricht man, wenn die Propaganda-Narrative sehr mächtig sind? Wie lassen sie sich rechtzeitig und effektiv brechen?

Schwarzeneggers Intervention

Aus seiner Sicht war besonders aufschlussreich, so komisch das klingen mag, die Intervention von Arnold Schwarzenegger, seine Videoansprache an die Russinnen und Russen. Warum? Weil Schwarzenegger hier die Erkenntnisse der Kommunikationspsychologie eines Paul Watzlawick oder Friedemann Schulz von Thun perfekt nutzt. „Nur eben nicht therapeutisch und für das Individualcoaching, sondern politisch, öffentlichkeits- und massenwirksam, gesellschaftsbezogen.“ Darin steckt für Pörksen ein entscheidender Gedanke: die Kommunikationspsychologie politisch zu nutzen, sie aus dem Mikrokosmos des Privaten und Beruflichen lösen und auf den Makrokosmos des Öffentlichen und Gesellschaftlichen übertragen. Übrigens auch im Umgang mit fanatisierten Impfgegnern.

Vorrauschauende Desinformationsbekämpfung

Die zweite Lehre liegt für den Medienwissenschaftler in der vorausschauenden Desinformationsbekämpfung – vom „debunking“ muss es zum „prebunking“ gehen. „Auffällig ist, dass während dieses Krieges Desinformation präventiv, vorausschauend widerlegt wird. Das sei eigentlich schon vor Kriegsbeginn losgegangen, als Putins Leute behaupteten, man werde gar nicht einmarschieren, und die unterschiedlichsten Player ihnen dies nicht durchgehen ließen. In dieser präventiven Demontage von Propaganda-Narrativen liege eine wichtige Einsicht, so Pörksen, Auch wenn es um andere Themen wie Corona-Mythen und Klimawandel-Leugnung gehe. „Man kann zeigen: diese Form der Desinformationsbekämpfung funktioniert ziemlich gut.“ Statt nachträglicher Widerlegung („debunking“) eine proaktive Entwertung, eine vorausschauende, präventive Demontage („prebunking“). Man muss dafür allerdings das Milieu des Gegners erkundet haben.

Medienbildung

Pörksen sprach sich für Medienbildung als angewandtem Demokratieschutz aus. Für ihn zeige am Beispiel dieses Informationskrieges erneut, wie wichtig Medienbildung ist oder doch sein sollte. Sie ist die entscheidende Form der voraus schauenden Desinformationsbekämpfung. Er selbst arbeite ja in Richtung einer Bildungsvision, die er die „redaktionelle Gesellschaft“ nenne. „Es ist großartig, wie Journalistinnen und Journalisten aktuell die effektive Medienbildung vorantreiben“, sagte Pörksen. Beispielsweise mit der Initiative "Journalismus macht Schule".

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