Deutscher Kulturrat zum Thema Games : „Monika Grütters, übernehmen Sie endlich!“

Am 27. August startet die Gamescom. Ein Gespräch mit dem Gamesverband und dem Deutschen Kulturrat zu Videospielen als Kulturgut und kafkaesken Förderpraktiken.

Giacomo Maihofer
Games sind als Kulturgut seit jeher digital, von einer rein digitalen Gamescom können andere im besten Fall sogar etwas lernen, meint die Branche. Für die Grafik des Spiels „Kentucky Route Zero’“ gilt das sicherlich.
Games sind als Kulturgut seit jeher digital, von einer rein digitalen Gamescom können andere im besten Fall sogar etwas lernen,...Screenshot: Promo

Viele große Messen im Videospielbereich wurden abgesagt. Die Gamescom findet zumindest online statt. War das eine schwierige Entscheidung?
FALK: Für uns war schnell klar, dass wir die Gamescom nicht einfach ausfallen lassen, sondern sie rein digital auf den Weg bringen wollen. Games sind als einziges Kulturgut schon immer digital gewesen. Da muss es als Games-Branche gerade in dieser schwierigen Situation unser Anspruch sein, auch mit der Gamescom gute, digitale Lösungen zu entwickeln, von denen hoffentlich auch andere lernen können.

Der Deutsche Kulturrat und der Verband Game bringen zur Gamescom ein „Handbuch zur Gameskultur“ heraus. Sie wollen damit die Facetten des Kulturguts Videospiele zeigen. Inwiefern?
ZIMMERMANN: Wir haben das Who is Who der deutschen Videospielforschung gebeten, sich mit der Frage auseinanderzusetzen. Sie nähern sich dem Thema beispielsweise von der ästhetischen Philosophie oder der Musikwissenschaft her. Im Bereich der Computerspiele muss noch viel aufgearbeitet werden. Das ist das ideale Feld für junge Wissenschaftler, um sich richtig auszutoben. Damit fangen wir jetzt an. Beide Seiten, der Kulturinteressierte aber auch der Gamer, werden in dem Buch neue Dinge über das Medium entdecken. Und das kann auch dabei helfen, enger zusammenzukommen.

Herr Zimmermann, haben Sie in der Pandemie auch öfter zum Controller gegriffen?
ZIMMERMANN: Der Felix Falk muss ja von Berufs wegen spielen, ich darf spielen. Für mich ist es einer der schönsten Zeitvertreibe, ich liebe langsamere Simulationsspiele. Gerade spiele ich den „Flight Simulator“ von Microsoft. Das erfreut mein Herz. Etwas tun zu können, was ich im wirklichen Leben nie tun kann, abschalten und mich einfach im Spiel treiben lassen. Eine wunderbare Entspannung.

Herr Falk, in der Pandemie verbuchen milliardenschwere Konzerne wie Activision Blizzard Rekordgewinne. Mittelständische Unternehmen und Indieentwickler kämpfen hingegen um ihre Existenz. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
FALK: Man kann hier keine pauschale Trennung zwischen Groß oder Klein machen. Wer jetzt Menschen mit einem aktuellen Spiel erreichen kann, dessen Nutzerzahlen gehen häufig nach oben. Aber es gibt auch in Deutschland viele Studios, die mitten im Entwicklungsprozess stecken. Da sieht es schwieriger aus. Gerade die Hochtechnologie zur Games-Entwicklung kann nicht einfach mal ins Home-Office verlagert werden.

Es heißt, die Hälfte der Deutschen spielt – ist das nicht ein Mythos? In solche Statistiken gehen ja auch Leute ein, die mal am Handy „Solitär“ spielen.
ZIMMERMANN: Ich finde Games gehören wie Kino zur Konsumkultur dazu. Es gibt eine Breitenkultur, das sind die Leute, die gehen in den neuen Kinofilm und spielen vielleicht ein bisschen auf ihrem Handy. Aber es gibt natürlich in jedem Bereich eine Hochkultur. Bei Games sind das die Nerds, die sich jedes neue Spiel in einem persönlichen Wettkampf erobern, so wie ich das als Gelegenheitsspieler nie könnte. Das sind die Opernbesucher des Gamesmarkts.

Felix Falk, Jazzmusiker und Geschäftsführer des Game-Verbandes.
Felix Falk, Jazzmusiker und Geschäftsführer des Game-Verbandes.Fotos: D. Mathesius

Videospiele sind aus einer Kultur erwachsen, die von weißen, tech-affinen, jungen Männern geprägt wurde. Die Branche wird heute noch von diesem Typus dominiert.

ZIMMERMANN: Ich habe über die Jahre jede Computerspielmesse in Leipzig und Köln besucht. Das Publikum hat sich stark geändert. Es ist heute ein bunter Mix. Die Zeiten, in denen man sagen konnte, die Szene besteht aus pickligen Jungs, die im Keller hocken, ununterbrochen spielen und Pizza essen, gehören der Vergangenheit an.

FALK: Dieses Klischee stimmte noch nie. Richtig ist aber, dass die Diversität in der Games-Kultur besonders groß ist und immer vielfältiger wird. Heute sind 47 Prozent der Spielenden Frauen.

Aber nur 25 Prozent der Entwicklerinnen. Bei einer Umfrage der Game Developers Conference identifizierte sich nur ein Prozent als Schwarze. Kein großes Spieleunternehmen hat einen schwarzen CEO. Die fehlende Diversität kann man doch nicht wegdiskutieren.

FALK: Wir haben als Branche eine Initiative ins Leben gerufen, die heißt „Hier spielt Vielfalt“. Da sprechen wir uns für mehr Diversität und gegen Rassismus oder Sexismus aus. Die Zahl der Frauen ist jetzt schon höher als in den meisten anderen Kreativ- und Technologiebereichen. Aber damit geben wir uns noch lange nicht zufrieden, sondern arbeiten daran, dass es noch mehr werden. Es gibt zudem keinen Bereich, der so multikulturell ist wie die Spielebranche. In einem Entwicklerteam mit 100 Mitarbeitern sind meistens 25 und mehr Nationalitäten beheimatet. Von dieser Vielfalt lebt die Gameskultur.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.Foto: Tim Flavor

Deutschland ist der größte Absatzmarkt für Spiele in Europa. Aber deutsche Games sind nach wie vor selten international relevant. Seit 2019 gibt es jährlich 50 Millionen Förderung vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) für die nationale Computerspielbranche. Sind Sie zufrieden?

FALK: Wir sind froh, dass es parteiübergreifend einen Konsens gab, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Geld würde auch ausreichen, wenn es auch fließen würde.

Bisher wurden nur zehn Millionen von insgesamt 100 Millionen Euro für beide Jahre ausgeschüttet. Besonders kleine Entwicklerteams klagen über kafkaeske Auflagen und lähmende Bürokratie. Es sind auch schon Geschichten bekannt, dass die Förderung zum Ruin einzelner Unternehmen geführt hat. Ein Game Designer schrieb kürzlich: "Sie vernichtet Startups". Klingt das nicht nach einer Totgeburt?

FALK: Es klingt nach einer schwierigen Geburt. Für Anfangsschwierigkeiten kann man Verständnis haben. Aber der Anfang ist jetzt vorbei. Jetzt muss es deutlich reibungsloser und schneller laufen. Sonst machen wir uns auch international irgendwann lächerlich. Aber ich freue mich, dass der verantwortliche Verkehrs- und Digitalminister Scheuer versprochen hat, dass er Freitag auf der Gamescom gute Neuigkeiten zur Förderung verkünden wird.

ZIMMERMANN: Ich finde, die Kulturstaatsministerin muss hier auch endlich aktiv werden und sich um die Games-Förderung selbst kümmern. Wir haben genügend kreative Entwicklerinnen, damit eine ganze Menge aus Deutschland auf den Weg gebracht werden kann. Monika Grütters, übernehmen Sie endlich!

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