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Weil die DSDS-Quoten unter Jurychef Florian Silbereisen (links) weiter gesunken sind, wird Dieter Bohlen für die 20. und letzte Staffel reaktiviert. Mit Silbereisen entwickelt RTL neue Formate.
© Daniel Bockwoldt/Peter Kneffel/dpa
Update

20. und letzte Staffel von DSDS: Deutschland sucht den Bohlen

„DSDS“-Übervater Dieter Bohlen kehrt zurück in die Jury und verspricht eine „Hammershow“. Mit Florian Silbereisen hat der Sender andere Pläne.

Als ob es nicht schon genug Probleme zu lösen gäbe, kommt jetzt dieses dazu: Soll Dieter Bohlen wieder als Chefjuror beim RTL-Format „Deutschland sucht den Superstar“ agieren? Der 68-Jährige war von 2002 an 19 Jahre und 18 Staffeln lang der Motor, der „DSDS“ Übervater, der Pop-Titan hatte sich die Castingshow zu eigen gemacht wie Thomas Gottschalk „Wetten, dass?“ beim ZDF. Bohlen hatte gespürt oder begriffen, dass hier auch nicht ein Superstar ernsthaft gesucht wurde, sondern ein Fernsehpublikum über die Ausstrahlungszeit der Show bestens unterhalten werden sollte. Gerne auf Kosten der Kandidatinnen und der Kandidaten, gerne auf Kosten der Wer-auch-immer-Mitjuroren.

Was zunächst in der Branche kolportiert wurde, hat RTL am Mittwoch bestätigt. Bohlen kommt, Silbereisen und die übrige Jury gehen. Und nicht nur das. Die 20. Staffel von DSDS wird zugleich die letzte sein. Dieter Bohlen verspricht den DSDS jedenfalls eine "Hammershow".

Dieter Bohlen, der Rudelsführer, lästerte, empörte, Auftritte aus der – Entschuldigung – „Arschloch“-Perspektive. Aber irgendwann und spätestens 2021 war der Mario-Barth-gleiche-Witz gerissen, die permanente Bräune in Bohlens Gesicht leicht angegraut, immer noch kein Superstar gefunden.

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RTL suchte den Game Changer – und fand Florian Silbereisen. „Herr Supernett“ hatte sich ins Herzen eines nicht kleinen Publikums gesungen und gesendet, mit seiner umarmenden Freundlichkeit, Silbereisen wollte und will nie Opfer auf der Showbühne produzieren, als Chefjuror konnte er loben und ermutigen – aber immer noch keinen Superstar ausmachen. Und die Quoten sanken weiter. Erkennbar, dass der brave Silbereisen im Kreise seiner Schlagerfreunde eine wahre Größe ist und als erklärter Positivist und engagierter Kapitän auch das „Traumschiff“ des ZDF nicht zum Kentern bringen wollte.

Und ob zynisch oder nicht, die menschlichere Ausrichtung von „DSDS“, die Silbereisenisierung brachte nicht den Umschwung, für die Hardcore-Fans ist Bohlen der wahre Einschaltgrund, hier wurde das Grundbedürfnis des Ablästerns (wenn nicht Mobbens) aufs Beste erfüllt.

Das Problem von DSDS liegt tiefer

Nein, sollte der 40-jährige Silbereisen den Chefsessel bei „DSDS“ räumen müssen, ist das keine Niederlage. SF hat gegeben, was SF geben konnte, und er wird in seinen akzeptierten Silbereisen-Rollen auf der Fernsehbühne weiter resüssieren. Das Problem von „Deutschland sucht den Superstar“ gründelt tiefer. Zur Frage, ob ein Dieter Bohlen zu alter Quotenstatur finden kann, kommt eine zweite, mindestens so wesentliche: Ist „DSDS“ noch zu retten? Hat diese Show das Potenzial eines „Wetten, dass?“, dieses Evergreens unter den TV-Shows.

Alter schützt vor Jugend nicht, das gilt für das ZDF-Format, aber auch für „Germany’s Next Topmodel“ bei ProSieben. Der Privatsender und sein Star haben mit dem Diversity-Modell und der Aufgabe der Altersbeschränkung dieses Format bravourös revitalisiert.

Besitzt RTL die Kreativität für ein „DSDS“ 2.0? Will das Publikum die Show und seinen Master wie Phönix aus der Fernsehasche aufsteigen sehen? Der Zuschauer ist trotz aller intensiven Forschung eine unbekannte, weil wankelmütige Größe. Applaudiert dem Comeback von Harry Wijnvoord mit „Der Preis ist heiß“, schickt im nächsten Moment den früheren RTL-Star Birgit Schrowange beim Wiedereintritt in die TV-Sphäre bei Sat 1 sofort wieder in die Kulisse. Bei „DSDS“ waren die Zuschauerzahlen sukzessive von 9,5 Millionen in 2002 über 6,5 Millionen in Staffel sieben bis auf 3,2 Millionen in 2021 zurückgegangen. Mit Silbereisen sank die Zahl der Zuschauer in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen weiter auf unter zwei Millionen Zuschauer. „Man hat festgestellt, dass DSDS, wenn überhaupt, nur mit Dieter hinhaut“, zitiert „Bild“ einen namentlich nicht genannten RTL-Mitarbeiter.

RTL will den Bericht nicht kommentieren. „Ein Statement folgt aber zur gegebenen Zeit“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel ohne nähere Angaben zum Timing. Es werde aber „sicher nicht blitzartig“ sein. Offiziell ist die Bohlen-Rückkehr damit zwar nicht, aber dementieren will der Sender auch nicht. Schließlich ist die Devise von RTL-Geschäftsführer Henning Tewes – weniger Krawall, mehr Einfühlungsvermögen – nicht aufgegangen.

Bleibt die Frage: Wer braucht in Zeiten von Influencer und TikTok noch eine TV-Show, die unverändert behauptet, hier werde unter allen Umständen ein Superstar gesucht? Dieter Bohlen ist über diese stets offen gebliebene Frage dank immensen „Kandidatenmissbrauchs“ hinweggetrampelt. Wenn „DSDS“ nur die Show eines Dieter Bohlen war, ist und bleiben wird, ist eine Neuauflage auch nur ein aus der Zeit gefallener Dieter Bohlen.

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