Doku über Kindesmissbrauch : Das, was bei Dad passiert ist

Ich bin geheilt, ich bin glücklich: Eine wagemutige TV-Doku zeichnet nach, wie ein schwerer Kindesmissbrauch überwunden wurde.

Zurück ins Leben. Die sexuellen Übergriffe begannen nach der Scheidung der Eltern an Besuchssonntagen beim Vater, sie endeten, als Marcia (hier: Payton Gifis) 14 war.
Zurück ins Leben. Die sexuellen Übergriffe begannen nach der Scheidung der Eltern an Besuchssonntagen beim Vater, sie endeten,...Foto: NDR/gebrueder beetz filmprodukti

Auf dem Dachboden stand der Vater plötzlich vor der sieben Jahre alten Tochter, schockierend fremd, ohne Hose und Unterhose. Er habe sich die Hände verletzt, sie müsse seine Genitalien waschen. Im Bad wies er das Kind an, danach sollte es mit ihm „ein Nickerchen machen“.

Dabei tat der Mann dem Kind dann zum ersten Mal sexuelle Gewalt an. Das Wort „Vater“ findet Marcia Wickham heute unangebracht für den Täter von damals, der nicht mehr lebt. Furchtlos blickt die Amerikanerin, etwa Mitte fünfzig, in die Kamera und erzählt. Sie erinnert sich, dass sie sich schon auf dem Dachboden für ihren Vater geschämt hatte, dass ihr dämmerte, etwas sei „schrecklich und falsch“ an seinem Verhalten. Nachts musste Marcia dauernd zum Wasserlassen aus dem Bett. Die Welt des Kindes war aus den Fugen.

Die sexuellen Übergriffe begannen nach der Scheidung der Eltern an den Besuchssonntagen der Tochter beim Vater, sie endeten erst, als Marcia 14 war und der Vater die Flucht in eine religiöse Bekehrung gesucht hatte, das Versprechen der Auslöschung „aller Sünden“.

Über das, „was bei Dad passiert ist“, hatte die Mutter vom Kind nichts hören wollen, ohnehin verdonnerte es der Vater zum Schweigen. Niemand wollte hinsehen, weder auf das Kind noch auf das eigene Tun, und wie um das zu erzählen, riss das Mädchen einer Puppe die Wimpern aus.

Die beste Freundin aus Kindertagen weiß noch, dass Marcia sich zu der Zeit verändert hatte und auf einmal ihre Barbiepuppen grob behandelte, die sie auszog und nicht mehr anzog.

Hochambitioniert erzählt der über Jahre entstandene Dokumentarfilm „Nicht meine Schande“ die Geschichte der Marcia Wickham zusammen mit Marcia Wickham und mit den Stimmen ehemaliger Nachbarn, Freunde, kirchlicher Gemeindemitglieder, zusammen mit Erinnerungen eines Ex-Ehemanns und einer Adoptivtochter – und mit Äußerungen ihres einstigen Therapeuten, des Psychiaters John Bulette, der ihr nach einem Suizidversuch zurück ins Leben half.

Dass der Sohn des Therapeuten, Jonathan Fisk Bulette, der Regisseur dieser wagemutigen Produktion ist, wird erstaunlicherweise im Film selber weder erklärt noch kommentiert. Vielleicht aber erklärt dieser Umstand die außergewöhnliche intime Offenheit der Protagonistin, und ebendiese Offenheit wiederum, warum der NDR den Film in die Geisterstunde verbannt hat. Er läuft am Dienstag um Mitternacht.

Ich habe das alles überlebt und überstanden

Marcia Wickham, Biofarmerin im US-Bundesstaat Pennsylvania, zum zweiten Mal verheiratet, Mutter von drei adoptierten und fünf leiblichen Kindern, lächelt öfter, während sie hier Auskunft gibt über zutiefst verstörende Erfahrungen aus ihrer Kinderzeit. Anflüge von Bitterkeit werden dabei überwölbt von der Botschaft: Ich habe das alles überlebt und überstanden, ich bin geheilt, ich bin glücklich.

Durchaus im guten Sinn wirbt der Film für die empathische Therapie mit Traumatisierten, etwa wenn Wickham schildert, wie sie Wut und Aggression, Liebe und Hass auf den Therapeuten projizieren konnte, ohne dass er die Geduld verlor oder sich angegriffen fühlte.

Er sei ja gar nicht persönlich gemeint gewesen, erläutert der Therapeut, sondern nur das Mittel, durch das Marcia Wickham zu sich fand, zu ihren Emotionen, zum Annehmen ihres Körpers und vor allem zu ihrer Sprache.

Wickham erfasst in der schamüberwindenden Behandlung nach und nach: Gefühle, auch mörderische Wut, sind nur Gefühle, sie bringen mich nicht um, sie sind erlaubt und wichtig. Nachdem sie von ihrem Pastor mit frommen Sprüchen abgespeist worden war – „desaströs“ –, erlebte Wickham das tabufreie, psychologische Verstehen als befreiend.

Experimentell hält „Nicht meine Schande“ Ausschau nach dem Innenleben, nach der Dynamik des traumatischen Materials in der Psyche der Betroffenen. So arbeitet der Film teils mit visuellen Assoziationen, Collagen von Bildern und Szenen, die wie subliminal cuts aufblitzen.

Silhouetten und Schattenrisse tauchen auf, Fotos aus dem Familienalbum stehen auf dem Kopf, ein Wasserhahn läuft, auf einem Schulflur rennt ein Mädchen entlang, das Hantieren mit kleinen Puppenhausmöbeln stiftet sekundenlang den fast schmerzhaften Eindruck von dem Kind, das Kontrolle über irgendetwas in seinem Leben haben möchte.

Abgründig wirken die Passagen über die Konversion des Vaters, der in einer mennonitischen Kongregation „zu Jesus“ fand und dort als offener, guter und allzu freigiebiger Mann bekannt war, wie Gemeindemitglieder zu Protokoll geben, die aus allen Wolken fallen, als sie von der sexuellen Gewalt gegen die Tochter erfahren.

Deren Fragen nach „dem, was früher passiert ist“, wies er brüsk ab mit dem Hinweis auf sein geläutertes, neues Leben. Dass sie ihn nie zur Rede stellen konnte, er sich nie erklären oder rechtfertigen musste, ehe er starb, scheint für Marcia Wickham der schmerzhafteste Aspekt der Geschichte, auch nach ihrer Therapie.

Wenig bis nichts erfährt man ansonsten über das Außen, über die Geschichte der Familie, über Milieus, Ausbildung, Berufsleben, über die Mutter, den Bruder und die Schwägerin, die für den Film jede Aussage verweigerten, wie der Abspann mitteilt – der auch auf das bundesweite Hilfetelefon sexueller Missbrauch hinweist (0800–22 55 530, kostenlos und anonym).

Was hatte den Täter zum Täter gemacht, was ihn geprägt? Was die Mutter, die an den Taten vorbeigeschielt hat? Was machen, wie leben die sieben Kinder von Marcia Wickham, die nicht zu Wort kommen? Fragen dazu werden nicht gestellt und auch nicht indirekt beantwortet.

Und warum wird die Rolle des Regisseurs als Sohn des Therapeuten nicht klar und direkt problematisiert? Einen eigenartig halbwirklichen Eindruck hinterlässt das zwischen Aufklärung und Verschleierung, Trost und Rätsel changierende Unterfangen. Sehenswert ist es auf alle Fälle („Nicht meine Schande – Geschichte eines Missbrauchs“, NDR, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 18. August, 0 Uhr. Dann in der Mediathek.)

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