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"Goldene Kartoffel" für Polittalks bei ARD und ZDF : Rassismus, ein Thema wie jedes andere auch

Die Neuen Deutschen Medienmacher*innen verleihen ihren Negativpreis 2019 an die öffentlich-rechtlichen Talkshows. Redaktion von "Maybrit Illner" protestiert

Also, richtig schön ist die "Goldene Kartoffel" nicht, die in diesem Jahr an die politischen Talkshows von ARD und ZDF verliehen wird.
Also, richtig schön ist die "Goldene Kartoffel" nicht, die in diesem Jahr an die politischen Talkshows von ARD und ZDF verliehen...Foto: promo

Immerhin, sie werden alle gleichbehandelt. Ob "Anne Will", "hart aber fair", "Maischberger" (alle ARD) oder "Maybrit Illner" (ZDF), die "Goldene Kartoffel 2019" geht zu gleichen Teilen an die politischen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Der Negativpreis wird von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen verliehen, das wesentliche Kriterium ist laut Homepage: "Der Preis für besonders unterirdische Berichterstattung geht an Medien oder Journalist*innen, die ein verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland zeichnen oder an Sendungen und Formate, die Probleme und Konflikte immer wieder grob überzeichnen, Vorurteile verfestigen und gegen journalistische Standards verstoßen".

Scharfe Kriterien, die für die Preisjurys bei den politischen Talkshows zu finden sind, obwohl die einzelnen Sendungen in Inhalt und Ausführung qualitative Unterschied aufweisen. "Entscheidend war, dass alle in den letzten Jahren den genannten Kriterien entsprachen."

In der Begründung der Jury werden folgende Punkte aufgeführt. Erstens seien die Ankündigungen oft reißerisch und mit plumpen Fragen versehen, beispielsweise "Heimat Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?" oder "Angst vor dem Islam: Alles nur Populismus?". Die Inhalte förderten, zweitens, oft Klischees statt sie abzubauen. "Die Sendungen zu den Themen rund um Migration, Geflüchtete und Islam zeichnen sich durch Vorurteile und Panikmache aus. Fast immer geht es um Extremismus, Kriminalität und andere Bedrohungen durch Migrant*innen und ihre Nachkommen", heißt es.

Falsche Gästeauswahl

Zudem sei die Gästeauswahl häufig diskriminierend, der Diverstitätsmangel in vielen Sendungen bestechend. "Besonders auffällig", steht in der Begründung, " ist die ständige Abwesenheit von Schwarzen Menschen und People of Color, die sich – wenn überhaupt – oft nur in Sendungen zu Migrationsthemen wiederfinden, als würden Themen wie Rente, Pflege, Klima usw. einen erheblichen Teil der Gesellschaft nicht betreffen. Ein Viertel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund – das sollte sich überall widerspiegeln." 

Im Resümee wird den vier Talkshows vorgeworfen, nicht tiefergehend zu informieren, vielfältige Perspektiven einzubinden und Ressentiments abzubauen. "Stattdessen wird hier Rassismus behandelt wie jeder andere Standpunkt auch." Die Jury-Vorsitzende Sheila Mysorekar erklärte, diese "Goldene Kartoffel" sei ein Fall enttäuschter Liebe, also Enttäuschung über den nicht erfüllten Programmauftrag, weil die Sendungen Rechtsradikalen und Rassisten immer wieder Sendezeit schenken würden.

Die "Goldene Kartoffel" wird am 2. November öffentlich verliehen, bleibt die Frage, ob sie jemand aus dem Betroffenenkreis entgegennehmen wird.

"Maybrit Illner" weist Vorwürfe zurück und lehnt Preis ab

Die ZDF-Talkerin Maybrit Illner wird es nicht sein; wie es in einem Brief von ihr und der Talkredaktion heißt, wird sie am 2. November wegen eines lange geplanten Termins nicht zur Verleihung kommen können. In dem Schreiben weisen Illner und Kolleg*innen die mit dem Preis verbundenen Vorwürfe entschieden zurück. "Wir laden Diana Kinnert zur Lage der GroKo ein, Rouzbeh Taheri zur Mietsituation in Berlin, Cem Özdemir zum Diesel- Skandal und Ibrahim Ghaddar, weil er als Optiker zur Arbeit mit dem Auto pendelt. Der Berliner Yigit Muk berichtet über seine Schullaufbahn, der Unternehmer Mustafa Karadeniz erzählt, wie er die innertürkische Konflikte in Deutschland wahrnimmt. Zum Klimawandel diskutierten Mojib Latif, Ranga Yogeshwar , Mai Thi Nguyen-Kim und der Sterne-Koch Nelson Müller." Kurz, für die ZDF-Talkshow sei es eine Selbstverständlichkeit, Menschen mit internationaler Geschichte bzw. Migrationshintergrund zu aktuellen Themen einzuladen.

In der Talkshow seien Rassismus und Antisemitismus nie behandelt worden „wie jeder andere Standpunkt auch“. Weiter heißt es: "Dieser Vorwurf gehe gegen unser Berufsethos, gegen alle persönlichen Überzeugungen, und wir weisen ihn entschieden zurück." „Perspektivenreich berichten“ heißt für die Redaktion, möglichst viele Frauen, junge Menschen, Menschen aus verschiedenen Schichten, Gäste aus Nachbarländern einzuladen... und natürlich Menschen mit internationaler Geschichte, respektive Migrationshintergrund..

"Und ganz grundsätzlich nehmen wir nur Preise an,  die wir verdient haben", heißt es am Schluss.

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