Interview mit Perlentaucher.de-Mitgründer Thierry Chervel : „Wir sind einzigartig“

Thierry Chervel übers Perlentauchen, die Frage, wer die klügsten Buchkritiken schreibt und das Verhältnis von Kultur und Internet.

Das Online-Kulturmagazin perlentaucher.de
Das Online-Kulturmagazin perlentaucher.deScreenshot: Tsp

Herr Chervel, seit 20 Jahren beobachtet das Online-Portal „Perlentaucher“, von Ihnen und Anja Seeliger im März 2000 gegründet, die deutschen Feuilletons. Damals waren die meisten Zeitungen ja noch gar nicht online. Wie hat sich das Zeitungs-Feuilleton in diesen 20 Jahren verändert?

 Es ist dünner geworden. Als wir anfingen, crashte zwar gerade der Neue Markt, aber die Zeitungen waren noch voll mit Anzeigen von Startups und glaubten, dass sie selbst zur "New Economy" gehören. Das "F.A.Z"-Feuilleton  unter Frank Schirrmacher hatte zehn oder elf Seiten am Tag – plus die Berliner Seiten. Die Umfänge haben sich seitdem fast halbiert, man könnte auch sagen normalisiert, denn vor dem Börsenboom waren die Zeitungen ja auch dünner.

 

Wie sieht es aus im Vergleich: deutsche und internationale Feuilletons à la „Guardian“, „New Yorker“? Sind wir da ..erstklassig? 

Was man in Deutschland Feuilleton nennt, ist einzigartig. Britische und amerikanische Medien haben ihre Stärken anderswo, in der Information, in Essays oder Reportagen. Die Kulturseiten von "Guardian" oder "New York Times" sind oft überraschend provinziell. In keinem anderen Land findet man so viele hervorragend geschriebene Buchkritiken wie in Deutschland. Im letzten Jahr haben wir Notizen zu 4000 bis 5000 Buchkritiken aus Qualitätszeitungen verfasst.

 

Wie haben sich die „Perlentaucher“ selber verändert, zunächst einmal räumlich? Sitzen Sie immer noch in den selben Räumen wie im März 2000?

 Wir haben zuerst in der Wohnung von Anja Seeliger gearbeitet, bald danach hatten wir unser erstes Büro in Moabit und sind dann in ein größeres Büro in der Chausseestraße gezogen. Zu der Zeit hatten wir expandiert, weil die Kulturstiftung des Bundes uns ein Projekt finanzierte und weil wir einen Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung hatten. Heute sind wir immer noch in Mitte, aber in einem wesentlich kleineren Büro.

 

Und inhaltlich: Worauf liegt der Schwerpunkt heute? 

Presseschau ist immer noch ein wesentliches Element unserer Arbeit. Allerdings haben wir den Kreis der Quellen, die wir lesen, wesentlich vergrößert. Und wir sind längst ein eigenständiges Medium in der kulturellen und intellektuellen Öffentlichkeit, haben Essays, Rubriken und Kolumnen.

 

Wieviel Abrufe haben Sie aktuell, auch in der Entwicklung? Wer ist Ihr Publikum? 

Wir haben etwa 500 000 Unique Users pro Monat.  Und etwa 1,5 Millionen Seitenaufrufe. Unser Publikum entspricht dem Publikum der Zeitungsfeuilletons, aber jünger und weiblicher.

 

Perlentaucher-Gründer Thierry Chervel
Perlentaucher-Gründer Thierry ChervelFoto: privat

Wenn ich richtig informiert bin, hätte es anfangs ja mit Bertelsmann im Rücken die Option gegeben, mittels Bücher-Schau auch ins Online-Shopping einzusteigen, größer, à la Amazon? Dann säßen Sie heute wohl nicht in einer Wohnung in Berlin-Mitte. Bedauern Sie es sehr, dass das nicht geklappt hat?

 Als wir anfingen, war Thomas Middelhoff noch Chef bei Bertelsmann und posaunte, dass er Amazon schlagen will. Immerhin wurde BOL zweitgrößter Online-Buchhändler in Deutschland und hätte diese Position wohl heute noch, wenn die Bertelsmann-Manager den Laden nicht zugemacht hätten, als sie Middelhoff feuerten. Wir selbst kooperierten mit BOL, aber wir wollten damals noch nicht selbst online verkaufen. Erst im vergangenen Jahr haben wir unseren eigenen Online-Buchladen gegründet, eichendorff21, eine literarische Buchhandlung im Internet mit Buchempfehlungen, die großenteils auf unserer Arbeit im Perlentaucher beruht.

 

Wie finanzieren Sie sich?

Werbung ist nach wie vor unsere bei weitem wichtigsten Einnahmequelle. Aber der Werbemarkt für Bücher ist geschrumpft. Sehr wichtig ist heute die Möglichkeit des "freiwilligen Abos", oder der "Mitgliedschaft" im Perlentaucher, die wir mit dem Dienstleister Steady organisieren. Leser und Leserinnen zahlen monatlich freiwillig einen bestimmten Betrag, bekommen einige Privilegien gegenüber anderen Lesern (etwa kostenloser Versand in unserem Buchladen). Die Unterstützung durch die Leser ist für uns heute essenziell. Hinzukommen Einnahmen aus dem Buchverkauf, die wir immer weiter entwickeln wollen.

 

Immer wieder vermisse ich einzelne Artikel des Tages, ähnlich wie im Medien-„Altpapier“ des MDR. Wie groß ist der Anspruch auf Vollständigkeit der kulturellen Presseschau?

 Wir können keinen vollständigen Überblick bieten, die Zahl der Quellen ist heute zu groß. Es kommt schon vor, dass wir wichtige Artikel übersehen. Wenn  man uns darauf aufmerksam macht, tragen wir den Link oft nach.

 

Stichwort Debatten-Kultur, die Sie mit den „Perlentaucher“ ja auch täglich abbilden wollen. Gibt es diese Debattenkultur überhaupt noch, so etwas wie der Historikerstreit 1986 oder ist nur noch relevant, was sich in Blogs oder bei Twitter, Facebook & Co. abspielt?

 Zeitungen in Westdeutschland waren ja Medien mit Lizenz. Meist hatten die Alliierten einigen ansatzweise unbescholtenen Familien diese Lizenz erteilt mit dem Auftrag, eine demokratische Öffentlichkeit zu konstruieren. Die Kommentarseiten der Zeitungen waren sehr streng den Redakteuren überlassen – die Öffentlichkeit durfte da nicht rein, etwa in Form von Gastartikeln.

Warum nicht?

Vor der hatte man noch Angst. Demokratie wurde eingeübt, aber in recht autoritären Stukturen. Darum wich die Debatte in Deutschland oft auf die Feuilletons aus, es entstand das Genre der "Feuilleton-Debatte". Die Feuilletons waren offener als andere Teile für Stimmen für außen. Der Historikerstreit war das Urbild einer solchen Feuilleton-Debatte. Später folgten andere wichtige Debatten, die Stasi-Debatte, die Debatte über Christa Wolfs "Was bleibt", die Goldhagen-Debatte, die Debatte über Walsers Paulskirchenrede.

Darüber spricht man kaum noch.

Nach meinem Eindruck hat sich diese Debattenkultur ermüdet, auch weil in den Feuilletons heute weniger externe Autoren schreiben und der tägliche Aktualitätsdruck größer geworden ist. Heute werden durchaus auch Debatten in Internetmedien angestoßen – ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Internetmedien und Zeitungen besteht bis heute.

 

 Sie haben sich, ausgehend von der Kulturpresseschau, schon vieles einfallen lassen: Essays, Kinokritiken, Bücher- und Blogschauen, Internationalisierung. Worauf müssen wir uns bei den Perlentauchern in den nächsten 20 Jahren gefasst machen?

 20 Jahre sind ja ganz schön lang. Zum Teil geht es in gewisser Hinsicht um Tradierung, Übertragung eine Qualitätsbegriffs und einer Liebe zum Künstlerischen in eine neue Öffentlichkeit. Internetmedien haben eine Menge neue Formen in der Auseinandersetzung mit Kultur entwickelt. Aber wie auch immer sich das Medienumfeld ändert – es gibt sicher immer einen gewissen Anteil der Bevölkerung, der sich für Literatur, Debatten, neue künstlerische Formen interessiert und für den wollen wir da sein.

 

Sicher ist wohl: Ohne Bücher keine Perlentaucher. Abgesehen von der Top-10-Belletristik - das Buch hat es nicht immer einfach in diesen Zeiten, gerade auch in den Medien und Neuen Medien. Das „Literarische Quartett“ im ZDF  versucht es gerade mit dem dritten Neustart/Konzept. Wie schätzen Sie das ein: Wird es das Buch in 50, 100 Jahren in der Form noch geben?

Die Frage, was heute ein Buch ist, lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Sicher nicht einfach ein Ding aus Pappe und Papier mit bedruckten Seiten. Bücher können elektronisch sein, es gibt viele andere und neue Formen von Text, nicht nur im Literarischen: Die Wikipedia ist ein Schreiben ohne  Autor, das Internet selbst, besonders in den sozialen Medien, so etwas  wie ein "unendliches Gespräch", von dem die Romantik träumte, wenn auch vielleicht in dieser Form und in allen heutigen Ausprägungen). Das Buch ist unter diesen Voraussetzungen vielleicht so etwas wie die Form einer Askese. Man verzichtet auf den Link, auf eingebettete Medien und gibt sich ihm hin. Als eine solche Form muss es sich behaupten, ob in der Unterhaltung, der Literatur oder im intellektuellen Leben.

 

Haben Sie bei sich zuhause noch Meterweise Bücherregale stehen, die Sie bei jedem Umzug mitnehmen oder Goethe, Franzen, Handke auf dem Kindle?

Ja, ich weiß nicht, wohin mit den Büchern. Aber ich lese sie heute lieber elektronisch, dort kann man besser Stellen markieren, ein Exzerpt erstellen, suchen, viel leichter als im physischen Buch.

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