Interview mit Stefan Titze : "Das ZDF hätte einen 24-jährigen wahrscheinlich keine Serie schreiben lassen"

Autor, Podcaster: Stefan Titze über mutige Streamingdienste, maue Schulfächer und uncoole Comedypreise.

Jean Dumler
Da ging plötzlich eine Welt auf. Stefan Titze schrieb für Jan Böhmermanns Late-Night Sendung „Neo Magazin Royale“ auf ZDFneo, war Autor der von funk produzierten Sketch-Show „Gute Arbeit Originals“. Zuletzt hat der 25-Jährige die erfolgreiche Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ mitentwickelt und geschrieben. 2017 erhielt Titze den Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung für #verafake und die Einspielerschleife im „Neo Magazin Royale“. Im Frühjahr 2020 geht er mit seinem Comedy-Podcast „Das Podcast Ufo“ auf Tournee.
Da ging plötzlich eine Welt auf. Stefan Titze schrieb für Jan Böhmermanns Late-Night Sendung „Neo Magazin Royale“ auf ZDFneo, war...Foto: Promo

Stefan Titze schrieb für Jan Böhmermanns Late-Night Sendung „Neo Magazin Royale“ auf ZDFneo, war Autor der von funk produzierten Sketch-Show „Gute Arbeit Originals“. Zuletzt hat der 25-Jährige die erfolgreiche Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ mitentwickelt und geschrieben. 2017 erhielt Titze den Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung für #verafake und die Einspielerschleife im „Neo Magazin Royale“. Im Frühjahr 2020 geht er mit seinem Comedy-Podcast „Das Podcast Ufo“ auf Tournee.

Herr Titze, Sie waren schon mit 19 Jahren Autor bei Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royal“. Wurden Sie da überhaupt ernstgenommen?
Anfangs natürlich nicht und das völlig zurecht. Ich war in einem Raum mit gestandenen Harald-Schmidt-Erprobten wie Ralf Kabelka und Jan Böhmermann, aber das entwickelte sich mit der Zeit. Man muss ja auch lernen zuzuhören und nicht der zu sein, der den meisten Redeanteil hat. Das verschaffte mir die Möglichkeit, den anderen auf die Finger zu schauen.

Sie sind direkt nach dem Abitur in die Medienlandschaft eingetaucht. Haben Sie sich vorbereitet gefühlt?
Ehrlich gesagt, nein. Auf künstlerische Berufe wird man in deutschen Schulen nicht vorbereitet. Die großen Schwerpunkte bleiben Naturwissenschaften und was Handfestes. Es werden oft nur die Berufe mit finanzieller Sicherheit gefördert, Kunst fällt oft hinten rüber.

Wie kam’s trotzdem zum kreativen Beruf?
Ich habe 2013 in NRW mein Abitur gemacht. Es wurde viel Panik geschürt, weil zwei Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt losgelassen wurden. Ich habe mich mit dem Wunsch, etwas Kreatives zu machen, ein bisschen verloren gefühlt. Schon während der Schulzeit habe ich immer sehr viel geschrieben und Unterhaltung gemacht, Musical, Band oder Theater. Ich habe auch Glossen für die „Westfälische Rundschau“ geschrieben.

Was haben Sie studiert?
Journalismus. Aber das macht einen ja nicht zum fertigen Journalisten. Das Wichtigste war mir einfach, etwas zu studieren, was so grob in der Ecke ist, woran ich Spaß hatte. Aber mein Studium war nie wirklich im Zentrum meines Lebens, ich war damals schon schnell beim „Neo Magazin“ angestellt.

Wann kam der …Durchbruch?
Es war schon krass, als plötzlich Leute sagten: Du musst jetzt diesen lustigen Text schreiben, du kriegst Geld dafür, das ist jetzt dein Job als Autor. Da ging plötzlich eine Welt auf. Ich werde dafür bezahlt, kreativ zu sein und lustig zu schreiben, mir Spiele auszudenken für eine Unterhaltungsshow.

Gibt es in Sendungen wie „Neo Magazin Royale“ viele junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen?
Die verstaubte Meinung, dass man sehr viele Erfahrungen braucht, stirbt aus. Die Fernsehlandschaft wandelt sich gerade, und Streaminganbieter achten noch weniger aufs Alter. Mit 19, 20 Jahren findet man im Idealfall heraus, was man will. Ich mache öfter die Beobachtung, dass jüngere Frauen und Männer ihrer Leidenschaft folgen können.

Haben Sie ein Beispiel parat?
Ich habe in der Comedy Master Class vom Grimme Institut Tarkan Bagci kennengelernt. Als klar wurde, dass ich gemeinsam mit Florentin Will für funk die Sketch Show „Gute Arbeit Originals“ machen darf, habe ich Tarkan in das Autorenteam geholt. Bei uns konnte er sich austoben. Es war nach der Absetzung von „Gute Arbeit Originals“ allen klar, dass Tarkan, der sehr begabt und engagiert ist, beim „Neo Magazin Royale“ weitermachen soll.

Was machen Streamingdienste anders als Öffentlich-rechtliche Sender?
Netflix hat einen viel freieren Umgang mit Kunst als die Öffentlich-Rechtlichen, hinzu kommt der amerikanische Background. Die US-Unterhaltungskultur ist industrialisierter, es gibt modernere Vorstellungen, wie Unterhaltung aussehen soll, einen viel konkreteren Umgang mit Skripten und ein besseres Verständnis für die Vorstellungen der Autoren. Das ZDF hätte einen 24-jährigen wahrscheinlich keine Serie schreiben lassen. Sie haben die Produktionsfirma Bildundtonfabrik (btf) ja vorher auch nichts Fiktionales produzieren lassen.

Sind Sie mitverantwortlich, dass ihre Booking-Agentur Heavy German Shit amerikanische Stand-Up Comedians wie Eric Andre oder Bill Burr für Deutschland bucht?
Heavy German Shit hat irgendwann erkannt, dass viele fantastische Comedians einen Bogen um Deutschland machen. Zum einen herrscht immer noch das Klischee, dass Deutsche kein Englisch sprechen, und auf der anderen Seite haben deutsche Booking-Agenturen lange nicht auf die USA geschaut, weil sich viele auf unsere eigenen Stand-Up-Comedians verlassen haben. Durch das Internet steigt die Nachfrage nach amerikanischen Stand-Up-Comedians beim deutschen Publikum. Die meisten Comedians haben auch viel Bock, nach Deutschland zu kommen, und machen Hallen voll. Ich schlage oft die Comedians vor, die ich selbst gerade gut finde. Das ist völliger Eigennutz.

Am vergangenen Mittwoch wurde wieder einmal der deutsche Comedypreis verliehen. Sie beschreiben diese Veranstaltung in ihrem Podcast „Das Podcast Ufo“ als „unlustigste Veranstaltung Deutschlands“.
Es ist einfach nur schade, dass es da so ist, wie es ist. Ich bin nur immer enttäuscht, wie der Comedypreis abläuft und wie wenig junge Leute anerkannt werden, außer sie stehen bei Brainpool unter Vertrag. Dabei passiert eigentlich so viel Cooles in der deutschen Comedy, vor allem in Berlin und München, was Open-Mics und neue Comedians angeht. Dem deutschen Comedypreis geht es nur um Selbstbeweihräucherung, da guckt niemand mal über den Tellerrand hinaus.

Wollen Sie die deutsche Comedy-Landschaft revolutionieren?
Nein. Ich habe einfach nur Bock darauf, das zu machen, was mir Spaß macht, zu unterhalten, die Witze zu schreiben, die ich mag und Charaktere zu erfinden, die ich gerne sehen will. Ich hoffe natürlich, dass das andere Leute inspiriert, aber ich komme mit keiner Agenda um die Ecke.

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