Junge Berliner Straßenmagazine : Für eine bessere Welt

Zwei Berliner Straßenmagazine beschäftigen sich mit Kunst, Kultur und Gesellschaft – und helfen damit Bedürftigen.

Kunst für die Straße: Die Einnahmen aus dem Verkauf der Zeitschriften auf der Straße und in U-Bahnen gehen an die Verkäufer.
Kunst für die Straße: Die Einnahmen aus dem Verkauf der Zeitschriften auf der Straße und in U-Bahnen gehen an die Verkäufer.Repro: Tsp

María Inéz Plaza Lazo und Alina Kolar arbeiteten im Kunstbetrieb, bevor sie Herausgeberinnen wurden. Nun erscheint ihr Kunstmagazin „Arts Of The Working Class“ am 20. September in der achten Ausgabe. Die Themen: Kunst und Gesellschaft, Reichtum und Armut. Das zweimonatige Blatt wird nicht etwa nur in Buch- und Zeitschriftenläden verkauft, sondern auch und vor allem auf der Straße: „Wir verschenken die Zeitung an Obdachlose und Menschen, die sie benötigen“, erklärt Kuratorin Plaza Lazo, eine von drei Herausgebern. Gemeint sind etwa Studenten, Praktikanten, Menschen mit geringer Bezahlung. Auf der Straße kostet das Heft 2,50 Euro, die direkt an die Verkäufer gehen, 3,50 Euro im Handel. Mit dem Preisunterschied wolle man signalisieren, dass es sich lohne, das Heft auf der Straße oder in der U-Bahn zu kaufen, so Plaza Lazo.

„Every Billionaire is a Policy Failure“, heißt es provokant auf dem Titel. Dass die Beiträge in mehreren Sprachen verfasst sind, erscheint zunächst ungewöhnlich; allerdings erscheint das Heft in verschiedenen Ländern, darunter Ecuador, Finnland und Deutschland. Die meisten Hefte werden in Berlin und London ausgegeben. Das Magazin soll die Probleme der Gesellschaft und insbesondere des Kunstbetriebs behandeln. „Wir wollen Menschen ansprechen, die unter den Belastungen der ungerechten ökonomischen Verhältnisse im Kunstbetrieb leiden“, so Plaza Lazo. „Das sind meistens auch diejenigen, die auf uns zukommen, um mitzumachen.“

Gedruckt wird eine Auflage von 20 000 Exemplaren, die meisten gehen in den Straßenverkauf. Finanziert werde die Zeitung aktuell allein durch Werbung, so Mitherausgeberin Alina Kolar. Die Anzeigen weisen vielfach auf Ausstellungen hin. Als „ungewöhnliche gemeinnützige Unternehmergesellschaft“ sei man in der Warteschleife von unterschiedlichen Förderanträgen. Doch: „Wir machen keine Charity“, betont Plaza Lazo. Man könne diese Arbeit nicht ehrenamtlich machen. „Wir können uns das sowieso nicht leisten, umsonst zu arbeiten, vor allem wenn wir ökonomische Verhältnisse im Kunstbetrieb kritisieren und zugleich mit ihnen kokettieren wollen.“

Eine Herausforderung für alle

Der Straßenverkauf soll die Themen des Magazins vielen Menschen zugänglich machen: „Die Redistribution von Wissen, Geld und Zugang zur Kunst ist unser Ausgangspunkt gewesen und bleibt die Hauptaufgabe“, so Kolar. „Uns geht es darum, intellektuellen, empfindsamen Austausch zu eröffnen.“ Die Themen seien nicht auf ein spezifisches Publikum zugeschnitten. „Sie sind eine Herausforderung für alle.“

In Berlin, wo es seit 1995 die „Motz“ gibt, erscheint seit einem Jahr der „Karuna Kompass“. Das spendenfinanzierte Heft der Sozialgenossenschaft Karuna versteht sich als „Zeitung einer solidarischen Zukunft“. Es wird unter anderem von den früheren Verkäufern des „Strassenfegers“ vertrieben, der 2018 eingestellt wurde. Der Verkaufspreis, 1,50 Euro, geht an die rund 400 Verkäufer.

„Mit den zwölf ,Karuna Kompass‘-Ausgaben haben einkommensschwache Menschen fast 450 000 Euro erwirtschaftet“, sagt Karuna-Geschäftsführer Jörg Richert. „Weil wir ehrenamtlich arbeiten und mehr oder weniger nur die Druckkosten aufbringen müssen, erzielen wir diesen ökonomischen Effekt.“ Die Druckauflage liegt zwischen 25 000 und 35 000 Exemplaren. Verkauft würden „so gut wie alle“ gedruckten Hefte. „Wir könnten wesentlich mehr drucken, aber das würde die Kosten hochtreiben. Dann müssten wir die Spendergemeinschaft vergrößern. Aber wir sind uns sicher, dass wir zwischen 60 000 und 80 000 Exemplare pro Ausgabe im Monat verkaufen könnten.“

Das Themenspektrum des „Kompass“ ist breit, jede Ausgabe ist anders gestaltet. Die Juli-Ausgabe zum Thema Hygiene fragt „Was ist Gesundheit?“ und kommt mit bunten Illustrationen daher, die entfernt an die Scherenschnitte von Henri Matisse erinnern. Die Juni-Ausgabe behandelt unter anderem das Thema Tiny Houses. Die aktuelle Jubiläumsausgabe mit dem Titel „Essen, Straße, Jugend“ besteht nur aus Bildern. Eine Fleischertheke, Pommes mit Mayo, weggeworfene Früchte neben einer Bio-Tonne. Bilder, die verständlich sind und zugleich nachdenklich machen können.

Optimistisch sollen die Themen sein

„Es ist nicht im Sinne der Obdachlosen, zu schreiben, wie ihre Lebenssituation aussieht“, sagt Richert. Die Zeitung sei wie ein Aushängeschild, „sie sollte keine Depressionen auslösen, denn in der Situation befinden sich die Verkäufer ja eh schon.“ Zukunftsorientiert, optimistisch sollen die Themen sein. „Im Grunde ist die Zeitung ein Sprachrohr für die Dinge, die wir als Karuna verbessern wollen in der Welt. Innovativ und mit neuen Lösungsansätzen“, sagt Richert.

Von der Zeitungskrise sieht er die Straßenmagazine nicht betroffen: „Es gibt einen Rückgang des Straßenverkaufs, wir glauben aber, dass das etwas mit der Qualität und dem Inhalt der Zeitung zu tun hat: Wenn man Infos druckt, die an die Obdachlosen gerichtet sind, vergisst man die Leser“, meint er. „Zudem gehen die Lesegewohnheiten aufs Handy über, darunter leidet auch die Straßenzeitung. Aber es gibt viel Bewegung auf dem Markt.“

Aktuell arbeiten die Macher an einer Erweiterung des Vertriebssystems: ein E-Bike, das auch als fahrender Kiosk dienen soll, und ein digitales Bezahlsystem, damit die Verkäufer den „Kompass“ auch als E-Paper verkaufen können. Beides soll noch in diesem Jahr starten.

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