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Die Macht der Worte: Tyrion Lannister.
© Telltale Games

"Game of Thrones" als Game: Lasst die Spiele beginnen

Machtspiel im Comicstil: Telltale hat "Game of Thrones" ein Adventure spendiert. Das geht über die Handlung der beliebten TV-Serie hinaus. Für die Fans gibt es trotzdem Vorteile.

Es gibt haarsträubende Szenen in diesem Spiel. Und das sind gar nicht mal unbedingt die, in denen man sich unter Schwertern wegduckt. Es sind die Szenen, in denen die unerfahrenen Hauptfiguren auf rhetorisch versierte Gegner treffen. Da wird ein Jüngling plötzlich zum Oberhaupt eines Adelshauses – und muss es im nächsten Moment gegen den adeligen Erzfeind verteidigen. Der hat es auf die stattlichen Wälder der Rivalen abgesehen und wartet nur auf eine Schwäche des jungen Lords, um ihn mit seinen Reden weiter in die Enge zu treiben. Das zu verhindern, liegt an den Spielern.

Mit Game of Thrones hat sich das kalifornische Studio Telltale Games keine leichte Aufgabe gestellt. Das englischsprachige Download-Spiel (PC, Konsolen, iOS) basiert auf der gleichnamigen Fernsehserie, die mittlerweile vier Staffeln umfasst und eine umfangreiche Fan-Gemeinde besitzt. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung.

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Um inhaltlich nicht mit späteren TV-Folgen zu kollidieren, wählte man für das Spiel einen Nebenschauplatz: Haus Forrester, ein Adelsgeschlecht im Norden von Westeros, das in der Buchvorlage von George R. R. Martin (Das Lied von Eis und Feuer) gerade mal in einem Nebensatz erwähnt wird. Die Handlung setzt am Ende der dritten TV-Staffel ein und zieht sich bis zum Beginn der fünften Staffel. Das Spiel ist also nur etwas für Kenner der Vorlage. Als Einstieg in die Buch- und TV-Serie ist es nicht geeignet. Zumal es gleich zu Beginn einen großen Spoiler enthält.

Doch Telltale ist für seine Erzählkunst bekannt. In der zehnjährigen Unternehmensgeschichte hat es bereits mehrere populäre Inhalte als Computerspiele umgesetzt. Am erfolgreichsten war das Zombie-Adventure The Walking Dead nach der gleichnamigen Comic-Reihe von Robert Kirkman, die auch der gefeierten TV-Serie als Vorlage dient.. Zuletzt überzeugte Telltale mit dem Märchen-Thriller The Wolf Among Us und der Adventure-Adaption des Shooters Borderlands.

Am Anfang steht ein Gelage

Diese Spiele haben eines gemein: Die Dialoge stehen im Mittelpunkt. Unter Zeitdruck wählen die Spieler eine von mehreren Antworten aus, die Wahl kann Auswirkungen auf die Handlung haben. Reaktions- und Suchaufgaben gibt es zwar auch, doch die sind meist sehr simpel mit Quick-Time-Events und anklickbaren Hotspots gestrickt. Spannung beziehen die Telltale-Titel seit jeher aus dem Gefühl, das Schicksal der Figuren beeinflussen zu können.

Kann sie helfen? Margaery Tyrell in King's Landing.
Kann sie helfen? Margaery Tyrell in King's Landing.
© Telltale Games

Insgesamt sechs Episoden à zwei Stunden Spielzeit sollen in den nächsten Monaten für Game of Thrones erscheinen. Die Start-Episode Iron from Ice dient in erster Linie als Prolog und stellt bereits drei von fünf Hauptfiguren vor. Iron from Ice ist auch das Motto des Hauses Forrester, dessen Festung Ironrath im Wolfswald von Westeros liegt, umgeben von mächtigen Eisenbäumen. Die Forresters folgen treu dem König des Nordens, während ihre Erzfeinde – das Haus Whitehill – Vasallen des berüchtigten Haus Bolton sind. Der Konflikt zieht sich bis nach King's Landing, die Hauptstadt der Sieben Königreiche: Dort herrschen die Lannisters, die den Norden stets als Konkurrenz wahrnehmen und deshalb dort nach Einfluss suchen.

Das Spiel beginnt mit einem Festgelage, an dem auch die Forrester-Truppen teilnehmen. Doch dieses Festgelage nimmt einen durchaus unerwarteten Verlauf. Wenig später wird der minderjährige Ethan Forrester zum Oberhaupt des Adelshauses bestimmt: eine Rolle, die dem verspielten Jungen so gar nicht zu liegen scheint. Er gerät nicht nur durch Haus Whitehill unter Druck, sondern auch durch die zunehmend verunsicherten Untertanen: Spieler müssen entscheiden, ob sie mit harter Hand oder nachsichtig herrschen. Und ob sie einen Hardliner oder einen Diplomaten als Berater engagieren.

Das Vorwissen hilft in "Game of Thrones" – ein bisschen

Dramaturgisch ähnelt das Spiel der TV-Serie: Die Erzählperspektive wechselt zwischen verschiedenen Figuren hin und her, die Handlungsstränge berühren sich bisweilen. Während Ethan um Autorität kämpft, sucht seine Schwester Mira in King's Landing nach Verbündeten. Der Knappe Gared Tully, Überlebender des Hinterhalts, schlägt sich derweil nach Ironrath durch, bevor es zu einem entscheidenden Zwischenfall kommt.

Im Lauf des Prologs erscheinen auch einige Figuren der TV-Serie: Cersei Lannister hat eine starke Szene, doch Margaery Tyrell und Tyrion Lannister bleiben als Charaktere eher blass. Den denkwürdigsten Auftritt des Prologs hat der abgrundtief böse Ramsay Bolton. Er dürfte den Fans der TV-Serie noch in überaus schlechter Erinnerung sein.

Viel Verantwortung: Ethan Forrester.
Viel Verantwortung: Ethan Forrester.
© Telltale Games

Serie und Spiel greifen hier nahtlos ineinander: Spieler können ihr Verhalten an ihr Vorwissen anpassen. Wenn Cersei die Zofe Mira zur Audienz ruft, sind die Spieler gewarnt – vorausgesetzt, man kennt die skrupellose Cersei aus der TV-Serie. Dialoge mit bisher unbekannten Figuren geraten  dagegen zum Drahtseilakt: Während der Zeitbalken zusammenschmilzt, suchen die Spieler fieberhaft nach der "richtigen" Antwort. Doch stets nur das Beste zu wollen, hat in Game of Thrones noch nie geholfen. Die Serienmacher lassen beliebte Charaktere wie die Fliegen sterben. Auch das Spiel gibt davon im Prolog die eine oder andere Kostprobe.

Am Ende siegt die Persönlichkeit

Ein zentrales Versprechen löst das Spiel nur bedingt ein: den Einfluss des Spielers auf die Handlung. Zwar entscheidet man – besonders in Quick-Time-Events – über Leben und Tod von Nebenfiguren. Auch blendet das Spiel immer wieder den Hinweis ein, dass sich Gesprächspartner an eine Aussage "erinnern werden". Doch der Hauptstrang führt immer wieder durch die gleichen Flaschenhälse: Auch beim mehrmaligen Durchspielen änderte sich das Endergebnis nicht, wie sehr man auch die Entscheidungen variierte. Das ist etwas enttäuschend und mag an der Struktur des Prologs liegen. Womöglich fächert sich die Handlung in den folgenden Episoden auf.

Intrigant wie eh und je: Cersei Lannister.
Intrigant wie eh und je: Cersei Lannister.
© Telltale Games

Doch selbst wenn Telltale bei dem Prinzip bleiben sollte: Der Spannung würde das nur unwesentlich schaden. Der Game-Kritiker Sparky Clarkson hat das schon am Beispiel von The Walking Dead verdeutlicht: Die Entscheidungen der Spieler wirken sich kaum auf die Spielwelt und die Handlung aus, aber sehr wohl auf die Hauptfigur, ihre Werte und ihr Ansehen. Abenteuer wie Game of Thrones sind nicht zuletzt auch Rollenspiele. Man darf gespannt sein, welche Entwicklung die Figuren in den nächsten Episoden durchmachen.

Dieser Artikel ist zuerst bei Zeit.de erschienen.

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