MEDIA Lab : Klein aber fein: Wahlkampf mit Twitter

Mehr Tweets, mehr Stimmen? Eine Studie untersucht, wie sich konventionelle Tweets als Teil der Wahlkampfkommunikation auswirken.

Joachim Trebbe
Kann nicht regieren ohne Twitter: US-Präsident Donald Trump.
Kann nicht regieren ohne Twitter: US-Präsident Donald Trump.Foto: REUTERS

In der Debatte um das Verbot politischer Werbung auf Twitter gibt es ein großes Missverständnis. Eingeschränkt oder gar verboten werden nicht Tweets von Politikern, Parteien oder anderen politischen Organisationen. Die seit der vergangenen Woche geltenden Regelungen beziehen sich ausschließlich auf bezahlte „Twitter-Ads“. Das sind Werbeeinblendungen, die weitgestreut an Zielgruppen und algorithmisch ausgewählte Nutzer ausgespielt werden.

Der Einsatz konventioneller Tweets als Teil der politischen Wahlkampfkommunikation wird nicht beschränkt. Genau dieses Element politischer Kampagnen wurde jetzt an der Universität Oxford genauer untersucht.

Eine Forschungsgruppe um den Politikwissenschaftler Jonathan Bright hat die Effekte der Twitterkommunikation von mehr als 6000 Direktkandidaten in 631 Wahlbezirken bei den Parlamentswahlen 2015 und 2017 in England, Wales und Schottland untersucht.

Dabei ging es in erster Linie um die Frage, ob die Intensität der Twitternutzung, das heißt die Anzahl der Tweets der Kandidaten einen messbaren Einfluss auf die gewonnenen Stimmen im Wahlkreis hatte.

Oder doch Flugblätter, Haustürbesuche und Telefonanrufe?

Um den Twitter-Effekt zu isolieren wurden dabei eine Vielzahl bereits bekannter Einflussgrößen auf den Wahlerfolg mit erhoben, etwa die Parteizugehörigkeit, der Amtsbonus, das Kampagnenbudget und der Personaleinsatz.

Durch die zwei (im Zusammenhang mit der Amtsübernahme von Theresa May) vergleichsweise eng beieinanderliegenden Wahltermine war es den Forschern erstmals möglich, die Twitteraktivitäten derjenigen Kandidaten zu vergleichen, die in beiden Wahlen zur Wahl standen.

Im Ergebnis konnten die Forscher schwache, aber eindeutige Twitter-Wirkungen feststellen. Eine Verzehnfachung der Tweets (bei konstantem Umfang der anderen Maßnahmen) brachte den Kandidaten 270 Stimmen mehr ein, das entspricht etwa einem halben Prozentpunkt der Gesamtstimmen im Wahlkreis. Damit liegen die Effekte etwas unter dem Niveau anderer Kampagnenmaßnahmen wie etwa Flugblätter, Haustürbesuche oder Telefonanrufe.

Geht man davon aus, das direkte Tweets der Kandidaten effektiver, weil zielgenauer als gekaufte Werbung sind, wird die Wirkung politischer Werbung auf Twitter in der öffentlichen Debatte vermutlich überschätzt. Eine Einschränkung der Meinungsfreiheit ist mit dem Verbot politischer Werbung jedoch keinesfalls verbunden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar