Neuer Franken-"Tatort" : Gegen die Uhr

Der neue Franken-„Tatort“ stellt eine brisante Frage: Kann man andere für sein Elend bestrafen?

Rache. Thomas Peters (Thorsten Merten, links) droht damit, den Richter (Christian Schneller) im Saal zu erschießen.
Rache. Thomas Peters (Thorsten Merten, links) droht damit, den Richter (Christian Schneller) im Saal zu erschießen.Foto: BR

Zuerst sieht man ihn mit einer Pistole in der Faust auf dem Klo. Der Anwalt Thomas Peters (Thorsten Merten) ist sichtlich mit den Nerven fertig, gleich darauf im Gericht schwitzt er Blut und Wasser und schielt immer wieder auf die große Uhr. Dann, kurz vor zwei, geschieht es. Peters zieht die Waffe, zwingt den Richter, von seinem Thron herabzusteigen und niederzuknien. Er drückt ab, während der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde springt. Dabei wendet er den Kopf zur Seite, um sein Opfer nicht sterben zu sehen. Während Verteidiger, Angeklagter, Staatsanwalt vor Schreck erstarren, kann Peters fliehen. Um drei Uhr ereignet sich an der Universität ein zweiter Mord, nach demselben Muster. Die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) stehen vor einem Rätsel.

Sie ahnen, dass sie nur eine Stunde Zeit haben werden, bis der mysteriöse Killer erneut zuschlägt. Peters ist währenddessen unterwegs zum Festspielhaus, wo sich sein nächstes Opfer arglos dem Operngenuss hingibt. Die Computer laufen heiß, Ringelhahn und Voss müssen eine Verbindung zwischen dem Richter und der getöteten Uni-Angestellten finden – und in der Tat, sie stoßen auf eine Spur. Bald sind auch sie unterwegs zum Festspielhaus. In einer Loge kommt es zum Showdown.

Jetzt aber fängt dieser Franken-„Tatort“, Schauplatz Bayreuth, erst richtig an. Es ist klar, dass Peters einen Hintermann hat, in dessen Gewalt er ist und dessen Befehlen er folgt. Die Geschichte dieses Strippenziehers namens Martin Kessler (Stephan Grossmann) ist schon anerzählt worden, jetzt wird sie aufgerollt.

Die Gewalt ist beim Staat und seinen Organen

Dem Mann ist übel mitgespielt worden. Er verfolgt die Zerstörer seines Lebensglücks mit erbarmungsloser Härte. Die Polizei ist an ihm dran, muss nun aber zugleich seinen schlimmsten Feind, einen wohlhabenden Futtermittelhersteller (Jürgen Tarrach), vor dem zu erwartenden Anschlag schützen. Der Wettlauf gegen die Uhr geht weiter.

Als auch noch eine Geiselnahme das Leben eines Mädchens bedroht, ist Paula Ringelhahn bereit, die Vorschriften außer Acht zu lassen und richtig Druck auf Kessler auszuüben. Aber Kollege Voss kennt da nix. Auch Schurken haben Rechte. „Wenn wir uns nicht an die Regeln halten, wer denn dann?“, fragt er sie.

Das moralische Problem, ab wann die Regeltreue der Polizei sie erpressbar macht und ob die Verletzung der Rechte der Bösen nicht manchmal nötig ist, um ein Menschenleben zu retten, ist ein altes Krimi-Thema. In diesem Film ist es eingewoben in die Darstellung eines Rachefeldzugs, der am Ende vor allem dies eine lehrt: Die Gewalt ist beim Staat und seinen Organen, die ihrerseits nach Regeln handeln müssen, was sie aber nicht immer können oder wollen, sehr gut aufgehoben. Es schleicht sich am Schluss dann auch die Frage ein: Was ist ein um sein Lebensglück gebrachter Mensch zu tun bereit, um die an seinem Elend Mitschuldigen zu bestrafen?

Diese Frage geht letztlich am Ehrgeiz der Macher vorbei. Autor Erol Yesilkaya und Regisseur Sebastian Marka, die schon für andere Franken-„Tatorte“ zuständig waren, wollten in erster Linie hochgradige Thriller-Spannung erzeugen. Das ist gelungen.

Psychologische Spitzfindigkeiten wie Motivlage der Täter sind vergleichsweise nebensächlich. Die Ermittler Ringelhahn und Voss, ansonsten ein Herz und eine Seele, dürfen pointiert gegeneinander in Stellung gehen. Beide spiegeln die Konflikte souverän in Mimik und Aktion. Sie bleiben Menschen, mit denen man fühlt. Das ist das Wichtigste, im Gegensatz zu dem Rachefeldherrn und dem kaltherzigen Futtermittelhersteller wird man ihnen wiederbegegnen.

„Tatort – Gegen die Uhr“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15