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Von ulkig bis zotig: WG-Pseudo-Doku
Wenig glaubhaft, dennoch erfrischend: Sechs Großstädter suchen in „Wrong“ auf RTL+ eine annehmbare Raumaufteilung.
Stand:
Eine Influencerin hat’s auch nicht leicht. Eine Influencerin muss schließlich stets im Bild bleiben, selbst wenn sie nur eine Möchtegern-Influencerin ist. Oder wie es Melisa ausdrückt, nachdem sie ein Video ihres Mitbewohners Nico beim Onanieren gepostet hat: „Als Influencerin musst du jedes Low zu ’nem High machen.“ Analoger ausgedrückt: Wenn es dem eigenen Account Likes bringt, andere bloßzustellen, darf ein moralisches Tief bedenkenlos zum digitalen Hoch umgedeutet werden.
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Damit ist allerdings nicht nur die Handlungsebene von Youtubern wie Melisa gut umschrieben, sondern auch eine Mockumentary genannte Pseudo-Dokumentation mit ihr in der Hauptrolle, deren Titel nicht zufällig „Wrong“ lautet. Ab Mittwoch beobachten wir darin fünf, sechs junge Großstädter, wie sie auf RTL+ „Falsch“ im Sinne von unaufrichtig, verlogen, intrigant, ja böse miteinander umgehen, also das genaue Gegenteil branchenüblicher Wohngemeinschaften sind.
[ „Wrong“, RTL+, ab Mittwoch]
Von „Beverly Hills 90210“ bis zur „Big Bang Theory“, von der „Lindenstraße“ bis zuletzt „Sex, Zimmer, Küche, Bad“ gehört die studentische Art der Raumaufteilung zum festen Repertoire fiktionaler Fernsehserien. Meist geht es darin um Freundschaft, Liebe, eher freundliches Zeug also. In dieser WG jedoch hängt der Haussegen so schief, dass Nicos Mitbewohner seinen Geburtstag vergessen, schlimmer noch: als sie zum Ausgleich eine Überraschungsparty organisieren, von der er beim Eintreten nichts mitkriegt und sich mit VR-Brille selbst befriedigt, filmen Zuschauer wie Melisa die Peinlichkeit lieber, als das Weite zu suchen. Schöne Gemeinschaft…
Die neben der schamlosen Influencerin Melisa (Melisa Dobric) und dem selbstverliebten Motivationscoach Nico (Nicolas Fethi Türksever) folgende Hauptfiguren enthält: Melisas Bruder Titus (Titus Kraus), dem seine Schwester nach frischer Trennung Asyl gewährt. Ein stiller Nerd namens Dennis (Dennis Huszak), hinter dessen stets verschlossener Tür irgendwas Seltsames passiert. Dazu die Studentin Lena (Lena Meckel), deren Freund David (David Helmut) unten im Haus ein Café betreibt und zwei Stockwerke drüber krankhaft untreu ist.
Vegane Gammelfleischburger
Im schicken Hamburger Altbau haben sie folglich Probleme mit sich und anderen, die schon deshalb pro 25-minütiger Folge mehrfach in Slapstick eskalieren, weil ein Realitysoap-Team das ungleiche Sextett auf Schritt und Tritt begleitet. Seitensprünge spielen dabei tragende Nebenrollen und Drogen, ein Obdachloser, mit dem Melisa ihr Renommee verbessern will, oder vegane Gammelfleischburger, mit dem der erfolglose Gastwirt David einem Foodtruck Konkurrenz macht.
Alles sehr ulkig, alles eher zotig, dank Showrunner David Helmut, der sich den gleichnamigen Schwerenöter mit Dackelblick und Profilneurose verblüffend glaubhaft auf den Leib geschrieben hat, zuweilen alles sogar recht komisch. Allerdings erweckt der Chefautor dieser Serie den Eindruck, er hätte noch nie eine WG betreten. Natürlich landen da irgendwann auch Trennungs-SMS auf dem falschen Handy. Und Party-Gastgeber masturbieren oder brüllen was Peinliches, sobald die Musik ausgeht. Gähn.
Ab und zu erfrischend
Dass „Wrong“ trotzdem ab und zu erfrischend ist, liegt an der Spielfreude einiger Protagonisten, die vom Improvisieren nicht über-, sondern herausgefordert werden. Allen voran Daniel Helmut und Lena Meckel, denen man das rituell erstarrte Gewohnheitspaar eher abkauft als Nico sein Coachen oder Melisa ihr Influencen.
Insgesamt ist die Serie der hedonistischen Aufmerksamkeitsgesellschaft, die sie eigentlich kritisieren will, ähnlicher als geplant und somit Instantfutter für die Generation Snapchat – manchmal kreativ, meist repetitiv, fix konsumiert, schnell abgehakt.
Jan Freitag
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