Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks : Den "digitalen Citoyen" wahr werden lassen

Es braucht eine Koalition der Willigen für eine europäische Medien- und Kulturplattform.

Christian Bergmann
Wer vom digitalen Bildungsauftrag spricht, der darf von den Bibliotheken nicht schweigen. Auch sie gehören auf jede Kulturplattform.
Wer vom digitalen Bildungsauftrag spricht, der darf von den Bibliotheken nicht schweigen. Auch sie gehören auf jede...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neulich forderte an selber Stelle Christine Horz vom Institut für Medienwissenschaft von der Universität Bochum, den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen (ÖR) im Internet weiterzuentwickeln und eine gemeinwohlorientierte Internet-Plattform aus Sendern, Bildungseinrichtungen und Museen aufzubauen.
Keine Frage, Sender wie Arte, 3sat und Phoenix sowie eine Vielzahl von Einzelsendungen von ARD, ZDF und Deutschlandradio werden dem Bildungsauftrag bereits in einem hohen Maße gerecht. Auf fragwürdige Sendezeiten und Quotenorientierung möchte ich hier nicht näher eingehen, zumal eine wie von Horz geforderte gemeinnützige Internet-Plattform nahezu befreit von diesen Begrifflichkeiten agieren kann. 

Qualitätsformate wie etwa der ARD-„Weltspiegel“, die Arte-„Reportage“ oder 3sat-„Kulturzeit“sind bereits in den jeweiligen Sendermediatheken 24/7 abrufbar. Gerade bei jüngerem Publikum ist jedoch seit mehreren Jahren zu beobachten, dass das Angebot privater Streamingdienste wie etwa Netflix oder Amazon Prime deutlich mehr in Anspruch genommen wird, als das der ÖR-Mediatheken. Was also tun?


Arte lebt internationales ÖR-Fernsehen vor

Der aktuelle Vorschlag des ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm einer gemeinsamen europäischen Medien- und Kulturplattform, welche eine Infrastruktur für Qualitätsinhalte schaffen kann, ist da in jedem Fall eine spannende Zukunftsvision für die ÖR. Der deutsch-französische Sender Arte lebt bereits seit 1991 tagtäglich vor, wie internationales ÖR-Fernsehen funktionieren kann. 

Doch weder in Deutschland noch in Europa, gibt es bisher eine Internet-Plattform, welche es vermag das jeweilige Mediatheksangebot der verschiedenen ÖR-Sender an einer zentralen Stelle zu bündeln und für den/die User_in durchsuchbar zu machen. Darüber hinaus wäre es – wie von Wilhelm angedacht – in der Tat spannend, es nicht allein bei den Inhalten der ÖR zu belassen, sondern dieses um das Qualitätsangebot von Verlagen und Kultureinrichtungen, oder aber auch – wie in unserem Fall bei Paul Open Search – politischer Stiftungen, Think Tanks und NGOs zu erweitern. Ist Ihnen alles zu abstrakt? Dann lassen Sie mich zur Veranschaulichung ein konkretes Fallbeispiel konstruieren.

In den vergangenen Wochen hat sich die Lage in Venezuela dramatisch zugespitzt. Durch Zufall hat Erika Musterfrau einen Beitrag dazu im ARD-„Weltspiegel“ verfolgt und würde nun gerne mehr in dieses komplexe politische Thema eintauchen. Eine europäische Medien- und Kulturplattform würde Frau Musterfrau nun fortan die Möglichkeit geben weitere Video- und Audiobeiträge sowie Publikationen zum Thema an einer zentralen Stelle gebündelt im Netz zu finden. 

Sie kann sowohl weitere Beiträge zur Lage in Venezuela von etwa der BBC anschauen, sich von „Mit offenen Karten“ bei Arte die geopolitischen Zusammenhänge näher erklären lassen, oder sich aber auch eine aktuelle Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung zu Gemüte führen. Darüber hinaus erfährt sie durch den Eventkalender, dass in der kommenden Woche in ihrer Stadt eine Podiumsdiskussion zum Thema an der Universität stattfinden wird. 

Durch Letzteres wird Frau Musterfrau angeregt, ihren Laptop auch einmal zuzuklappen, ihre vier Wände zu verlassen und gemeinsam mit anderen Interessierten zu diskutieren. Durch den Share-Button hat Frau Musterfrau nun außerdem die Möglichkeit alle diese Inhalte direkt über ihre sozialen Netzwerke zu teilen und verhilft ihnen dadurch auch noch zu mehr Sichtbarkeit.


Christian Bergmann ist Politischer Direktor und Mitgründer der Suchplattform Paul Open Search. Die Suchplattform verfolgt das Ziel das immense Online-Angebot politischer Stiftungen, NGOs sowie der Öffentlich-Rechtlichen rund um gesellschaftspolitische Themen unserer Zeit zu bündeln und benutzerfreundlich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Christian Bergmann ist Politischer Direktor und Mitgründer der Suchplattform Paul Open Search. Die Suchplattform verfolgt das Ziel...Foto: Anja Ligaya Weiss


Eine europäische Medien- und Kulturplattform stellt daher in meinen Augen eine große Chance dar, ein digitales Medium zu schaffen, welches den Public Value der ÖR und vieler weiterer gesellschaftlicher Akteure in den Mittelpunkt stellt, frei von kommerziellen Interessen und frei (da gebühren-, respektive steuerfinanziert) abrufbar für jederfrau und -mann. Sie können sicherlich schon erahnen, welche bildungspolitische Schlagkraft eine solche Plattform obendrein entwickeln könnte. 

In Zeiten wachsenden populistischen Diskurses, gezielter Desinformation sowie Tweets, welche uns in 280 Zeichen simple Erklärungen komplexer Zusammenhänge vortäuschen, scheint eine solche Plattform umso erstrebenswerter.

Ganz nebenbei würde diese auch einen aktiven Beitrag dazu leisten, dass die Idee des Citoyen endlich Einzug ins digitale 21. Jahrhundert erhält – oder anders formuliert – um es mit den Worten von Christine Horz zu beschreiben: „Eine solche Plattform könnte ein Ort der transkulturellen Begegnung und Debatte sein und dadurch demokratiefeindlichen Diskursen im Netz einen konstruktiven Austausch entgegensetzen.“

Für den Moment wäre es sicher sinnvoller, sich allein auf Qualitäts- und Bildungsinhalte zu konzentrieren. Kooperationen mit anderen europäischen kommerziellen Streamingplattformen mögen im Entertainmentbereich längerfristig auch erstrebenswert sein, im bildungspolitischen Sinne taugen sie herzlich wenig und können sogar kontraproduktiv sein. Solange bereits die ARD und das ZDF sich uneinig darüber zeigen, wie eine deutsche Super-Mediathek aussehen könnte, wie soll man da erst weitere europäische Partner mit ins Boot bekommen?


Lieber klein als gar nicht anfangen

In der Software-Entwicklung hat es sich bewährt, iterativ zu arbeiten und das bestehende Produkt kontinuierlich zu verfeinern (Perpetual beta). Statt also den großen Roll-out einer Mega-Plattform in Europa zu planen, warum nicht das Problem herunterbrechen und klein anfangen? In Deutschland oder im deutschsprachigen Raum und zunächst allein mit bildungspolitischen Inhalten.

Wie Sascha Lobo im Medienmagazin „Zapp“ zum Thema Super-Mediathek treffend attestiert hat, haben wir es in Deutschland und Europa aktuell jedoch mit einer plattform- und digitalfeindlichen Politik zu tun. Ein Slogan wie „Das kommt aus Europa!“ sei im digitalen Alltag kein Argument zum Wechseln des Plattformanbieters. Vielmehr brauche es ein Argument aus der Nutzbarkeit/Usability der Plattform heraus. 

Hinzu komme, so Lobo, dass man in puncto Finanzierung und Investition eher Abstand davon nehmen solle, eine konkrete Zahl für eine solche Plattform in den Raum zu stellen. In Deutschland herrsche eine mangelnde Investitionsbereitschaft, die auch wir bei Paul Open Search in den vergangenen Monaten in persönlichen Gesprächen mit den Intendanzen der ÖR erfahren haben und bestätigen können.

Es läuft also sicherlich erst mal auf eine Art „Koalition der Willigen“ hinaus. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass es den ÖR und auch vielen weiteren publizierenden Akteuren mit Qualitätsinhalten eine Investition wert sein sollte, eine europäische Kultur- und Medienplattform ins Leben zu rufen. Sie würde sicherlich Diskussionen rund um Rundfunkbeiträge oder gar Abschaffungsforderungen des ÖR wie in Österreich in eine gesellschaftlich wünschenswertere Richtung lenken. Hören wir also auf, nur darüber zu sprechen oder zu schreiben, sondern fangen wir endlich an, die Idee praktisch in die Tat umzusetzen.


Christian Bergmann ist Politischer Direktor und Mitgründer der Suchplattform Paul Open Search.


Bisherige Beiträge in der Reihe „Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks": Patricia Schlesinger (15. April 2018), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), Rainer Robra (11. Mai), Norbert Schneider (21. Mai), Tabea Rößner (25. Mai), Thomas Bellut (10. Juni), Frauke Gerlach (22. Juni), Ulrich Wilhelm (5. August), Heike Raab (2. September), Hans-Günter Henneke (15. September), Christine Horz (20. Januar), Siegfried Schneider (20. Februar), Ronald Gläser (3. März), Markus Heidmeier (1. April)