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Die Mode von Litkovskaya wird regelmäßig in Paris gezeigt.
© Lilia Litkovskaya

Mode und Krieg: Ukrainische Designerinnen in Berlin

Zwanzig Kreative aus der Ukraine verkaufen ihre Entwürfe für ein Wochenende in Berlin und sie haben viele Geschichten zu erzählen.

Eigentlich sollte es nur eine kleine Unterstützung für ukrainische Designer werden. Mit fünf Designermarken hatte Kristina Hellhake gerechnet, als sie anbot, einen Pop-up-Shop in Berlin zu organisieren. Sie hat eine Agentur für Mode und vertritt vor allem Berliner Designer. Als sie im März einem ukrainischen Designer ein Quartier anbot, wollte sie mehr tun und zeigte zur Berliner Fashion Week in ihrem Showroom die Kollektion einer Handvoll ukrainischer Designerinnen. Die wünschten sich eine Möglichkeit, ihre Entwürfe in Berlin auch zu verkaufen.

Jetzt stehen zwanzig Designerinnen aus der Ukraine in gleich mehreren Räumen des Lobe Block in Wedding neben ihren Produkten. Für zwei Tage sind sie von überall aus Europa angereist. Das Bedürfnis, sich zu zeigen, ist groß.

Dabei wird schnell die Diskrepanz zwischen all den schönen Dingen deutlich, die es hier zu kaufen gibt, und den Geschichten, die die Frauen zu erzählen haben. Wie Valeria Guzema. Sie lebt seit März mit ihrer zehn Monate alten Tochter in der Nähe von Barcelona und entwirft filigranen Schmuck aus Weiß- und Gelbgold. Zu Hause in der Ukraine sind 54 Männer bei ihr angestellt, die den Schmuck anfertigen. Jetzt sind die meisten von ihnen in der Armee.

Die Mode von Lilia Litkovskaya kann auch sehr angezogen sein.
Die Mode von Lilia Litkovskaya kann auch sehr angezogen sein.
© Lilia Litkovskaya

Aber sie will weitermachen. Vor einem Monat hat sie ihren Laden in Kiew wieder geöffnet. „Eigentlich wollte ich das nicht. Aber so viele Kunden haben gefragt: Wann können wir wieder bei dir einkaufen?“ Sie ist selbst darüber verwundert, dass immer noch so viele Frauen in der Ukraine ihren Schmuck bestellen. „Vielleicht wollen sie sich mit etwas Schönem ablenken“.

Gudu macht avantgardistische Mode.
Gudu macht avantgardistische Mode.
© Gudu

Selbst aus Charkiw kam eine Bestellung. Als die Designerin fragte, wo sie das Schmuckstück hinschicken soll, antwortete die Kundin: „Mein Haus ist zerbombt und hier kommt nichts an, ich bezahle und du schickst erst, wenn alles vorbei ist.“ Auch Valeria Guzema kommt ursprünglich aus Charkiw: „Ich habe einige Freunde verloren“, sagt sie und ihr Lächeln verschwindet. Deshalb will sie 100 Prozent ihres Umsatzes für die Armee spenden. „Jetzt ist nicht die Zeit, Geld zu verdienen, sondern zu helfen.“ Seit dem Krieg bekommt sie Bestellungen von überall auf der Welt. „Die Leute wollen uns unterstützen und suchen gezielt nach Produkten aus der Ukraine.“

Kristina Bobkova arbeitet für ihr Label gerade von Marburg aus.
Kristina Bobkova arbeitet für ihr Label gerade von Marburg aus.
© Bobkova

Maria Gavzylink denkt das erste Mal seit dem Beginn des Krieges wieder ans Geschäft. Vor einem Monat ist sie in Berlin angekommen. „Erst einmal mussten wir sehen, wie wir hier überleben können.“ Jetzt, wo sie eine Wohnung hat, will sie sich um ihre Arbeit kümmern. Unter dem Namen „Gunia Project“ verkauft sie handbemalte Porzellanteller, Schmuck und Tücher. Sie interessiert sich sehr für traditionelles ukrainisches Handwerk, das sie in etwas Modernes umwandelt wie die Darstellung des heiligen Nikolaus auf einer alten Glasmalerei. „In der Ukraine liefen die religiösen Motive sehr gut, aber für Europa habe ich mir etwas Neues ausgedacht.“ Teller mit Nixen, einem schielenden Hummer und nackten Frauen beim Picknick hat sie in Berlin dabei.

Lilia Litkovskaya lebt im Moment in Paris.
Lilia Litkovskaya lebt im Moment in Paris.
© Lilia Litkovskaya

Die Idee für den Showroom kam von Lilia Litkovskaya. Sie ist eine der bekanntesten Designerinnen des Landes. Ihren anspruchsvollen Entwürfen sieht man an, dass sie regelmäßig in Paris präsentiert. Ein Mantel hat übergroße Schultern und ausgefranste Kanten, ein kleiner Bolero ist aus bunten Stoffen zusammengesetzt, die aussehen wie die Reste eines Flickenteppichs. Auf Instagram hat sie ein Bild von sich mit der Chefin der Vogue, Anna Wintour, gepostet. Sie kleidet Olena Selenska ein, die First Lady der Ukraine, die auf einem offiziellen Bild mit ihrem Mann ein weißes Kleid von Lilia Litkovskaya trägt.

Die Mode von Lilia Litkovskaya ist elegant.
Die Mode von Lilia Litkovskaya ist elegant.
© Lilia Litkovskaya

Natürlich wollte Litkovskaya auch in Berlin dabei sein. Aber, so erzählt sie einen Tag vor der Eröffnung in einem Gespräch über Zoom, ihr fehle einfach die Energie, weiter zu reisen. Dennoch will sie ihre Bekanntheit nutzen, so gut es eben geht. Am Montag hatte sie eine Modenschau in London. „Ohne die Unterstützung von vielen Freunden wäre es nicht möglich gewesen, weiterzuarbeiten.“ Die bestellte Ware soll ausgeliefert werden, sie will zeigen, dass es in der Ukraine noch etwas anderes gibt als Krieg.

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Litkovskayas Team arbeitet im Westen der Ukraine von Lwiw aus, sie lebt mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter in Paris. Ihr Mann hat sie am zweiten Tag des Krieges zur polnischen Grenze gefahren, um gleich nach Kiew zurückzukehren und sich freiwillig zur Armee zu melden.

Man sieht Lilia Litkovskaya an, wie schwer es ihr fällt, diese zwei Welten zusammenzubringen – Mode und Krieg. Im Gespräch kann sie kaum die Tränen zurückhalten. Denn neben ihrer Arbeit kommt auch etwas anderes zur Sprache – Bucha. Dort ist die Designerin aufgewachsen, ihre Familie lebt bis heute in der Stadt, die durch Kriegsverbrechen der Russen bekannt wurde. Wie durch ein Wunder gelang es ihrer Mutter im letzten Moment, die belagerte Stadt zu verlassen. Ihr Onkel ist inzwischen zurückgekehrt, um sein zerstörtes Haus wiederaufzubauen. Und auch Lilia Litkovskaya möchte eigentlich nur eins: „So schnell wie möglich zurück nach Hause.“

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