Ein Experiment mit Müll : Einkaufen ohne Plastik einzukaufen

Eine Woche lang Plastik sammeln - um zu wissen, auf wie viel Müll ein Mensch und eine Familie verzichten können. Teil eins eines Experimentes.

Eingekauft zum Wegwerfen. Der Müll einer Woche.
Eingekauft zum Wegwerfen. Der Müll einer Woche.Foto: Mike Wolff

Die Anfangsidee war eine andere: Eine Woche lang Plastikkäufe vermeiden. Die Öko-Hürden im Alltag bezwingen. Nicht mehr eben auf dem Heimweg hastig etwas Eingeschweißtes aus dem Supermarkt ins Körbchen werfen, sondern den Käse an der Biomarkt-Theke in mitgebrachte Glasbehälter legen lassen. Aber vor Teil zwei steht Teil eins: Denn, wer abnehmen will, der muss sich zuerst auf die Waage stellen, um zu sehen, was er verlieren kann an Pfunden – auch wenn sie aus Plastik sind. Eine Woche lang habe ich also zunächst für die Waage Plastik gesammelt.

Das Verhältnis zwischen diesem Kunststoff und mir hat sich in dieser Woche verändert. Es ist intensiver geworden und distanzierter. Wir mögen uns weniger, das Plastik und ich, seitdem ich die gesammelten Verpackungen für ein Foto in der Spüle geschrubbt habe. Joghurtbecher, Pommesbeutel, Käsefolien. Warum kaufe ich etwas, das ich gar nicht haben will? Vieles lässt sich kaum vermeiden, allein im Bad ist alles voll von Plastiktübchen. Ich habe noch nie eine Zahn- oder Klobürste aus Holz besessen, mein Shampoo kommt nicht aus einer Glasflasche und die acht Toilettenpapierrollen werden von Plastikfolie zusammengehalten.

Selbst mein Fahrradhelm ist aus Kunststoff. Einmal im Jahr gibt es einen neuen.

Eine Woche lang habe ausschließlich ich für unsere dreiköpfige Familie eingekauft und mir alle Freiheiten gelassen – der Besuch im Fastfoodlokal mit dem Sohn fiel rein zufällig nicht an. Trotzdem gab es am ersten Tag das erste einschneidende Plastikerlebnis auf der Straße. Ich hatte ein Hustenbonbon von seiner Folie befreit und die in eine orangefarbene Tonne befördert. Volltreffer. Nein, Fehlschuss – das war Plastik, das ich sammeln sollte. Warum eigentlich müllen wir es im Alltag auf der Straße mit allerlei Ekligem zusammen?

Tag zwei. Schwarzer Kaffee mit Milch aus Fitzeleinwegplastemilchkapseln. Ich vernichte im Büro täglich viele davon, aber schlechtes Gewissen gilt jetzt nicht. Nach der Arbeit dann der Einkauf für die Familie: Im Bioladen gibt es weniger Plastik als im konventionellen Geschäft, aber auch da kaufe ich ein. Das Bio-Rinderhack für die Bolognese an Tag drei, verschweißter Großpack. Dazu die Spaghetti aus der Folie befreit und obendrauf Parmesan (Plastikhülle), selbst die Tomatenmarktube hat einen Plastikkopf. Alles Plaste, bis zum Basilikumpflänzchen im Foliengewand. Der Berg Bolognese ist am Ende nicht größer als der Plastikberg, aus dem das Gericht stammt.

Diese Woche aber hat etwas verändert in mir

24 Stunden später stehe ich vorm Joghurt-Regal im Supermarkt. Glas-Joghurt ist teurer, das ist doch das Ding: Es gibt in Prenzlauer Berg einen Laden, in dem alles ohne Plastik angeboten wird. Aber wer kann sich das leisten? Kostet Geld oder kostet Zeit, wenn man genug Geld hat. Ich könnte mir das finanziell leisten, aber von der Zeit her? Bei steigender Nachfrage nach Waren ohne Plastik, das weiß natürlich auch ich, würde sich der Markt ändern. Ich packe Plaste-Joghurt ins Plastikkörbchen.

Eine Woche, ein Haufen.
Eine Woche, ein Haufen.Foto: Mike Wolff

Tag fünf, an der Käsetheke im Lieblings-Biomarkt. Da steht ein Plastikschild auf der Vitrine: „Wir verpacken Ihre Ware auch in von Ihnen mitgebrachte Behältnisse.“ Die können auch aus Plastik sein. Der Verkäufer sagt: „Macht keiner. Ist zu kompliziert, wer will schon die eigene Tupperware den ganzen Tag mit sich herumschleppen.“ Ich sage: „Einmal das Stück da rechts vom mittelalten Gouda, können Sie ruhig in der Folie lassen.“

Tag sechs. Ich säubere Plastik in der heimischen Spüle. Folien, Nachtischbecher und so etwas, so raumgreifend viel ist das nicht. Im Bad würde bei einem Kehraus mehr anfallen, ich entsorge wenigstens die Tempotaschentuchverpackungen. Stofftaschentücher sind Keimschleudern.

Nach sechs Tagen wird fotografiert. Im Büro halte ich schnell noch 20 Fitzeleinwegplastemilchtöpfchen unter Spülmittel, eine Kollegin sieht mich. Ihr Blick: Geht’s noch? Nicht mehr lange, denke ich, nur noch das Foto und danach kommt dieser Moment, in dem wir uns trennen. Ich werde loslassen. Der Fotograf sagt bei der Müllübergabe: „Ich wohne in Kreuzberg, ich kenne so was.“

Mein Anteil vom Tagesspiegel-Gemeinschaftsmüll muss eigentlich obendrauf gerechnet werden

Es sind nur zwei Tüten Plastik geworden, das war wenig. Ich bin ganz klar mit einem blauen Auge davongekommen – weil ich in dieser Woche keine großen Güter aus Plastik entsorgt habe. Irgendwann zum Beispiel müssen diese zwei grünen Plastikgartenstühle und der alte Lampenschirm zur BSR, die alten Adiletten wandern in die Gelbe Tonne. Das nimmt doppelt so viel Platz ein wie mein Müll aus der Testwoche.

Diese Woche aber hat etwas verändert. Ich war kein „Die Biogurke ist in Plastikfolie!“-Schimpfer, sondern ich habe einfach gekauft. Ich dachte bislang, ich würde kaum Plastik einkaufen, da ich ja vorwiegend in den Biomarkt gehe, aber der Plastikhaufen sagt etwas anderes. Und da ist mehr, als auf dem Foto sein kann: Wenn ich bei uns in der Kantine essen gehe, kommen die Lebensmittel ja auch zum Teil in Plastik verschweißt daher. Nichts gegen unsere gute Kantine. Aber mein Anteil vom Tagesspiegel-Gemeinschaftsmüll muss eigentlich obendrauf gerechnet werden. Es waren zweieinhalb Beutel.

Da also liegt die Messlatte für den zweiten Teil des Experimentes. Jetzt wird es spannend, zu sehen, ob es ganz ohne geht. Eine Woche lang werde ich versuchen, kein Plastik mehr einzukaufen. Das Ergebnis gibt es dann im Tagesspiegel, der Weg dahin wird in einem Blog begleitet.

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