zum Hauptinhalt
George Pérez auf einem Archivfoto von 2019.
© Gabriel Olsen / AFP

George Pérez (1954-2022): Ein zeichnender Superheld

George Pérez war ein bescheidener Revolutionär des US-Superheldencomics. Jetzt ist er mit 67 Jahren gestorben. Ein Nachruf

George Pérez war ein Superheld. Ein Superheld im Hawaiihemd, mit einer Falstaff-Plautze und einem dröhnenden Lachen, das ganze Säle zum Mitlachen animierte. Aber er war auf eine sympathische, bescheidene Art auch ein Revolutionär, der den US-Superheldencomic für immer zum Guten veränderte.

Wonder Woman, gezeichnet von George Pérez.
Wonder Woman, gezeichnet von George Pérez.
© DC Comics

Bereits Mitte der 70er Jahre schuf er im Magazin „Deadly Hands Of Kung Fu“ den ersten lateinamerikanischen Helden White Tiger. Seine Wiederbelebung von Wonder Woman ab 1987 zeigte, dass der am 9. Juni 1954 in der Bronx geborene Pérez Feminismus verstand und praktizierte.

Es waren diese kleinen, voller Selbstverständlichkeit im Verborgenen vorgetragenen Veränderungen, die Pérez zu einem interessanten Künstler machten.

Rein visuell blieb er immer seinem Idol Jack Kirby und dessen sauberen, realistischen und dynamischen Stil treu. Mit einer Ausnahme: Pérez liebte es, Massenszenen zu zeichnen. Das machte ihn zum idealen Künstler für Teamserien wie „Justice League Of America“ und „Avengers“ (die laufende Nummer #161 war das erste US-Comic-Heft überhaupt, das der Autor dieses Nachrufs mit zitternden Händen im PX an der Truman Plaza – heute das Wohnquartier Fünf Morgen – erstand).

Den endgültigen Durchbruch hatte Pérez ab 1980 mit den „New Teen Titans“, einer Superheldengruppe, die aus den jugendlichen Sidekicks der großen Helden des DC-Verlages bestand.

Seine „New Teen Titans“ ließen sogar die „X-Men“ hinter sich

Gemeinsam mit seinem Autor Marv Wolfman erzählte Pérez hier Geschichten über Rassismus, Drogen und Depression, wie es für die Zeit üblich war oft mit einem erhobenen Zeigefinger. Die „New Teen Titans“ verkauften mehr, als die Marvel-Konkurrenz „X-Men“.

Die New Teen Titans verhalfen Pérez endgültig zum Durchbruch.
Die New Teen Titans verhalfen Pérez endgültig zum Durchbruch.
© DC

Das qualifizierte Pérez dafür, die größte DC-Geschichte aller Zeiten zu zeichnen: „Crisis On Infinite Earths“ räumte im DC-Multiversum auf, Helden wie Supergirl und Flash starben, Pérez jonglierte mit ganzen Welten, konnte seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zeigen, was Layout, Hintergründe und Gesichtsausdrücke betraf.

Plötzlich galt sein Stil als „the next big thing“.

Nach künstlerischen Differenzen mit Redakteuren bei DC und Marvel zog sich Pérez für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück, frönte seiner Vorliebe für – hüstel – Damen-Wrestling und holte sich als Selbstverleger eine blutige Nase. Erst 1998 trat er wieder in die Öffentlichkeit als Zeichner von Kurt Busieks „Avengers“-Relaunch. Eine ganze Generation von Lesern hatte Pérez fast vergessen, doch plötzlich galt sein etwas altmodischer Stil als „the next big thing“.

[Vergangene Woche ist mit Neal Adams ein weiterer prägender US-Comiczeichner gestorben. Hier gibt es de Tagesspiegel-Nachruf auf ihn.]

Dass er wie ein Popstar gefeiert wurde, nahm Pérez mit dem warmherzigen Humor, für den er unter Kollegen bekannt war.

Genauso – mit Humor – behandelte er seine eigene Krankengeschichte. Seinen ausufernden Lebensstil hatte George mit einer Diabetes bezahlt, 2013 wurde er auf dem linken Auge blind, hatte vor fünf Jahren einen Herzinfarkt und Probleme mit der Leber. Im Dezember 2021 gab er bekannt, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat.

George Pérez war ein Superheld. Ein Superheld – immer noch im Hawaiihemd, wenn auch 40 Kilo leichter –, der sein Schicksal annahm. Auf jedem verdammten Foto der letzten sechs Monate lächelte, grinste, lachte er. Mit seinem Tod in der Nacht von Freitag auf Sonnabend ist diese Welt wieder etwas kälter, humorloser, düsterer und unglamouröser geworden.

Zur Startseite