Ernährungsreport 2020 : Weniger Fleisch, mehr Tierwohl – worauf die Deutschen achten

Das Essverhalten ändert sich. In der Corona-Krise wird mehr selbst gekocht. Das schärft das Bewusstsein für Herkunft, Frische, Qualität.

Ein Schwein im Freilichtmuseum Ballenberg blickt durch Holzbalken.
Ein Schwein im Freilichtmuseum Ballenberg blickt durch Holzbalken.Foto: Urs Flueeler/dpa

Die Deutschen ändern sich. Beziehungsweise ihr Essverhalten. Nur jeder Vierte (26 Prozent) isst täglich Fleisch- oder Wurstprodukte – 2015 waren es noch 34 Prozent. Bei zwei Dritteln kommen jeden Tag Milchprodukte auf den Tisch, und Spitzenreiter in Küchen und in Esszimmern sind Gemüse und Obst: 70 Prozent aller Deutschen essen Tag für Tag Tomate, Banane und Co.
Mehr als die Hälfte nennen sich „Flexitarier“ – Fleischesser, die gelegentlich bewusst darauf verzichten.

Das ist das Ergebnis des „Ernährungsreports 2020“, den die zuständige Ministerin Julia Klöckner am Freitag in Berlin vorstellte.

Für die Umfrage wurden 1000 Menschen im Dezember und Januar befragt, zusätzlich gab es eine Befragung im April, um die Auswirkungen der Coronakrise zu erfahren. Auch die hatte Auswirkungen auf das Essverhalten. So ist zum Beispiel die Bedeutung der Landwirtschaft gewachsen – für 39 Prozent nahm sie zu.
Auffällig dabei: Jugendliche und junge Erwachsene haben zu Ackerbau und Viehzucht eine zunehmend positive Einstellung (47 Prozent). Außerdem wurde in der Krise deutschlandweit mehr gekocht, mehr gemeinsam gegessen und dadurch der Blick für die Herkunft von Lebensmitteln geschärft. Gewinner bei den täglichen Mahlzeiten waren die frischen Zutaten.

Der Ernährungsalltag der Deutschen hat sich also durch die Pandemie geändert. CDU-Ministerin Klöckner resümiert: „Lebensmittel aus der Region haben an Bedeutung gewonnen.“ Es sei ein „neues Bewusstsein für Lebensmittel“ entstanden – und für die Arbeit derjenigen, die sie produzierten. „Diese neue Wertschätzung gilt es, aufrechtzuerhalten.“
Nicht immer wurde nur gekocht – doch auch wer Lieferdienste in Anspruch genommen hat, setzte vor allem auf Lieferangebote örtlicher Gastronomen. 21 Prozent der Befragten, bestätigten, dass sie bei Restaurants in ihrem Kiez Essen bestellt hätten.
Für die Ministerin „ein Zeichen des gesellschaftlichen Zusammenhalts“.

Spannend sind die Zahlen in Bezug auf die veränderte Vorratshaltung der Deutschen, die sich ja gerade zu Beginn der Krise in Hamsterkäufen ausdrückte. Für 17 Prozent aller Deutschen – also knapp jeden Fünften – hat „die Bevorratung von Lebensmitteln in der Corona-Situation“ an Bedeutung gewonnen.
Viel wichtiger – und mit deutlichen Zahlen untermauert – ist die Bereitschaft der Deutschen, für das Wohl der Tiere auch Geld auszugeben. Dass 81 Prozent der Befragten ein staatliches, unabhängiges Tierwohlkennzeichen begrüßen würden, ist das eine.

Fast jeder Zweite würde viel mehr für Fleisch bezahlen

Interessanter und vielversprechender ist die Bereitschaft der Verbraucher, für das Tierwohl auch mehr Geld auszugeben: 45 Prozent gaben an, pro Kilo Fleisch sogar bis zu 15 Euro mehr zahlen zu wollen. Die Ministerin sieht das nüchtern. Die verbale Bereitschaft sei erfreulich. „Leider sieht es an der Ladentheke oftmals anders aus“, sagt sie. Und wenn die Verbraucher tatsächlich mehr zahlen würden, müsste es „verlässliche und transparente“ Angaben zum Tierwohl geben.
Essentielles Umdenken hat auch beim Thema Wertschätzung von Lebensmitteln und Ressourcenverschwendung eingesetzt. Neun von zehn Deutschen verlassen sich bei der Prüfung von Joghurt, Milch und anderen Produkten auf ihre Nase oder ihre Augen – nicht auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. 2016 taten dies nur 76 Prozent. Dass 90 Prozent Wert auf gesundes Essen legen, ist wenig überraschend, fast genauso viele (86 Prozent) befürworten, dass Fertigprodukten weniger Zucker zugesetzt wird. In Kauf genommen wird, dass die Produkte dann weniger süß sind. „Ernährung wird bewusster gelebt“, ist das Fazit von Julia Klöckner über die aktuelle Erhebung.
Auch Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter spricht von „guten Nachrichten“ für die Umwelt und Gesundheit vieler Menschen. Vor allem sei es eine Steilvorlage für Klöckner: „Mit dem Rückenwind eines gesellschaftlichen Trends kann die Ministerin nun endlich bei der Verbesserung der Tierhaltung vorankommen und höhere Haltungsstandards durchsetzen.“

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